Buchcover Jenny Pearson: Die unglaubliche Wunderreise des Freddie Yates

Freddie Yates ist ein 11-jähriger Junge, der mit seinem Dad und seiner Grams in der englischen Stadt...

Rezension von Anja Sieger

„Was macht man aus Zwiebeln und Bohnen?“ „Tränengas!“

Was gibt es Schöneres als ein Buch, das einen laut lachen und leise schmunzeln lässt, aber auch nachdenklich stimmt? All das kann man erleben, wenn man sich mit Freddie und seinen zwei Freunden auf eine abenteuerliche Reise durch Wales begibt, um Freddies leiblichen Vater zu finden. Am Ende treffen sie diesen zwar nicht, erkennen aber ein weiteres Mal den Wert ihrer Freundschaft.

BuchtitelDie unglaubliche Wunderreise des Freddie Yates
AutorJenny Pearson
GenreAbenteuer
Humor & Comedy
Lesealter10+
Umfang280 Seiten
VerlagArena
ISBN978-3-401-60577-7
Preis13,00 €

Freddie Yates ist ein 11-jähriger Junge, der mit seinem Dad und seiner Grams in der englischen Stadt Andover lebt. Als am letzten Schultag die betagte Grams stirbt, erfährt er durch einen von ihr an ihn adressierten Brief, wer sein leiblicher Vater ist. Aus Sorge, dass er, da seine Mutter kurz nach seiner Geburt verstorben ist, gar keine Verwandten mehr hat, beschließt Freddie, sich auf die Suche nach diesem zu machen. Unterstützt wird er dabei von seinen Freunden Charlie (ein etwas naiver Junge, der darunter leidet, dass seine Mutter ihn auf eine vegane Dauerdiät gesetzt hat) und Ben (ein furchtloser Junge, der unglücklich über seine neue Stiefmutter ist und sich von seinem Vater nicht wahrgenommen fühlt). Das Trio bricht heimlich nach Cardiff in Wales auf, da Alan Froggley laut Recherche von Freddie hier bei der Firma Cardiff Analytics arbeiten soll. Allerdings hat dieser vor über zwei Jahren bereits die Firma verlassen und ist in seine Heimat zurückgekehrt, sodass sich Freddie und seine Freunde dazu entschließen, ihn in seinem Geburtsort St. David’s zu finden. Die folgende Reise führt die drei Jungen an verschiedene Orte in Wales, lässt sie auf kuriose Menschen treffen und sie selbst zu Superhelden werden, da sie zwischenzeitlich aufgrund eines Notfalls in Superheldenkostüme schlüpfen müssen und die Menschen in ihrer Umgebung ihre Taten als Wunder begreifen und als übernatürlich wahrnehmen. Verknüpft ist ihre Reise mit einem Kriminalfall, sodass sie sich nicht nur auf der Suche nach Freddies Vater befinden, sondern selbst von einem Dieb gesucht werden, da sie seine Beute an sich genommen haben. Am Ende findet Freddie zwar nicht seinen leiblichen Vater, sondern erfährt von dessen Mutter, dass dieser bereits vor zwei Jahren verstorben ist. Aber es sind die Familien der drei Jungen am Strand von St. David’s versammelt und mit aller Entschlossenheit verteidigen die Eltern ihre Kinder vor den Anschuldigungen und Übergriffen des Ringräubers und seiner Handlanger. Freddie hat zwar nicht seinen leiblichen Vater gefunden, aber den wahren Wert von Freundschaft und Familie entdeckt. Und auch die familiären Probleme seiner Freunde sind gelöst, weil die Eltern für ihre Kinder eingetreten sind.

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden. 

„Der Pfarrer erhob sich und sagte jede Menge nette Dinge über Grams. Dann lieferte er eine kleine Zusammenfassung ihres Lebens. Es war ein bisschen wie beim Tor des Jahres, wo sie die schönsten Tore eines Jahres noch mal im Schnelldurchlauf zeigen, nur dass er all die tollen Dinge aufzählte, die sie in ihrem Leben geleistet hatte.“ (S. 272)

Auch wenn der Tod der Großmutter diesen Kinderroman rahmt und der Verlust von Angehörigen auch ein Thema des Buches ist, hat es so gar nichts Schweres an sich, sondern überzeugt durch ganz viel Warmherzigkeit und vor allem Humor. Zum einen ist die Reise der drei Jungen durch viele skurrile Erlebnisse und Begegnungen gekennzeichnet. So amüsiert es zum Beispiel, dass Freddie nach dem Verlust seiner Kleidung nicht nur das Supergirl-Kostüm als Ersatz abbekommt, sondern auch noch mit einem rosafarbenen ‚Mädchenfahrrad’ die Reise fortsetzen muss oder dass der immer hungrige Charlie in einer verlassenen Kirche durch einen Toilettengang zunächst für eine Verstopfung sorgt, sodass in weiterer Folge durch ein Platzen der Rohre die verloren geglaubten Gebeine der drei Heiligen der Kirche wieder auftauchen. Zum anderen gibt es ganz viel Situationskomik (Beispielsweise hat Freddie eine geblümte Unterhose seiner Großmutter mit einem ihrer Taschentücher verwechselt und weint nun in diese.) und Sprachwitz, der sich in den Dialogen der Figuren zeigt. Auch die durch Freddie immer wieder eingestreuten Fakten sorgen für ein Schmunzeln, da sie sich zwar auf die jeweilige Situation beziehen, dennoch aber zum Teil nur bedingt als passend im jeweiligen Kontext erscheinen. (So ruft Freddie beispielsweise Fakten zum Thema ‚Walross’ auf, als sein Dad vor Trauer wie ein sterbendes Walross klingt.) Durch sein Faktenwissen kommt Freddie sehr gebildet daher, erscheint dann aber wieder auf eine sehr sympathische Art und Weise kindlich naiv. So denkt er an einen Vogel, wenn seine Großmutter am Grünen Star erkrankt ist, oder glaubt, dass eine Sterbeurkunde eine Auszeichnung für das Sterben ist und an die Wand gehört wie beispielsweise seine Schwimmurkunde. 

Aber nicht nur Freddie wächst den Leser*innen durch seine sympathische Zeichnung ans Herz, sondern auch seine Freunde Ben und Charlie. Alle drei sind letztendlich – im positiven Sinne – durchschnittliche Jungen, die aber in besonderen Situationen über sich hinauswachsen und für andere eintreten und somit ein gelungenes Identifikationsangebot für Jungen und Mädchen darstellen. Dadurch werden nicht Tod, Verlust und Trauer zu den bestimmenden Themen des Kinderbuchs, sondern es ist der Wert der Freundschaft, der im Zentrum des Romans steht.

Sehr gelungen ist auch die Mischung aus auktorialer und personaler Erzählergestaltung; diese ist zunächst ein weiterer Grund dafür, dass die Leser*innen nah bei Freddie sind, sie sorgt dann aber auch für eine große Spannung innerhalb des Erzählten. Auch wenn die „unglaubliche Wunderreise“ erst auf der Seite 55 beginnt, setzt schon früh Spannung ein, da Freddie sich als auktorialer Ich-Erzähler immer wieder an die Leser*innen wendet und das eigene Verhalten rückblickend kommentiert, sodass man gerne wissen möchte, was eigentlich passiert ist bzw. passieren wird, warum eine andere Handlungsweise besser gewesen wäre usw. Eingestimmt wird man dabei immer durch eine kleine Kapitelvorschau; in diesen Ankündigungen wird aber nur angedeutet, was geschehen wird bzw. welche Figuren auftreten werden, sodass Neugier auf das dann Folgende geweckt wird.

Überhaupt ist bereits die Gestaltung des Buches (Cover, gezeichnete Vorstellung der drei Jungen im Inneneinband, einführende Kapitelillustrationen) sehr gelungen und sorgt gemeinsam mit dem Klappentext und der witzigen Kurzvorstellung der Autorin dafür, dass man Lust auf das Buch bekommt. Erwähnenswert ist zudem die Gestaltung der Seitenzahlen. Ist man am Beginn vielleicht etwas irritiert darüber, was die variierenden Schaf-Seitenzahlendarstellungen sollen, so klärt sich dies mit dem Auftauchen des Schafs Sheila, welches den Jungen  – als Dank für die eigene Rettung – gemeinsam mit seiner Herde zur Flucht vor dem sie verfolgenden Räuber verhilft.

Die chronologisch erzählte Geschichte, die durch Prolog und Beerdigung von Freddies Großmutter gerahmt ist, ist weder strukturell noch sprachlich überfordernd für geübtere Leser*innen. Diesen wird durch die sehr witzige Geschichte nicht nur ein sehr humorvolles Leseabenteuer geboten, sondern auch beispielhaft gezeigt, dass Reisen eine doppelte Bedeutung haben kann. Zum einen unternehmen die drei Jungen natürlich eine Reise, um Freddies leiblichen Vater zu finden. Zum anderen erleben sie aber auch eine Reise zu sich selbst und gehen allesamt gestärkt aus dem Erlebten hervor. 

Angesprochen werden v.a. Jungen (und Mädchen), die mit dem Lesenkönnen (Prozessebene) keine (größeren) Probleme haben, die aber unter Umständen nicht so gerne lesen (Subjektebene). Durch den Humor und die Spannung, die zum einen durch die Suche Freddies nach seinem leiblichen Vater, dann aber auch durch den Kriminalfall entsteht, versteht es das Buch, seine Leser*innen an sich zu binden und die 280 Seiten gerne zu bewältigen. Diesbezüglich ist das Buch v.a. für die private Lektüre, aber auch für die Klassenbibliothek (Lesestoff für freie Lesezeiten / Vielleseverfahren) zu empfehlen. 

Wenn es darum geht zu erforschen, warum und wie Komik in Texten entsteht und was von wem überhaupt als komisch empfunden wird, bietet es aber durchaus auch Potenzial für eine Klassenlektüre / eine unterrichtliche Behandlung. Für eine solche spricht zudem die Erzähler-form, nämlich wenn man mit seinen Schüler*innen erkunden möchte, welche Wirkung bzw. Auswirkung die verschiedenen Möglichkeiten der Erzählergestaltung haben. 

Auch wenn die Leseforschung gezeigt hat, dass Leserinnen kein bzw. kaum ein Problem damit haben, sich mit männlichen Protagonisten zu identifizieren, kann man Die unglaubliche Wunderreise des Freddie Yates auch gut für einen Vergleich mit einem thematisch gleichen bzw. ähnlichen Kinderbuch, bei dem aber ein Mädchen die treibende Kraft einer Reise ist, nutzen. Lisa Kruses Roman Das Universum ist verdammt groß und supermystisch, welches ebenfalls 2021 erschienen ist, stellt für eine vergleichende Lektüre und damit für eine Wahllektüre eine hervorragende Möglichkeit dar, begibt sich doch auch hier ein Junge auf die Suche nach seinem leiblichen Vater und unternimmt hierzu eine abenteuerliche Reise. Im besten Fall kann es durch eine gemeinsame Behandlung von zwei Büchern nicht nur dazu kommen, dass die Schüler*innen durch die Möglichkeit der Wahl besonders motiviert für die Lektüre sind, sondern auch dazu führen, dass sie Lust auf das von ihnen nicht gelesene Buch bekommen, sodass sie am Ende auch zu diesem greifen.