Warum boys & books?

Spätestens seit den internationalen PISA-Studien ist bekannt, dass Jungen auch in Deutschland im Bereich Lesekompetenz schwächer abschneiden als Mädchen. Das liegt unter anderem daran, dass sie in ihrer Freizeit weniger lesen als Mädchen, dass ihre Lesemotivation geringer ausgeprägt ist und dass sie in der Schule selten Lesestoffe angeboten bekommen, die sie interessieren. Lesen gehört also bei männlichen Heranwachsenden nicht zu den bevorzugten Praktiken der Medienrezeption; dies führt zu geringerer Übung und schließlich zu einer schwächeren Kompetenz.

Obwohl die geringere Begeisterung der Jungen fürs Lesen offenbar ein internationales Phänomen darstellt, kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Ursachen in der Biologie der Geschlechterunterschiede liegen. Zum einen gibt es selbstverständlich auch männliche Leseratten (ebenso wie weibliche Wenig- oder Nicht-Leser), zum anderen lesen Jungen in Deutschland den IGLU-Studien zufolge in der Grundschule ähnlich gut und gerne wie Mädchen. Allerdings lässt sich feststellen, dass der „Leseknick“ im Übergang von der Kindheit zur Pubertät bei Jungen heutzutage früher einsetzt und stärker ausfällt als bei Mädchen. Das Interesse am Deutschunterricht und an freiwilliger Lektüre lässt bereits im Alter von 8 bis 12 Jahren deutlich nach.

Der Leseknick ereignet sich damit zu einem Zeitpunkt, wo das flüssige und mühelose Lesen auch längerer Texte noch nicht sicher beherrscht wird. Solange Lesen aber als mühevoller Dekodierungsprozess einzelner Worte und Sätze erlebt wird, kann sich die Erfahrung lustvollen Lesens nicht einstellen. Darum müssen Lehrkräfte und Eltern im Übergang vom Lesenlernen zum "weiterführenden Lesen" zunächst sicherstellen, dass eine gute "Leseflüssigkeit" vorhanden ist, bevor sie mit ansprechenden Büchern die Jungen zum Lesen "verlocken" können. Gute Programme zum Trainieren von Leseflüssigkeit sind inzwischen auf dem deutschsprachigen Markt zugänglich, etwa "Lesen. Das Training" (Trainingsteil "Lesegeläufigkeit") von Andrea Bertschi-Kaufmann u.a. oder "Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe" von Cornelia Rosebrock u.a. 

Damit die Jungen aber wissen, warum es sich lohnt, flüssig Lesen zu lernen, muss ihnen zugleich der Zugang zu einem breiten und für sie attraktiven Angebot an Lesestoffen eröffnet werden. Darum sollten Eltern und Lehrkräfte, Bibliotheksangestellte und Buchhändler/innen sowie alle mit der Leseförderung von Jugendlichen Befasste wissen, was Jungen gern lesen, und ihnen entsprechende Bücher zugänglich machen.

Prof. Dr. Christine Garbe, die diese Website ins Leben gerufen hat und wissenschaftlich leitet, forscht und lehrt seit Jahrzehnten zum Thema "Gender und Lesen". Sie hat auch die Konzeption dieser Service-Plattform entwickelt. Der Kinder- und Jugendbuchautor Frank Maria Reifenberg bringt die praktische Erfahrung aus Hunderten von Veranstaltungen mit der Zielgruppe in das Projekt ein. Er hat dazu spezielle Lesungen und Workshops zur Leseanimation nur für Jungen entwickelt. 

Die Webseite "boys & books" unterscheidet sich von anderen Internet-Ressourcen zur Kinder- und Jugendliteratur in mehreren Aspekten:

  1. Sie empfiehlt Kinder- und Jugendliteratur (speziell für Jungen) nach Kriterien einer leserorientierten Kinder- und Jugendliteraturkritik, während die meisten Webseiten mit entsprechenden Empfehlungen den Normen einer literar-ästhetischen Kritik folgen, wie sie in der Regel auch den Auszeichnungen für Kinder- und Jugendliteratur zugrunde liegen. Das Problem der üblichen Bewertung von Kinder- und Jugendliteratur aus der Perspektive erwachsener, oft literaturwissenschaftlich ausgebildeter "Literatur-Profis" besteht aber darin, dass die von ihnen empfohlenen Bücher nicht unbedingt den Geschmack der kindlichen und jugendlichen LeserInnen treffen. Dies wird immer wieder eindrucksvoll deutlich in den gänzlich unterschiedlichen Entscheidungen der erwachsenen und der jugendlichen Jurys für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Jugendbuch.
     
  2. Wenn erwachsene "Literatur-Agenten" nicht in diese Falle tappen wollen – also ihren eigenen Lesegeschmack mit demjenigen von Kindern und Jugendlichen zu verwechseln – müssen sie sich empirisch mit den Zielgruppen ihrer Empfehlungen auseinander setzen, das heißt die Lesegewohnheiten und den Lesegeschmack von Kindern und Jugendlichen empirisch erforschen. Neben literaturwissenschaftlicher Expertise ist darum die empirische Leseforschung das zweite Fundament, auf dem die Webseite "boys & books" basiert.

  3. Literaturkritik, egal ob im Feuilleton, in Rundfunk und Fernsehen oder im Internet, legt in der Regel die Kriterien nicht offen, nach denen sie ein Buch als gut oder schlecht bewertet. Die vorliegende Website wählt hier einen anderen Weg: Sie wird die  zugrunde liegenden Kriterien explizieren und deren Forschungsbasis transparent machen, wenn sie Empfehlungen ausspricht. Ferner wird sie die Kriterien für einzelne Genres ausdifferenzieren und durch kontinuierliche Forschung überprüfen, ggf. revidieren oder ausdifferenzieren.

  4. Eine leserorientierte Literaturkritik hat – im Unterschied zur literar-ästhetisch orientierten Literaturkritik – keine Berührungsängste gegenüber der populären, vorrangig der Unterhaltung dienenden (Kinder- und Jugend-)Literatur. Im Gegenteil: Dieser wird die spezielle Aufmerksamkeit der Website gelten. Denn "populär" heißt ja zunächst und vor allem: für das Volk gemacht. Und um nichts Geringeres geht es uns: Das Lesen von Büchern so attraktiv zu machen, dass es alle Kinder und Jugendlichen erreicht, und nicht nur die Minderheit der Besser-Gebildeten. Die elitäre Abwertung von populärer Literatur als ´Trivialliteratur´ ist in Deutschland in der Tradition eines Kanons von ´hoher Literatur´ besonders zäh verankert.
     
  5. Die Dichotomie von ´hoher´ und ´niederer´ Literatur ist besonders unproduktiv für die literarische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen, die als ´Literatur-Anfänger´ einen legitimen Anspruch darauf haben, einfache Lesestoffe angeboten zu bekommen. Die Lesebiographie-Forschung hat uns viele Einsichten in die Entwicklung von Lesemotivation und Lesekompetenz in Kindheit und Jugend eröffnet; diese Einsichten gilt es für eine entwicklungs-sensitive Literaturkritik fruchtbar zu machen. Was ein Achtjähriger verschlingt, ist für den Zwölfjährigen längst ´trivial´; doch ist der heiße Tipp eines Fünfzehnjährigen für den Zwölfjährigen vielleicht noch nicht und für den Achtzehnjährigen nicht mehr passend. Ohne einer starren Abfolge von "Lesealters-Stufen" das Wort zu reden, die zu Recht von der Forschung seit langem verabschiedet wurden, muss doch der Entwicklung von Kompetenzen und Interessen im Prozess des Aufwachsens mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.

  6. Die Webseite "boys & books" versteht sich als ein Service-Angebot für alle Multiplikatoren im Bereich der Literaturvermittlung und Leseförderung für Kinder und Jugendliche in Schulen, Bibliotheken und darüber hinaus. Gleichzeitig wünschen wir uns eine Beteiligung der dort engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und einen regen Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft. Die Website soll den in diesem Bereich forschenden Wissenschaftlern eine Plattform bieten, ihre neuesten Erkenntnisse an das interessierte Publikum weiterzugeben. Sie bietet zugleich den Studierenden in Lehrveranstaltungen eine Möglichkeit, ihre Seminararbeiten einer nützlichen Verwendung zuzuführen. Im Sinne des "Adolescent Literacy Network" wird hier eine Plattform aufgebaut, auf der die Expertise von vielen für viele bereitgestellt wird, damit die Leseförderung von Jungen neue Impulse aus allen Richtungen erhält.

  7. Die auf dieser Webseite vorgestellten Bücher richten sich an 6- bis 18-jährige Jungen; sie sind vorzugsweise als Freizeitlektüre gedacht oder für offene Leseförder-Formate in der Schule, also für Viellese-Verfahren (z.B. Lese-Olympiaden) oder für Leseprojekte, die den Grundideen der Leseanimation folgen (vgl. Rosebrock & Nix 2008). Neben der Vorstellung von Büchern und von Forschungsergebnissen aus der gender-differenzierten Leseforschung sollen darum auch kontinuierlich Hinweise zur Leseförderung gegeben werden. Dabei werden vor allem Projekte vorgestellt, bei denen ein besonderer Fokus auf der Leseförderung von Jungen liegt. Mit dem Anwachsen der Rezensionsdatenbank werden wir für spezielle Zielgruppen aufbereitete Empfehlungslisten nach Alter, Lesestufe oder Genre sowie für bestimmte Nutzungsformen wie Schul-Lesekisten  zusammenstellen. 

Die Konzeption zum Download gibt es hier: (PDF, 120 KB)


Wir laden Sie herzlich zur Mitarbeit an dieser Website ein!

Christine Garbe, Frank Maria Reifenberg und das Team von boys & books