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Buchcover Jérôme Tubiana: Guantanamo Kid: Die wahre Geschichte des Mohammed el Gharani

Rezension von Barbara Reidelshöfer

Von einem Moment auf den anderen verändert sich das Leben Mohammeds komplett: Gerade noch voller Zukunftshoffnung wird er zum Opfer der fanatischen Anti-Terror-Politik der USA. In der drastischen Graphic Novel „Guantamo Kid – die wahre Geschichte des Mohammed el Gharani“ wird sein tragisches Erwachsenwerden hinter Gittern packend vermittelt.

BuchtitelGuantanamo Kid
AutorJérôme Tubiana
GenreComic & Graphic Novel
Lesealter14+
Umfang176
VerlagCarlsen
ISBN978-3-551-77252-7
Preis20,00

In der Graphic Novel wird, wie im Titel schon genannt, die wahre Geschichte des „Guantanamo Kid“ erzählt. Mohammed el Gharani hat es allein aufgrund seines Alters zu trauriger Berühmtheit gebracht: Er ist jüngste Guantanamo-Häftling in der Geschichte des Gefängnisses. Sein ereignisreiches und tragisches Leben wurde vom Journalisten Jérôme Tubiana und dem Illustrator Alexandre Franc nach jahrelangen Recherchen und vielen persönlichen Gesprächen in eine Graphic Novel transformiert.

Man lernt Mohammed als Jungen kennen, der als Straßenverkäufer in Saudi-Arabien aufwächst. Wissbegierig und voller Zukunftshoffnung beschließt er nach Pakistan zu fliehen, um dort Englisch und Informatik zu studieren. Die Flucht unter falschem Namen und mit falschem Pass gelingt zwar, aber der Anschlag des 11. September 2001 lässt seine Lebensträume wie eine Seifenblase zerplatzen. Denn die Terrorpanik führt zu seiner Verhaftung und als muslimischer Schwarzer mit falschen Papieren und ohne jede Unterstützung wird ihm von der pakistanischen Polizei unterstellt, Mitglied der bekannten Terrorzelle Al-Qaidas zu sein. Nach wochenlanger Folter wird er mit mehreren anderen Verdächtigen von Pakistan an die Amerikaner verkauft. Mohammed freut sich zunächst, da er mit den USA nur Positives verbindet. Aber die Wirklichkeit zerstört seine kindliche Hoffnung darauf, dass die Amerikaner herausfinden würden, dass sie von den Pakistani getäuscht wurden. Er lernt die dunkelste Seite kennen, denn auf der Militärbasis Guantanamo herrscht weder Gesetz noch Gerechtigkeit. Acht Jahre Folter folgen. Acht Jahre, in denen Mohammed erwachsen wird. Acht Jahre, in denen er leidet, aber immer wieder auch Hoffnung schöpft. Acht Jahre, in denen er von Wächtern schikaniert wird, aber auch kleine Gesten der Hilfe erlebt. Acht Jahre, die ihm seine Jugend rauben, aber in denen er doch nicht völlig entmutigt wird und sich immer wieder auflehnt, mit jugendlich rebellischem Trotz. 2008 verändert sich die Situation langsam für Mohammed, er schöpft Hoffnung, denn es gibt einen Prozess und seine Verhaftung wird als illegal bezeichnet. Aber dieser Freispruch führt nicht zu seiner Freilassung. In einem Übergangslager wartet er bis Juni 2009, doch die politische Lage ist kompliziert und er kommt zum Schluss, dass die versprochene Freiheit zwar nicht die Freiheit ist, die er sich gewünscht hat, aber dass er weiterhin versuchen muss, sein Leben zu verbessern.

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden: bit.ly/2MXVZvR

Schon im Titel wird thematisiert, worum es geht: Eine wahre Geschichte soll erzählt werden. Für den politisch informierten erwachsenen Leser wird sofort deutlich, dass das Leben unter unwürdigen, menschenrechtsverletzenden Verhältnissen aus Sicht eines Opfers im Mittelpunkt der Graphic Novel stehen wird. Jugendliche, die mit dem 11.09.2001 und den darauf einsetzenden Verhaftungswellen tatsächlicher, aber auch nur scheinbarer Terroristen, keine Erinnerungen verbinden und durch Unterricht oder auch Tagesgeschehen dazu noch nichts gehört haben, erschließt sich die „wahre Geschichte des Mohammed el Gharani“ beim Lesen der Graphic Novel trotzdem.

Denn gerade der unkundige Leser wird Schritt für Schritt mitgenommen in das Leben eines Jungen, der gerade mal vierzehnjährig sein Heimatland für eine bessere Zukunft verlässt. Aber dann wird er Opfer der Zeitgeschichte und einer Verkettung unglücklicher Zufälle und Vorurteile, die ihn in eines der schrecklichsten Gefängnisse unserer Gegenwart bringt. Dort erlebt er – und mit ihm der Lesende – alles, wofür Guantanamo steht: Verletzung der Menschenwürde und seiner Rechte, Folter und Menschenverachtung im Alltag. Die Darstellung seines Alltags in Guantanamo ist sehr explizit, viele brutale Foltermethoden wie Elektroschocks, Schlafentzug oder Isolationshaft werden textlich und visuell verdeutlicht, was durchaus verstörend wirken kann. Allerdings gibt es immer wieder kurze Szenen der Hoffnung oder sogar Komik, die einen normalen Jugendlichen porträtieren, der sich zwar aussichtslos, aber voller Kampfgeist und mit Witz gegen die Schikanen und Unterdrückungen seiner Wärter wehrt. Diese sind als Vertreter eines brutalen und ungerechten Systems das natürliche Feindbild Mohammeds und werden auch graphisch durch karikierende Überzeichnungen als solche dargestellt. Wobei es durchaus zu einer differenzierten Schilderung der verschiedenen Einstellungen und Verhaltensweisen der Wärter kommt, nicht alle verhalten sich unmenschlich, sondern versuchen in einem unmenschlichen System die Gefangenen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen.

Der feine schwarze Strich des Illustrators Alexandre Franc erinnert stark an die ligne claire Hergés und schafft so immer wieder pointiert humorvolle Kontrastmomente zur tragischen Biografie Mohammeds und den Haftbedingungen in Guantanamo. Mehrsprachige Elemente (englischsprachige Dokumente, arabischsprachige Schriftzüge) erhöhen die Glaubwürdigkeit und das realistische Setting. Der Anspruch, historisch korrekt und umfassend die Situation von Mohammed zu schildern, wird v.a. durch die Integration der englischsprachigen Originaldokumente, die im Anhang übersetzt sind, deutlich.

Das informative Nachwort unter dem Titel „Das Leben nach Guantanamo“ führt die Geschichte Mohammeds fort. Hier werden die Auswirkungen der langjährigen Gefangenschaft und Folter auf das Leben Mohammeds zusammengefasst. Der beim Leser entstandene Eindruck, dass die Entlassung in die Freiheit nach acht Jahren Folter und unvorstellbaren Einschränkungen letztlich keine wirkliche Freiheit mehr sein kann, sondern ein Leben mit vielen Einschränkungen auf allen Ebenen, wird hier sachlich bestätigt.

Die variantenreiche Gestaltung der Seiten mithilfe verschiedener Panelgrößen und -formen sowie dem Durchbrechen der Panels helfen dem*der Leser*in beim Verstehen der Geschichte, die vor allem in der zweiten Hälfte der Graphic Novel an manchen Stellen doch recht komplex und textlastig wird. Gerade deswegen bieten typische Comicelemente wie Soundwords, die immer wieder eingesetzt werden, oder auch der ironische, karikierende Unterton eine wichtige Leseunterstützung von eher schwächeren Leser*innen, ohne allerdings den Anspruch eines kritisch-informierenden Textes aufzugeben. Selbst wenn die Graphic Novel im Ganzen durchaus anspruchsvoll ist und ein Interesse an Politik hilfreich ist, sind einzelne Ausschnitte auch für Leseschwache bzw. DaZ-Lernende geeignet und empfehlenswert!

„Guantanamo Kid – die wahre Geschichte von Mohammed el Gharani“ erzählt somit tatsächlich eine wahre Geschichte und ist nicht als einseitige Abrechnung mit der US-amerikanischen Politik zu verstehen. Detailliert und präzise wird hier mit den spezifischen Mitteln einer Graphic Novel ein tragisches Einzelschicksal eines Jugendlichen nachgezeichnet, das stellvertretend für viele Inhaftierte steht und zu einem Mahnmal für einen rechtsstaatlichen Umgang mit Gefangenen wird.

Das Buch eignet sich zur Buchvorstellung, für freie Lesezeiten, aber ebenso im Rahmen einer Unterrichtssequenz zu Graphic Novels oder zum Thema Migration / Flucht sowie Menschenrechte.

Es kann auch gut im fächerübergreifenden Unterricht mit Sozialkunde bzw. Politik / Gesellschaftslehre eingesetzt werden, ebenso wie in der Sekundarstufe II im Französischunterricht (z.B. französischsprachige Rezensionen wie www.youtube.com/watch.