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Buchcover Clay Carmichael: Ich bin kein anderer

Rezension von T.A. Wegberg

Der 17-jährige Billy, jobbender Schulabbrecher, der nur Bruder genannt wird, erfährt nach dem Tod seiner Großmutter Mem, bei der er aufgewachsen ist, zufällig, dass er noch einen Zwillingsbruder hat. Er macht sich auf den schwierigen Weg nach Winter Island, einer Privatinsel, wo sein Bruder als Adoptivsohn des einflussreichen Senators Gideon Grayson lebt, unfreiwillig begleitet von Jack, dem fünfjährigen Bruder seines besten Kumpels Cole...

BuchtitelIch bin kein anderer
AutorClay Carmichael
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang315 Seiten
Edition2015
VerlagHanser
ISBN978-3-446-24743-7
Preis15,90 €

Der 17-jährige Billy, jobbender Schulabbrecher, der nur Bruder genannt wird, erfährt nach dem Tod seiner Großmutter Mem, bei der er aufgewachsen ist, zufällig, dass er noch einen Zwillingsbruder hat. Er macht sich auf den schwierigen Weg nach Winter Island, einer Privatinsel, wo sein Bruder als Adoptivsohn des einflussreichen Senators Gideon Grayson lebt, unfreiwillig begleitet von Jack, dem fünfjährigen Bruder seines besten Kumpels Cole. Unterwegs begegnet er den verschiedensten Menschen, die ihm weiterhelfen, Rätsel aufgeben und auch neue Inspirationen vermitteln.

Auf der Insel trifft er auf heftige Widerstände, denn sein Auftauchen passt nicht ins politische Kalkül. Außerdem deckt Bruder familiäre Zusammenhänge auf, die bis weit in die Zeit vor seiner Geburt zurückreichen – und einige davon stellen alles in Frage, was er bis dahin geglaubt hat.

Die Gäste wurden absolut still, und die elektrisierte Menge teilte sich für den Senator wie einst das Rote Meer für die Israeliten. Hätte Grayson zwei steinerne Gesetzestafeln aus den Taschen seines Smokings hervorgeholt, Bruder wäre nicht überrascht gewesen. Die Augen fest auf sein Ziel gerichtet, schritt der Senator würdevoll auf Bruder zu. Dabei sprach er zu niemandem, und niemand sprach ihn an. Die Zuschauer standen starr da, wie vom Donner gerührt, wagten kaum zu atmen und versuchten zu begreifen, was sich da vor ihren Augen abspielte.
Als der Senator vor Bruder stand, lächelte er sein charakteristisches Lächeln – eine geniale Leistung, hatte Mem bewundernd und verächtlich zugleich es genannt. Er betrachtete Bruder wie ein Gastgeber den Truthahn, den er gleich tranchieren will. Dann legte er den Arm fest um Bruders Schulter und führte ihn, zusammen mit Lucy, dorthin, wo er die zwei haben wollte. Er ließ den Blick über seine Gäste schweifen und verkündete dann stolz und erfreut: „Meine Freunde, das ist Billy, passenderweise auch Bruder genannt. Willkommen, Bruder, Willkommen in Eden. Willkommen zu Haus.“
Das war das Stichwort für Lucy: Sie sah Bruder an und drückte ihm einen schwesterlichen Kuss auf die Wange, als krönenden Abschluss der Präsentation. (S. 178)

Billy, genannt Bruder, scheint sein Leben einigermaßen geordnet zu haben: Er arbeitet in einem Heim für Demenzkranke, verbringt die freie Zeit mit seinem besten Kumpel Cole und dessen kleinem Bruder Jack, fährt einen alten Ford und kümmert sich um seine Großmutter Mem. Doch als die eines Tages stirbt, bricht Bruder die Brücken hinter sich ab, denn er erfährt, dass er noch einen Zwillingsbruder hat – und den will er finden. Seine Reise verläuft mit Hindernissen, denn er nimmt sowohl seinen Hund Trooper als auch den kleinen Jack mit, den der überforderte Cole auf unbestimmte Zeit in seine Obhut übergeben hat, und unterwegs gibt auch noch sein altes Auto den Geist auf. Dadurch lernt er aber immerhin die gleichaltrige Kit kennen, die für alle Probleme eine Lösung zu haben scheint.

Auf der Insel trifft er dann nicht nur seinen Zwillingsbruder, der soeben einen Drogenentzug hinter sich hat, sondern auch den machtgierigen, manipulativen Senator und dessen Gefolgsleute, seine Stiefschwester Lucy, den dementen Amos, der sich als sein Großvater herausstellt, und verschiedene andere Figuren, die zum Umfeld des Senators gehören. Einige sind ihm gut gesinnt, andere dagegen betrachten ihn als Störenfried und Eindringling.

Nach und nach erfährt Bruder die Wahrheit über seine Familie. Nicht alles davon ist leicht zu verkraften, und es ist auch nicht einfach, sich dem Einfluss des Senators zu entziehen, der seine eigenen Pläne verfolgt. Das gelingt Bruder in erster Linie durch Kits Hilfe, aber auch durch alles, was seine Großmutter ihm beigebracht und eingeschärft hat.

Ich bin kein anderer ist von hoher sprachlicher Qualität und eignet sich dadurch auch als Lektüre für erwachsene Leser. Der Roman erzählt chronologisch und geradlinig einen wichtigen Prozess im Leben von Bruder, der seiner Selbstfindung und seiner Positionierung in der Welt wichtige Impulse gibt. Ein zentrales Element ist die Anwendung des pädagogischen Einflusses seiner verstorbenen Großmutter auf praktische Fragen, also sozusagen das gelebte und erlebte Erbe, das sie Bruder hinterlassen hat. Immer wieder besinnt er sich auf ihre Richtlinien und Ratschläge, wenn es um wichtige Entscheidungen geht, und fühlt sich dadurch gestärkt, seine eigenen Interessen gegen die Manipulationen anderer durchzusetzen.

Auch das Thema der Verantwortung und Solidarität spielt eine maßgebliche Rolle: Bruder muss sich nicht nur um seinen Hund kümmern, sondern auch um Jack, und freiwillig übernimmt er darüber hinaus an vielen Punkten auch die Verantwortung für andere Menschen, die ihm begegnen. Das schränkt ihn in seiner Handlungsfreiheit gelegentlich ein, wirft ihn aber niemals ganz weit zurück, sondern zahlt sich am Ende für ihn aus, ebenso wie die ihm anerzogene Höflichkeit, mit der er auch unsympathischen Zeitgenossen begegnet. Er ist, und bleibt, ein Kümmerer, der sich so auch selbstwahrnehmen möchte.

Ein besonderes Merkmal des Romans ist das Zurücktreten von äußerer Handlung ggü. der sozialen und psychologischen Ebene, v.a. in der zweiten Hälfte. Nachdem Bruder auf der Insel des Senators angekommen ist, dominieren Begegnungen, Gespräche, taktische Überlegungen, eine große Feier, Streitereien, Intrigen und Bündnisse. Die Vielzahl der Figuren fordert konzentrierte Lektüre. Ungeachtet dessen ist Ich bin kein anderer ein lesenswertes Buch, weil es die Identitätssuche des Siebzehnjährigen einfühlsam und literarisch anspruchsvoll vermittelt, weil der höfliche, zurückhaltende und fürsorgliche Bruder ein eher ungewöhnlicher Jugendbuchheld ist und weil die Geschichte vom verlorenen Zwillingsbruder ein großes Potenzial besitzt. Sinnschwere Dialoge, auf den Punkt formulierte Gefühle und gut realisierte Charaktere zeigen die Dynamik von Familie und Freundschaft.

Buchcharakter
Die Einbandgestaltung – zwei Fotografien eines Jugendlichen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven – greift das Zwillingsthema auf, aber auch die innere Zerrissenheit Bruders. Sie ist angenehm schlicht und zeigt einen sympathischen Jungen ohne auffällige Besonderheiten, was gut zu dem Protagonisten des Romans passt.

Zusammenfassende Bewertung und Fazit:
Ich bin kein anderer ist zur privaten Lektüre geeignet, insbesondere für Jugendliche, die Wert auf sprachlichen Anspruch legen und in der Lage sind, sich auf gesellschaftsrelevante Themen einzulassen, ohne allein durch ‚Action‘ und spektakuläre Ereignisse zum Lesen verlockt werden zu müssen. Der Roman ist kaum kontrovers und eignet sich daher nicht als Diskussionsgrundlage, kann aber den individuellen Leser durchaus zur Beschäftigung mit sozialen, psychologischen und auch politischen Fragestellungen inspirieren.