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Buchcover Zoran Drvenkar: Der letzte Engel

Rezension von Eva Maus

Der sechzehnjährige Motte bekommt eine Mail, die ihm angekündigt, er sei am nächsten Morgen tot. Tatsächlich wacht er ohne Herzschlag auf, besitzt dafür aber zwei riesige Flügel...

BuchtitelDer letzte Engel
AutorZoran Drvenkar
GenreFantasy
Lesealter14+
Umfang432 Seiten
Verlagcbj
ISBN978-3-570-15459-5
Preis16,99 €

Der sechzehnjährige Motte bekommt eine Mail, die ihm angekündigt, er sei am nächsten Morgen tot. Tatsächlich wacht er ohne Herzschlag auf, besitzt dafür aber zwei riesige Flügel. 

Mona, die mit ihren sieben Schwestern und ihren Gouvernanten im Haus der Kormorane lebt, entdeckt, dass sie durch körperliche Berührungen Erinnerungen lesen kann. Kurze Zeit später fällt eine Gruppe Söldner in die Idylle ein, tötet alle Mädchen und brennt das Haus nieder. Nur Mona kann sich durch ihre Gabe retten.

Zwei russische Gräfinnen treffen im Jahre 1815 die Gebrüder Grimm in einem Gasthaus, um sie um Hilfe bei einem Rätsel zu bitten.

Was zunächst als verwirrende Einblicke in scheinbar unzusammenhängende und chronologisch ungeordnete Episoden voller Geheimnisse und fantastischer Begebenheiten beginnt, ordnet sich langsam zu einer unglaublichen Geschichte eines  200 Jahre währenden Kampfes um die Rückkehr der Engel auf die Erde.

Lars kann hören, wie die Gäste hinter ihnen aufstehen und hastig das Café verlassen. Die Kellnerin kommt auf ihren Tisch zu. Lars warnt sie mit einem Blick, Sie bleibt auf halbem Weg stehen, sieht die Waffe auf dem Tisch liegen, sieht Lars‘ blutende Nase und weicht zurück. Der Alte sagt zu Mona:

„Wir haben dich aus den Augen verloren. Wie auch immer du das hinbekommen hast, dir gebührt meine Hochachtung. Es ist ein weiter Weg von Irland hierher. Besonders wenn man in Edinburgh Zwischenstation macht.“

Lars hat das Gefühl, auf einer unendlich langen Leitung zu stehen. In seinem Kopf laufen alle Verschwörungstheorien der Welt auf Schnelldurchlauf, und er weiß nicht, welche am besten passt. Von Engeln hat er noch nie viel gehalten, sein Thema sind Außerirdische und Atlantis findet er auch recht spannend. Aber in keiner Verschwörungstheorie kommt ein alter Sack vor, der mit Raben um sich wirft und Schellen wie Kleingeld verteilt. Lars schluckt. Blut läuft ihm warm den Gaumen hinunter. Seine Ohren klingeln, die Hände prickeln. Er ist so aufgeladen, dass er dem Alten an die Kehle springen will. Aber selbst jemand wie Lars weiß, dass es keine gute Idee ist, sich auf einen Mann zu stürzen, der wie Christopher Walker aussieht und eine Knarre in der Hand hält.

„Wer ist er?“ fragt der Alte und neigt den Kopf in Eskos Richtung, ohne ihn anzusehen.

„Sein Name ist Esko“, antwortet Mona.

„Esko was?“

„Nur Esko.“

„Und wieso kann ich ihm nicht länger als eine Sekunde ins Gesicht sehen?“

Mona schweigt, Lars weiß nicht, wovon der Alte redet, und sieht Esko fragend an, der ihn mit den Augen warnt, bloß den Mund zu halten.

„Und du bist Mona“, spricht der Alte weiter. „Mona Breech. Zehn Jahre alt und vollkommen ahnungslos, was um sie herum geschieht, Ich bin Lazar.“

„Ich weiß“, sagt Mona. „Du heißt Dimitri Lazar und du hast meine Schwestern getötet.“

Der Alte lacht.

„Schwestern? Ihr seid keine Schwestern gewesen. Ihr wart ein Experiment, nicht mehr.“

„Sie waren meine Schwestern“, beharrt Mona.

Der Klappentext von Der letzte Engel berichtet von Motte, der als Engel aufwacht und den seine Verwandlung fassungslos macht. Die Leseerwartungen, die so geschürt werden, führen allerdings in die Irre, denn Mottes Erleben füllt nur sechs der 40 sehr unterschiedlich langen Kapitel. Sie verfolgen nicht nur Mottes Schicksal, sondern springen wild in der Zeit und zwischen verschiedenen Perspektiven umher. Ebenso irrenführend sind auch das Cover und der Titel des Buches, die zu gefühlvoll und romantisch für den gewalt- und actionreichen Roman wirken, dessen Autor nicht an Grausamkeiten spart. Auch religiöse Bezüge, die man vermuten könnte, sind in dem Buch nicht zu finden.

Die Figuren, deren Weg man über mehrere Kapitel folgt, werden meist kurz in ihrer vertrauten Umgebung eingeführt und auf unterschiedliche Weise mit fantastischen Begebenheiten konfrontiert. Die zehnjährige Mona, die plötzlich Erinnerungen lesen kann und als einzige das Massaker an ihren „Schwestern“ überlebt. Lars, der seinem zum Engel gewordenen Freund helfen will und dafür seine Angst überwindet. Esko, der flügellose Engel, den Mona aus den uralten Erinnerungen einer Königin ins jetzt holt, damit er sie beschützt. Lazar, der gute Gründe hat, gemeinsam mit Söldnern Häuser voller Jungen und Mädchen zu stürmen und alle zu töten. Zwei russische Gräfinnen, die der Magie zweier Flügelpaare verfallen, die aus dem ewigen Eis geborgen wurden. Sie alle werden in einen Kampf zwischen denjenigen involviert, die Engel wieder auf die Erde bringen wollen und denjenigen, die dies zu verhindern suchen. Dabei wird zunehmend undurchschaubar, ob es tatsächlich eine gute und eine böse Seite gibt. So moralisch einige, zumeist jugendliche, Figuren erscheinen, so unmoralisch zeigen sich die seit 200 Jahren agierenden Fronten dieses Kampfes. Der Leser kann all diese Begebenheiten jedoch durch die fehlende chronologische Ordnung der Erzählung erst nach und nach rekonstruieren. Er wird hineingeworfen in eine Welt, die er zunächst überhaupt nicht versteht und braucht Ausdauer und Geduld, um Stück für Stück in die Geschehnisse des Romans einzutauchen und seine Geheimnisse zumindest teilweise zu entschlüsseln. Dies wiegt umso schwerer, da aufgebaute Spannung nach dem Ende eines Kapitels oft erst viele Seiten später wieder aufgegriffen werden kann. Zudem wechselt die Erzählweise mit fast jedem Kapitel erneut. Berichtet Motte aus der Ich-Perspektive, werden Monas und Eskos Erlebnisse von einem personalen Erzähler geschildert. Lazars Gedanken werden durch einen Du-Erzähler in Worte gefasst; andere Passagen werden auktorial beschrieben. Einige Kapitel werden außerdem von Figuren geschildert, die im Roman nur Randerscheinungen sind und kaum wieder auftauchen.

Durch diese Unübersichtlichkeit von Der letzte Engel wird es schwer eine einzelne Identifikationsfigur oder einen zentralen Helden ausfindig zu machen. Mona und Lars dienen am ehesten als Ankerpunkte, die langsam die Zusammenhänge begreifen und ihr vertrautes Leben hinter sich lassen, um eine großes, wenn auch völlig mysteriöses, Unheil für die gesamte Menschheit zu verhindern. Allen Figuren ist gemein, dass sie sich erst am Anfang einer Reise befinden, die von keiner der Figuren – und auch nicht vom Leser – umfassend verstanden wird. Der Auftakt der Buchreihe leistet somit nicht viel mehr als einen Einstieg, in dem der Leser die Gesetzmäßigkeiten, die Fronten und die Geschichte des Kampfes zwischen „der Familie“ und „der Bruderschaft“ kennen lernt. Dass dies so spannend  gelingt, ist dem Können des Autors zu verdanken. Er bettet die fantastische Handlung grandios überzeugend in eine realistische Welt ein, indem er sich historischer Figuren bedient, wirkliche Orte beschreibt und leicht verständliche Alltagssprache nutzt. Die Figuren werden in den Schilderungen schnell lebendig und die fantastischen Begebenheiten wirken schlüssig und originell. Trotzdem bleibt die Komplexität des Romans eine Herausforderung, die nur geübte und motivierte Leser bewältigen dürften. Dann allerdings wird die Spannung auf den zweiten Band groß sein, denn für Motte, Lars, Mona und die ganze Welt geht der entscheidende Kampf mit dem Cliffhanger am Ende des Buches erst richtig los.

„Der letzte Engel“ bietet sich als Lektüre für Viel-Leser an, die Freude an Komplexität und Herausforderung haben.