Rezensiert von Dr. Nicole Bachor-Pfeff
Ein 11-jähriger Junge, der sein Leben im Griff hat. Schwer genug, aber im Griff. Ein Vater, der sein Leben nicht im Griff hat. Schlimm genug, aber es kommt noch schlimmer. Denn was tun, wenn man alles verliert? Ein spannender Roadtrip auf der Suche nach Gerechtigkeit und nach dem besten Freund. Till, der ganz plötzlich aus seinem Alltag gerissen wird, kämpft darum, das Wichtigste in seinem Leben zu behalten: seinen Hund Flocke.
| Buchtitel | Fische sind scheiße |
| Autor | Christian Linker |
| Genre | Abenteuer Gegenwart & Zeitgeschichte |
| Lesealter | 10+ |
| Umfang | 256 Seiten |
| Edition | 1. Auflage |
| Verlag | dtv |
| ISBN | 978-3-423-76629-6 |
| Preis | 15,00 € |
| Erscheinungsjahr | 2026 |
Die Geschichte wird aus der Perspektive des elfjährigen Till erzählt, der sich nach einem Un-fall mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus wiederfindet. Auf Anraten seines Betreuers Selim beginnt er, die Ereignisse der letzten Wochen niederzuschreiben, um das Geschehene zu verarbeiten.
Alles beginnt an einem heißen Sommertag, als Tills ohnehin instabiles Leben zusammen-bricht. Till lebt allein mit seinem Vater, der nach dem Tod der Großmutter schwer depressiv und drogenabhängig geworden ist. Während Till in der Schule ist, erleidet sein Vater eine schwere Drogenvergiftung und fällt ins Koma. Da keine weiteren Verwandten erreichbar sind, wird Till vom Jugendamt in die „Villa Lotta“ gebracht, eine Wohngruppe für Kinder und Ju-gendliche.
Dort trifft Till auf den zwölfjährigen Pawel, mit dem er sich ein Zimmer teilt. Pawel wirkt älter und abgeklärter, wird aber schnell zu Tills engstem Verbündeten. Das größte Problem für Till ist jedoch die Trennung von seinem Hund Flocke, einem Irischen Wolfshund, der sein einziger Halt war. Als er ihn im Tierheim besuchen will, erfährt er, dass Flocke an Familie Gültekin im Urlaubsort Westersand vermittelt wurde.
Getrieben von Sehnsucht und dem Gefühl der Ungerechtigkeit, überreden Till und Pawel sich gegenseitig zur Flucht. Ihr Ziel: Flocke zurückzuholen. Die Reise führt sie unter anderem per Zug nach Amsterdam. Till und Pawel erleben zahlreiche Abenteuer: Sie müssen sich in Zugtoi-letten vor Schaffnern verstecken und Till wird in Amsterdam in eine Verfolgungsjagd verwi-ckelt, bei der er die schlagfertige Bo kennenlernt. Nach einer Übernachtung auf Bos Hausboot reisen sie weiter nach Westersand an die Nordsee. Dort finden sie Flocke bei der Tochter der neuen Besitzer, bei Sıla.
Obwohl Till erkennt, dass es Flocke gut geht, siegt der Wunsch, ihn zurückzugewinnen. Er muss eine schwere Entscheidung treffen. Gleichzeitig werden die Jungen bereits per Zei-tungsanzeige als Ausreißer gesucht. Die Geschichte gipfelt in einer dramatischen Flucht auf einem geklauten Motorroller, die für Till mit einem gebrochenen Bein im Krankenhaus en-det.
Eine Leseprobe ist verfügbar.
Der Roman ist eine gelungene Mischung aus Abenteuergeschichte und Sozialdrama. Er ver-zichtet auf den pädagogischen Zeigefinger und schildert stattdessen in logischer Konsequenz, all das was passieren kann, wenn man sich in einer solch emotionalen Notsituation befindet. Die Darstellung der Freundschaft zwischen Till und Pawel ist sehr authentisch und überzeu-gend.
Das Buch trifft den Kern der jugendlichen Lebenswelt. Die Angst vor dem Verlust des gelieb-ten Haustiers und das Gefühl von Ohnmacht gegenüber den Entscheidungen von Erwachsenen sind hochrelevante Motive. Der Fokus bleibt trotz der problematischen Hintergrundthematik klar auf der Aktion und der Freundschaft der Jungen, was eine (emotionale) Überfrachtung verhindert.
Die Handlung ist als klassischer „Roadtrip“ bzw. Fluchtroman sehr stimmig aufgebaut. Der Spannungsbogen setzt früh ein, sobald Till in die Wohngruppe kommt und die Trennung von Flocke realisiert. Die Reise von Deutschland nach Holland bietet genügend Wendungen und kleine Siege, um die Leser bei der Stange zu halten. Die chronologische Erzählweise hilft der Zielgruppe, den Überblick zu behalten.
Till ist ein hervorragender Protagonist: Er ist kein klassischer „Held“, sondern ein pflichtbe-wusster Junge, der über sich hinauswächst. Seine Handlungen sind psychologisch motiviert und nachvollziehbar. Die Dynamik mit Pawel – der nach außen hin cool wirkt, aber einen weichen Kern hat – bietet eine glaubhafte Figurenkonstellation.
Die Wahl des Ich-Erzählers ist perfekt, um die Unmittelbarkeit von Tills Gefühlen zu vermit-teln. Die Sätze sind klar strukturiert, aber nicht trivial. Die Dialoge zwischen den Jungen wir-ken authentisch und jugendnah, verzichten aber auf peinlich-gezwungene Jugendsprache, was die Glaubwürdigkeit erhöht. Die Komplexität ist für 10- bis 12-Jährige genau richtig dosiert.
Der schwächste Punkt der Bewertung betrifft das Cover: Es wirkt auf den ersten Blick eher wie ein Buch für deutlich jüngere Kinder oder eine rein humoristische Erzählung. Der Roman ist jedoch wesentlich tiefgründiger und ernster. Jungs in Tills Alter könnten das Buch im La-den aufgrund der Optik als „zu kindisch“ wahrnehmen, obwohl der Inhalt genau ihre Alters-gruppe (ab 10) anspricht. Die innere Struktur (Schriftgröße, Zeilenabstand) ist hingegen sehr leserfreundlich.
Ein starker, emotionaler Abenteuerroman, der wichtige Themen wie familiäre Krisen, die Suche nach einem Platz in der Welt, Freundschaft und Loyalität verhandelt, ohne den Zeige-finger zu heben.
Das Jugendbuch „Fische sind scheiße“ von Christian Linker (dtv, 2026) eignete sich als Frei-zeitlektüre, aufgrund des Motivs „Flucht mit Hund“ und der Krimi-Elemente (Verfolgungsjagd, Diebstahl in Amsterdam), die es zu einem attraktiven Buch für die eigenständige Lektüre ma-chen. Es bietet aber aufgrund seiner lebensnahen Thematik, der authentischen Erzählstimme und der spannenden Handlung auch vielfältige Ansätze als Klassenlektüre für den Literaturun-terricht der 5. bis 7. Klasse und die Leseförderung. Es behandelt zentrale Entwicklungsthemen wie Freundschaft, Loyalität, Selbstständigkeit und den Umgang mit familiären Krisen.
Schon der Beginn der Geschichte kann Schüler*innen dazu anregen, eigene Erlebnisse in Form eines Tagebuchs zu verfassen.
Begleitend zur Lektüre können die Schüler*innen Tills Erlebnisse oder seine „Fluchtroute“ in einem Lese-Logbuch dokumentieren, die man interdisziplinär auch im Geographieunterricht thematisieren kann. Für ein Buch mit Roadtrip-Elementen bietet sich eine „digitale Schnitzel-jagd“ (z. B. mit Actionbound) an, die Tills Route verfolgt, dafür werden Rätsel erstellt, die nur gelöst werden können, wenn man bestimmte Textstellen genau gelesen hat.
Durch die kurzen Kapitel und die einfache, aber bildhafte Sprache eignet sich das Buch ideal für Lese-Flic-Flacs oder Lesekonferenzen.
Da das Buch viele Akteur*innen hat (Mitbewohner, Erzieher, Vater, Jugendamt), erstellen die Schüler*innen ein Figurensoziogramm, ein Plakat, auf dem die Beziehungen durch Pfeile, Symbole und Abstände visualisiert werden. Wer ist wem gegenüber loyal? Wo herrscht Miss-trauen?
Eine weitere Idee wäre das Motiv-Tracking, in dem die Schüler*innen im Text nach dem Mo-tiv des „Wassers“ oder der „Fische“ suchen. Wo tauchen sie auf? Stehen sie für Freiheit oder für Gefangenschaft? Die Ergebnisse können in einer Mindmap gesammelt werden. Das Buch enthält aufgrund seiner lebensnahen und teilweise „brisanten“ Themen hervorragende An-knüpfungspunkte, die eine Anschlusskommunikation geradezu notwendig machen, beispiels-weise über:
• Die Unterscheidung zwischen den Begriffen „Heim“, „Einrichtung“ und „Wohngruppe“. Schüler*innen können diskutieren, warum Till sagt: „Heim klingt einfach nur scheiße“.
• Tills Vater leidet unter einer Drogenproblematik („weiße Kristalle“, „Drogenvergiftung“). Dies kann zum Anlass genommen werden, über die Rollenumkehr (Parentifizierung) zu sprechen, da Till schon als Erstklässler auf sich allein gestellt war und sich um den Vater kümmern musste. Hier könnte auch die Rolle der Jugendämter thematisiert werden.
• Die Handlung provoziert auch Fragen nach richtigem und falschem Handeln, die in der Klasse debattiert werden können: Ist es moralisch vertretbar, einen Hund (Flocke) „zu-rückzustehlen“? Wo ist hier die Grenze zwischen Loyalität, Liebe und Sehnsucht und Diebstahl?
• Pawel und Till nutzen Lügen und gefälschte Briefe, um ihr Ziel zu erreichen. Hier kann die Frage stehen: „Heiligt der Zweck die Mittel?“ Tills Unbehagen gegenüber Pawels Kalt-schnäuzigkeit beim Lügen bietet eine gute Basis für eine Charakteranalyse.
• Pawels Ausbruch „Du hast ja nicht die allerleiseste Ahnung von meiner Welt“ ist ein Schlüsselmoment für die Anschlusskommunikation über soziale Herkunft.
Methoden zur Anschlusskommunikation könnten sein:
• Talkshow: Eine fiktive Diskussion zwischen Selim (Jugendamt), Till und Pawels Erziehern über die Flucht nach Amsterdam.
• Standbildbau: Die Schüler:innen stellen eine konfliktreiche Szene (z. B. die Stimmung beim Abendessen in der Villa Lotta) körperlich dar. Dies hilft, Machtstrukturen und Emo-tionen ohne Worte zu begreifen.
• Positionslinie: Schüler:innen nehmen im Raum Aufstellung zu Fragen wie „Hättest du Flo-cke auch entführt?“.
• Innerer Monolog: Verfassen eines Textes aus der Sicht von Sıla (dem Mädchen, dem der Hund weggenommen wurde).
Ein letzter Impuls für den Unterricht, aber auch für die private Lektüre, wäre eine Recherche:
Das Buch entstand in Zusammenarbeit oder mit der Unterstützung der Selbstvertretung „JVJ NRW“ (Jugend vertritt Jugend), der die Danksagung Linkers gewidmet ist. Schüler:innen könn-ten recherchieren, wie der Alltag in Wohngruppen heute tatsächlich aussieht und wie viel „Realität“ im Roman steckt.