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Nominierungen zum DJLP

Wir gratulieren allen Autor*innen zu den Nominierungen zum DJLP und freuen uns besonders über Maja Nielsens Die falsche Seite, John Schus Louder than...

Ina Brendel-Kepser bei Kultur am Morgen

Prof. Dr. Ina Brendel-Kepser gab am 23.12.2025 ein fünfminütiges Interview auf Bayern 2. In der Sendung Kultur am Morgen ging es ab 08:42 Uhr darum,...

Gratulation!

Wir gratulieren Jörg Isermeyer sehr herzlich zum Gustav-Heinemann-Friedenspreis für Kinder und Jugendbücher 2025 für seinen Roman Egal war gestern....

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Richtig anders – anders richtig

Buchtitel Richtig anders – anders richtig
Autor*in, Übersetzer*in Kathrin Köller
Illustrator*in Irmela Schautz
Lesealter 14+
Umfang (Seitenzahl) 233 Seiten
Verlag Hanser
ISBN 978-3-446-27978-0
Preis 22,00 Euro
Erscheinungsjahr 15.04.2025

Schon im Titel werden Inhalt und Stoßrichtig des Sachbuchs klar: Es geht um Anderssein und darum, dass dieses Anderssein zwar für alle anderen anders sein mag, aber eben doch richtig ist! Mit diesem Blick klärt die Autorin darüber auf, was unter dem Begriff Neurodiversität zu verstehen ist. Neurodiverse Vielfalt erläutert sie am Beispiel von ADHS, LRS und Dyskalkulie und dem Autismus-Spektrum. Abschließend geht sie noch ausführlich auf das Thema Mental Health ein. Dabei lässt sie nicht nur zahlreiche neue wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen, sondern lässt auch Betroffene selbst zu Wort kommen, und räumt so sachlich mit dem ein oder anderen Vor- bzw. Fehlurteil auf. 

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden. 

„Was ist denn mit dem los?“, „Die kann nicht mal richtig lesen“, „Der ist einfach komisch“, „Die ist nicht normal“ – solche Sätze hört man immer noch häufig, wenn es um Neurodiversität geht. Legasthenie, Autismus und andere Abweichungen vom „normalen“ Gehirn lösen weiterhin bei Betroffenen, aber auch Angehörigen, Lehrkräften, Arbeitskolleg*innen Unverständnis, Irritation, Akzeptanzprobleme, Vorurteile und Fragen auf. Diese räumt das Sachbuch gründlich, verständlich und gleichzeitig sehr kurzweilig aus der Welt. 

Das Sachbuch ist in fünf große Kapitel unterteilt, die man nacheinander, aber auch voneinander losgelöst lesen kann. Mit einem knapp dreißigseitigen Einführungskapitel nähert sich die Autorin dem Begriff der Neurodiversität an und sensibilisiert so die Leser*innen auch, welche Macht Sprache hat: Denn von Störungen zu sprechen, löst gleich andere Assoziationen aus als wenn man den neutralen Begriff Neurodiversität verwendet. So ist das Einführungskapitel vor allem für diejenigen geeignet, die sich bislang noch wenig mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Für Betroffene oder auch Angehörige wird hier vieles zwar nicht völlig neu sein, aber durch die Art der Präsentation auf alle Fälle trotzdem anregend zum Lesen.

Jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen, einseitigen Interview(auszug) mit (?) einer neurodivergenten Person, wodurch ein unverstellter Zugang zum Thema erreicht wird. Häufig werden hier schon zentrale Aspekte angesprochen, die für die Betroffenen selbst wichtig sind: Mobbingerfahrungen, das Gefühl, anders und damit falsch zu sein, und der Wunsch, in einer auf „normal funktionierende“ Menschen ausgerichteten Welt gut leben zu können. Diese kurzen Äußerungen regen sofort zum Überdenken von eigenen (Vor-)Urteilen oder zum Nachdenken an. 

Überhaupt steht die Erfahrungswelt von neurodivergenten Personen immer wieder im Mittelpunkt, weswegen das Sachbuch auch wunderbar geeignet ist, um Betroffene zu unterstützen. Denn neben der umfangreichen Aufklärung schafft es Richtig anders, anders richtig auch, die Lesenden zu empowern – was bereits im Untertitel: Selbstbewusst neurodivergent auch als Zielsetzung des Autorenduos anklingt. Dies geschieht aber niemals mitleidig oder gar von oben herab, sondern einfach dadurch, dass die Neurodivergenzen einfach als das dargestellt werden, was sie sind: Abweichungen, denen man auch mit einem positiven Blick begegnen kann.

In den drei großen Kapiteln (je ca. 50 Seiten), die dem Einführungskapitel folgen, erklärt Kathrin Köller die drei häufigsten Neurodivergenzen genau und für Jugendliche ab 14 auch sehr verständlich: ADHS, LRS und Dyskalkulie sowie das Autismusspektrum. Von Symptomen, Diagnosen, Präsentationsformen bis hin zu Folgen und Strategien im Umgang mit der Krankheit werden diese umfassend dargelegt. Abschließend folgt ein etwas kürzeres Kapitel zum Thema Mental Health, in dem es um Selbsthilfe, aber auch um gesellschaftliche Veränderungen und Unterstützungsmöglichkeiten durch Communitys geht. 

Schwierige Fachbegriffe werden auf der jeweiligen Seite in abgesetzten Textblöcken kurz, aber immer angemessen erklärt. Genauso werden auch Verweise zu bestimmten Informationen gesetzt, um etwas genauer zu betrachten oder um auf weitere Informationen hinzuweisen. Wissenschaftliche Hintergrundinformationen wechseln mit Interviews von Betroffenen ab, sodass ein rundum überzeugendes Sachbuch entsteht. Die Vermittlung der komplexen Inhalte geschieht so kurzweilig und spannend, dass man das Buch, das man eigentlich auch als Nachschlagewerk verwenden könnte, gar nicht mehr aus der Hand legen mag und es wie einen spannenden Roman verschlingt. Dazu trägt die überaus gelungene Illustration von Irmela Schautz erheblich bei. Bereits das Cover zieht durch die knalligen Farben, die Typographie sowie die Anklänge an Popart dazu bei, dass man auf es aufmerksam wird – auf Büchertischen oder im Regal präsentiert dürfte es so sofort seine Leser*innen finden. Auch im Buch selbst spielen die Illustrationen eine wichtige Rolle, da sie nicht nur für Auflockerung sorgen, sondern das Thema klug illustrieren. Vor allem die menschlichen Darstellungen sind für Jugendliche ansprechend, da sie nicht heteronormativ, sondern divers gestaltet sind, also bspw. Menschen aller Couleur vorkommen. Auch der Satz des Buches ist der Zielgruppe entsprechend gestaltet: Nicht zu viel Text auf der Seite, abwechslungsreiche Seitengestaltung, die aber weder überfrachtend noch vereinfachend ist, Hervorhebungen durch verschiedene Gestaltungselemente erleichtern den Zugang zum Buch und damit auch zu diesem wichtigen Thema, das uns alle betrifft.

So wird die Vielfalt des menschlichen Gehirns in einem überaus klugen, wunderbar gestalteten Sachbuch, das nicht nur für Jugendliche, sondern auch für deren (Groß-)Eltern, Lehrkräfte, Pädagogen und andere interessierte Erwachsene überaus lesenswert ist, aufbereitet. 

Neurodivergenz ist im fiktionalen Jugendbuch seit Jahren ein wichtiges Thema und es finden sich hier sehr viele geeignete Romane, die z. B. Autismus (z. B. Katya Balen: Mein Bruder und ich und das ganze Universum; Jan Cole: Was du nicht erwartest; Barry Jonsberg: Das Blubbern von Glück; Elle McNicoll: Wie unsichtbare Funken; Sally J. Plan: Komische Vögel. 2.500 Meilen Familie, Chaos und jede Menge Chicken Nuggets; Cornelia Travnicek: Harte Schale, Weichtierkern; Maria Zimmermann: Anders nicht falsch) oder Mental Health (z. B. Glasgow, Kathleen: Girl in Pieces;  Green, John: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken; Annette Herden: Keine halben Sachen; Alexander Kielland Krag: Nur ein wenig Angst, Annette Mierswa: Liebe sich, wer kann; Martin Schäuble: Alle Farben grau; Neal Shusterman: Kompass ohne Norden; Erin Stuart: Was, wenn wir nicht genug sind?)

 

Richtig anders – anders richtig könnte einerseits in einem Sachbuchprojekt ab der 8. Jahrgangsstufe eingesetzt werden, andererseits aber auch in einem differenzierten Leseprojekt, in dem neben literarischen Texten dieses Sachbuch für Schüler*innen angeboten werden könnte, die sich nur ungern mit literarischen Texten beschäftigen. Darüber hinaus ist es gut denkbar, dass nur auszugsweise mit dem Buch gearbeitet wird, wenn man sich im Unterricht z. B. mit einem der Themen des Buches auseinandersetzt. Denkbar sind auch fächerübergreifende Nutzungskontexte, z. B. mit den Fächern Biologie und Psychologie.

 

Vorrätig sollte das Sachbuch auf alle Fälle in jeder öffentlichen Bibliothek, aber auch in der Schulbibliothek sein, Schulpsychologen sollten es ebenso in ihrem Bücherschrank haben wie die Inklusionsbeauftragten in der Schule. Gerade bei frisch diagnostizierten Schüler*innen ist es sicherlich auch ein toller Buchtipp, der bei den Betroffenen zu höherer Selbstakzeptanz führen kann.