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Buchcover Anna Maria Jokl: Die Perlmutterfarbe

Rezension von Julia Fränkle-Cholewa

Dem Schüler Alexander unterlaufen an einem Tag gleich zwei Missgeschicke: Erst nimmt er dem B-Karli ein Buch weg und dann schüttet er die selbstgemischte Perlmutterfarbe seines besten Freundes Maulwurf darüber. Aus Angst, als Dieb dargestellt zu werden, vertuscht Alexander die Vorfälle und wird dabei vom in der ganzen A-Klasse unbeliebten Gruber gedeckt. So gerät Alexander in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Gruber, der dies schamlos ausnutzt...

BuchtitelDie Perlmutterfarbe
AutorAnna Maria Jokl
GenreGegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter12+
Umfang280 Seiten
Edition2008
VerlagSuhrkamp
ISBN978-3-518-46039-9
Preis8,90 €

Dem Schüler Alexander unterlaufen an einem Tag gleich zwei Missgeschicke: Erst nimmt er dem B-Karli ein Buch weg und dann schüttet er die selbstgemischte Perlmutterfarbe seines besten Freundes Maulwurf darüber. Aus Angst, als Dieb dargestellt zu werden, vertuscht Alexander die Vorfälle und wird dabei vom in der ganzen A-Klasse unbeliebten Gruber gedeckt. So gerät Alexander in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Gruber, der dies schamlos ausnutzt: Gemeinsam mit Alexander hetzt Gruber gegen die B-Klasse und gründet schließlich eine Partei: die ELDSA vertritt den Standpunkt, die B’s seien allesamt Diebe und Lügner, allein deshalb, weil sie B’s sind. Während Gruber Wachposten im Schulgang aufstellen lässt, um die B in Schach zu halten, formiert sich um Maulwurf herum eine kleine Widerstandsgruppe, die den tatsächlichen Dieb des Buches und der Perlmutterfarbe ausfindig zu machen versucht und sich dafür mit der B verbündet. In der B jedoch gründet Koch-Hans analog zur ELDSA die ELDSBE und in der ELDSA scheint es Spitzel zu geben. Gruber verstrickt Alexander indessen in ein gemeines Lügennetz. Seine Intrigen gehen sogar so weit, dass er sich mit Koch-Hans verbündet, denn ein B, der dieselben Ansichten hat, wie ein A, sei immer noch besser, als ein A, der sich nicht zur ELDSA bekennt. Als der Klassenkampf auf einem Schulausflug aus den Fugen gerät, kann Alexander die Lügen nicht mehr ertragen und fasst einen folgenschweren Entschluss. 

„Nieder die B!“ Das war der lange Gruber. Ein Sturm fegte über die As. Und auf einmal übertönte der lange Gruber alle mit den begeisternden Worten: „Es lebe die ehrliche A!“ „Hoch, hoch!“, schallte es zurück. „Nieder die Bs! Nieder alle, die zu ihr halten!“, schrie er weiter, und seine Stimme überschlug sich fast. „Nieder, nieder, nieder!“, dröhnte es durch die Klasse. Und alles drängte sich um den langen Gruber, der noch vor einigen Tagen ein wenig beachteter, nicht sonderlich beliebter Mitschüler gewesen war. Nun war er plötzlich zum Helden und Führer geworden.
Ihm war das nicht unangenehm. Er machte kein unwirsches Gesicht wie der Maulwurf in so einem Falle. Seine hervorquellenden Augen glänzten vor Freude. Und von seiner Ehre fiel auch ein Schimmer auf Mausi, auf die Arme, der man das Zeichenheft hinterlistig gestohlen hatte.
Doch auf der Höhe seines Glückes vergaß der lange Gruber nicht seinen Gefangenen und Helfer. „Auch der Alexander gehört zu uns“, rief er, und seine Hand zeigte nach der letzten Bank hin, wo Alexander, da sich nun alle Augen neugierig ihm zuwendeten, erglühte. Was, der Alexander, der Freund von Maulwurf und Heihei… Aber man zerbrach sich in diesem heißen Moment nicht den Kopf darüber. Jubel und Hochrufe galten jetzt auch ihm.
Ja, Alexander wurde rot. Er wußte nicht, ob vor Scham oder Stolz. Lotte schaute ihn eine Weile aus ihren großen schwarzen Augen an, stand auf und verließ die Bank.
Aber was war das gegen den Jubel der anderen… Die Lüge hatte gesiegt, zu seinem Vorteil und zu seiner Rettung. Er ließ sich von ihr hochtragen.
Und der B-Karli… Bei dem Namen „Alexander“ hatte er zum ersten Mal aufgeblickt. Ein Blitz des Verstehens war in seinen Schlitzaugen aufgeblinkt. „Pfui Teufel“, hatte er dann gemurmelt, auf Meyers Bank gespuckt, seine Sachen in den Schulranzen gestopft und war unbeobachtet zur Türe hinausgelaufen.

(S. 79f.)

Anna Maria Jokls bereits 1937 geschriebener und 1948 erstmals veröffentlichter Schülerroman ist – so der Untertitel – ein Kinderroman für fast alle Leute. So wie das Buch nach Ansinnen der Autorin von fast allen Altersgruppen gelesen werden soll, ist auch die Thematik von anhaltender Aktualität. Zwar wurde der Roman im Kontext des Nationalsozialismus verfasst, doch ist der Inhalt problemlos auch auf die aktuelle Gesellschaftssituation übertragbar, denn er prangert zeitlos alle Formen des Totalitarismus an. Der Mikrokosmos Schule steht in Die Perlmutterfarbe für eine Gesellschaft, in der sich ein Einzelner durch Lügen, Intrigen und die Weitergabe ideologischer Feindbilder beweisen will. Neben der Frage, wie verschiedene Arten von Lügen (Notlügen, politisch motivierte Lügen usw.) zu bewerten sind, thematisiert Jokl in ihrem Roman Phänomene wie Gruppendynamik, psychischen Zwang und Gewissenskonflikte.

Dabei folgt die Erzählung zunächst dem Protagonisten Alexander. Er ist bei seinen Mitschülern beliebt und gehört dem Freundeskreis des Maulwurfs an, welcher in der A-Klasse eine Art Vorbildfunktion erfüllt. Die Freundschaft zu Maulwurf und seine Anerkennung sind Alexander sehr wichtig, sodass die Angst, als Dieb der Perlmutterfarbe dargestellt zu werden, sein rationales Handeln überschattet. Die genaue Darstellung von Alexanders Ängsten und Gefühlen macht sein Verhalten für den Leser nachvollziehbar. Je weiter sich das Geschehen jedoch von der ursprünglichen Lüge um das Buch des B-Karli und die Perlmutterfarbe entfernt, desto mehr treten weitere Figuren in den Fokus: neben dem Maulwurf, dem Anführer der Widerstandsgruppe gegen die ELDSA, wird auch der Parteiführer Gruber näher betrachtet. Er ist erst vor Kurzem in die A-Klasse gekommen und hat eine Außenseiterposition inne. Sein vehementes Streben nach Macht rührt jedoch auch von seinem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater her, der nur sehr wenig Zeit für ihn hat. Die genaue Charakterisierung der einzelnen Figuren ermöglicht dem Leser einen differenzierten Blick auf das Geschehen und die Handlungen der einzelnen Figuren. Weiterhin wird dadurch erst die gesamte Komplexität des Lügengeflechts greifbar. Durch überraschende Wendungen und neue Intrigen entsteht eine konstante Spannungskurve, wobei der Leser den Figuren im Roman das Wissen um den wahren Dieb der Perlmutterfarbe voraushat, was einem zusätzlichen Spannungsaufbau dient.

Die Geschichte wird in einfach verständlicher, aber sehr einprägsamer Sprache erzählt und ist somit auch für weniger geübte Leser empfehlenswert. Die Handlung erstreckt sich über rund 280 Seiten, wobei die 59 Kapitel mit einer Seitenzahl von durchschnittlich sieben Seiten recht überschaubar sind. Die Handlung ist chronologisch aufgebaut, was es dem jungen Leser leicht macht, den Intrigen rund um die Perlmutterfarbe zu folgen. Erzählt wird in der Er-Form. Dabei legt Jokl den Fokus stets auf die Gefühle und Gedanken eines Protagonisten, zumeist Alexander, Maulwurf oder Gruber. Weiterhin gelingt es Jokl durch die überzeugende Psychologisierung der jungen Protagonisten, das Phänomen einer anzunehmenden Kollektivschuld zu umgehen. Stattdessen formuliert die Autorin mit dem positiven Ende das Prinzip Hoffnung, wonach Vernunft und Menschlichkeit siegen können. Das Buch bietet keine 08-15-Lösung für sozial oder politisch motivierte Konflikte an, sondern appelliert an den Verstand des Einzelnen, sich nicht unhinterfragt den Parolen eines Anderen anzuschließen.

Die Perlmutterfarbe wurde im Jahr 2008 von Marcus H. Rosenmüller verfilmt und startete 2009 in den deutschen Kinos. Während die Thematik des Buches problemlos auf alle Gesellschaften übertragen werden kann, wird im Film allein durch die Schuluniformen der Jugendlichen der Kontext des Nationalsozialismus aufgerufen. Dennoch ist der Film sehenswert, denn Rosenmüller zeigt ein Händchen für Dialoggestaltung und die Darstellung der Gruppendynamik.

Stets aktuelle Themen wie Gruppendynamik, soziale und emotionale Abhängigkeit und das Verhältnis von Lüge und Wahrheit machen Die Perlmutterfarbe zu einem zeitlosen Klassiker, der sich sowohl als Freizeitlektüre für den einzelnen Leser, wie auch als Lektüre für eine ganze Schulklasse eignet. Handreichungen zu Buch und Film für den Unterricht gibt es u.a. vom Landesmedienzentrum Rheinland-Pfalz: bildung-rp.de/fileadmin/user_upload/schulkinowoche.bildung-rp.de/Filmhefte___Arbeitsmaterialien/Die_Perlmutterfarbe.pdf

Hinweise auf den Medienverbund: Anna Maria Jokl: Die Perlmutterfarbe. Gelesen von Christiane Paul. Ungekürzte Lesung. Der Hörverlag 2008.