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Buchcover Mark Haddon: Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone

Rezension von Göran Nieragden

Christopher hat das Asperger-Syndrom, ist autistisch, kann weder Mimik noch Gestik eindeutig interpretieren, ist verloren abseits bekannter Wege, Orte und Personen, hasst Lärm, Gerüche und Enge, reagiert mit Schrei- und Brüllanfällen. 'Supergute Tage' gibt es für ihn nur, wenn er mindestens fünf rote Autos hintereinander sieht ...

BuchtitelSupergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
AutorMark Haddon
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang272 S. (engl.); 256 S. (dt.)
VerlagRandom House UK (engl.); Goldmann (dt.)
ISBN978-0099470434 (engl.); 978-3442460939 (dt.)
PreisEUR 6,60 (engl.); EUR 8,95 (dt.)

Der fünfzehnjährige Christopher Boone lebt mit seinem Vater Ed in Swindon, auf halber Strecke zwischen London und Bristol. Seit dem Krebstod der Mutter Judy vor zwei Jahren schultert er sein Dasein meistens alleine; ihn motiviert v.a. sein großer Traum, Astronaut zu werden. Beständig übt er, um in Mathe und Physik der Beste seines Jahrgangs zu sein.


Und genau hier liegt das Problem: Christopher hat das Asperger-Syndrom, ist (mittelschwer) autistisch, kann weder Mimik noch Gestik eindeutig interpretieren, ist verloren abseits bekannter Wege, Orte und Personen, hasst Lärm, Gerüche und Enge, reagiert mit Schrei- und Brüllanfällen. 'Supergute Tage' gibt es für ihn nur, wenn er mindestens fünf rote Autos hintereinander sieht, und die sieht man auch in Swindon eher selten...


Christopher geht auf die Förderschule, wo ihn die Erzieherin-cum-Mentorin Siobhan anleitet, seine Begeisterung für die Mathematik befürwortet. Seine Unfähigkeit, 'emotional intelligent' zu sich selbst wie zu seiner Umwelt zu sein, therapiert sie durch die Mitgabe von Smileys für Christopher sowie durch die Aufgabe, Tagebuch über seinen Alltag zu schreiben.


Christopher findet eines Nachts den erstochenen Nachbarshund Wellington, der Eileen Shears von gegenüber gehört. Methodisch und analytisch, wie er nunmal ist, sucht er nach Spuren. Und wird von der Polizei erwischt. Und beißt einen Polizisten – Festnahme – Arrest – Vaters Erklärung – Freilassung unter Bewährungsauflage. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen:  seinem anderen Idol, dem grossen Detektiv Sherlock Holmes folgend, fasst er den Vorsatz, den Mörder Wellingtons zu überführen und darüber – als eine Art Tagebuch – den grossen 'Mystery Murder' Roman zu verfassen, den wir gerade in der Hand halten.


Als sein Vater das Buch findet und es aus Sorge um weiteren Ärger mit der Polizei versteckt, entsteht ein tiefer Riss in Christophers zartem Fortschritt, Vertrauen aufzubauen. Er stößt dabei auf (ihm vorenthaltene) Briefen seiner Mutter, die, ganz und gar nicht tot, inzwischem mit ihrem Ex-Geliebten / Neuen Partner in London lebt. Er konfrontiert seinen Vater damit, der schließlich zugibt, aus Schamgefühl gelogen zu haben. Und auch selbst – des Rätsels Lösung – den Hund mit der Mistgabel erstochen zu haben, denn der Rivale, der ihn verdrängt hat, ist niemand anderes als Roger Shears, Eileens abtrünniger Ehemann. Christopher ist zu geschockt, verletzt, verwirrt, um das alles richtig zu verarbeiten und begibt sich alleine per Bahn noch London. Judy freut sich ihn zu sehen, wusste nichts von Eds Eigenmächtigkeiten und nimmt Christopher gerne auf. Roger sieht das anders, kurz gesagt: 'der Junge oder ich'.


Judy packt sieben Sachen, fährt mit Christopher zurück nach Swindon. Nicht in ihr altes Leben, nicht zu ihrem ersten Ehemann, sondern in eine neue Zukunft: kleine Wohnung, bescheidener Job, Besuchsrecht für den Vater. Auch Ed 'lernt' schließlich, schenkt Christopher einen kleinen Hund und nimmt sich fest vor, das Vertrauen zu ihm wieder aufzubauen. Und Christopher selbst baut ein glänzen des Mathe-Examen und verkündet sein nächstes großes Projekt, nämlich als Naturwissenschaftler zu reüssieren. Sein Buch hat er ja nun bereits geschrieben.

1: Christophers Art zu philosophieren

I do not tell lies. Mother used to say that this was because I was a good person. But it is not because I am a good person. It is because I can't tell lies.
Mother was a small person who smelt nice. And she sometimes wore a fleece with a zip down the front which was pink and it had a tiny label which said Berghaus on the bosom.
A lie is when you say something happened which didn't happen. But there is only ever one thing which happened at a particular time and a particular place. And there are an infinite number of things which didn't happen at that time and that place. And if I think about something which din't happen I start thinking about all the other things which didn't happen.
For example, this morning for breakfast I had Ready Brek and some hot rasp­berry milkshake. But if I say that I actually had Shreddies and a mug of tea I start thinking about Coco-Pops and lemonade and porridge and Dr Pepper and how I wasn't eating my breakfast in Egypt and there wasn't a rhinoceros in the room and Father wasn't wearing a diving suit and so on and even writing this makes me feel shaky and scared, like I do when I'm standing on the top of a very tall building and there are thousands of houses and cars and people below me and my head is so full of all these things that I'm afraid that I'm going to forget to stand up straight and hang onto the rail and I'm going to fall over and be killed.
This is another reason why I don't like proper novels, because they are lies about things which didn't happen and they make me feel shaky and scared.
And this is why everything I have written here is true.
(S. 24-25)


2: Christophers Art zu kommunizieren

So I went up to the man in the little shop and I said, 'Where is 451c Chapter Road, London NW2 5NG?'
And he picked up a little book and handed it to me and said, 'Two ninety-five.'
And the book was called LONDON AZ Street Atlas and Index Geographers A-Z Map Company and I opened it up and it was lots of maps.
And the man in the little shop said, 'Are you going to buy it or not?'
And I said, 'I don't know.'
And he said, 'Well, you can get your dirty fingers off it if you don't mind,' and he took it back from me.
And I said, 'Where is 451c Chapter Road, London NW2 5NG?'
And he said, 'You can either buy the A to Z or you can hop it. I'm not a walking encyclopaedia.'
And I said, 'Is that the A to Z?' and I pointed at the book.
And he said, 'No, it's a sodding crocodile.'
And I said, 'Is that the A to Z?' because it wasn't a crocodile and I thought I had heard wrongly because of his accent.
And he said, 'Yes, it's the A to Z.'
And I said, 'Can I buy it?'
And he didn't say anything.
And I said, 'Can I buy it?'
And he said, 'Two pounds ninety-five, but you're giving me the money first. I'm not having you scarpering,', and then I realised that he meant £2.95 when he said Two ninety-five.
And I paid him £2.95 with my money and he gave me change just like in the shop at home and I went and sat doiwn on the floor aqgainst the wall like the man with the dirty clothes but a long way away from him and I opened up the book.
(S. 228-230)

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Die Faszination dieses in GB vielfach preisgekrönten Romans liegt in der äusßerst ungewöhnlichen Formation des Ich-Erzählers: Christopher 'flippt aus', wenn sich zwei Gemüsesorten auf seinem Teller 'berühren', kann Fahrscheine kaum ertragen, wenn sie gelb sind, erzählt aber kompetent vom Aufbau der Galaxie und löst das famose mathematische 'Ziegenproblem'. Die Übernahme seiner eng begrenzten Weltsicht durch den Leser, welche ihn in starke Norm-Abgrenzung zum 'normalen' Kind setzt, gelingt von der ersten Seite an; gefangen in der stark reglementierten Welt seiner eigenen Umgebung und seines eigenen Verstandes, beinahe zwangsneurotisch systematisch in allem, was er tut und denkt, wird dieser kleine Held zum Detektiv, Entdecker und Familientherapeuten wider Willen, ohne das selbst zu verstehen.

Verstehen durch Erzählen
Christophers mentale Ausgangslage gewinnt verblüffend an Authentizität, da er, wie die meisten Autisten mit seiner Diagnose, durchaus um den eigenen Status weiß, diese Selbstwahrnehmung jedoch kaum einsetzen kann, um 'aus seiner Haut' zu kommen. Der Halt, der ihm bleibt, ist das Auf-Schreiben seiner Beobachtungen und Gedanken; weniger seiner Empfindungen, denn deren Welt steht ihm kaum offen. Und genau das ist das 'Unerhörte' am Roman , dass er selbst das Manifest des maximal zu erreichenden Verstehensniveaus ist: m.a.W., Christopher schreibt seine Geschichte auf, weil er nicht 'wie die anderen' kommunizieren kann, und genau durch diesen Prozess gelingt ihm just diese Kommunikation nach außen.


In Christophers Welt müssen Rätsel gelöst werden, ob sie aus komplizierten binomischen Formeln, getöteten Hunden oder geheimnisvollen Wegweisern im urbanen Dschungel Londons bestehen; er reagiert auf die oft 'unterschwelligen' Mechanis¬men der Erwachsenenwelt mit einer zwangsläufigen Verweigerungs-Haltung. Was nicht eindeutig ist, hat für ihn keine Geltung: "I want my name to mean me" (S. 20). Christophers Beharrlichkeit wirkt daher auch nie wie enervierende Penetranz, sondern gleichsam folgerichtig und konsequent. Sprachlich gesehen zeigt sich dies im völligen Fehlen von linguistischer Pragmatik in Christophers Kommunikations-Verhalten: Indirektheit, Ironie und Metaphorik sind Christopher unbekannt, was den verbalen Austausch für seine Mitmenschen schwierig macht (vgl. Leseprobe 2 oben).


Das Buch weist zu ca. 90 % eine sehr einfache, einzelne Sätze mehrfach wiederholende Syntax, beschränkte Lexis und das völlige Fehlen vorn Adjektiv-Ornamentik auf, was als Abbild der psychischen, kognitiven und verbalen Defizite Christophers überzeugt (vgl. Leseprobe 1 oben). Die Lektüre in der Originalsprache ist damit durchaus auch Englischlernenden der Klassen neun aufwärts zuzutrauen. Der Protagonist ist fünfzehn; von ihm in schlichter Sprache lediglich geschilderte, auch vom jüngeren Leser jedoch sofort dekodierte reale Probleme hinter der Fiktion (Zukunftspläne; Familienkonflikte; Schulalltag; großstädtische Anonymität vs. Zwangsnachbarschaft der Reihenhaussiedlung in der Vorstadt) dürften nur allzu bekannt sein. Der Kunstgriff hierbei liegt darin, dass Christophers nur schwache und relativ erfolglose Solidaritäts-Bemühungen im Roman verblassen, in seiner altersgemäßen peer group auf Leserseite jedoch sofort fruchten: Christopher 'kann keine' Gefühle; das teilt er mit so manchem pubertierenden Jungen unserer Zeit. Er spricht darüber hinaus, stereotyp gesehen, in hohem Maße männliche Leser an, da Technik- und Maschinenbegeisterung und generell Präzision in Christophers alternativem Lebensentwurf eine zentrale Rolle spielen.

Formale Aspekte
Christopher liebt Primzahlen und so nummeriert er auch die Einträge in seinem Buch: das erste Kapitel trägt die Nummer "2", bereits das zehnte die "23"; das Buch endet mit Kapitel "233" auf Seite 268 bevor ein "Appendix" auf vier Seiten eine der von Christopher vorgenommenen mathematischen Beweisführungen noch einmal en detail durchführt. Es finden sich zahlreiche Bilder (Smileys, Rätselkästchen, Strassenschilder), die den Lektürevorgang ebenso erhellen wie auflockern. In Christophers Welt sind sie zwingend; in Christophers Buch daher konsequent.  Layout, Schriftgrösse und Kapitellänge sind (jung-)leserfreundlich.

Zusammenfassende Bewertung und Fazit:
Ein ungewöhnlicher Roman mit einem ungewöhnlichen Ich-Erzähler, der uns leicht lesbare und dennoch spannende Einblicke in die (innere) Welt eines Autisten bietet und dabei indirekt das Selbstverständnis der 'Normalen' als 'normal' mit bedenkenswerter Kritik befeuert. Uneingeschränkt empfehlenswert.

Audiobuch-Version auf CD, 2003. ISBN 978-1856867887.

Breuer, Ulrike & Martina Peters-Hilger. 2007. EinFach Englisch Unterrichtsmodelle. Unterrichtsmodelle für die Schulpraxis. Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Night-Time. Paderborn: Schöningh.

McRoberts, Richard.  2005. The Curious Incident of the Dog in the Night Time (Cambridge Wizard English Student Guides). Cambridge: Cambridge University Press.