Rezensiert von Anja Sieger
Ein Junge namens Sid, der in die 6. Klasse geht und dessen größter Traum der Besuch der viel zu teuren Kunstakademie ist, und ein gesangsbegabter Oktopus namens Otto, der zufällig im Fischgeschäft von Sids Eltern und nicht wie erträumt auf der Opernbühne landet: Zusammen werden sie im Comic Alles Krake zu einem urkomischen, aber auch unschlagbaren Team. Ob auf der Bühne oder mit dem Pinsel: Am Ende wird aus ihren Träumen Wirklichkeit.
| Buchtitel | Alles Krake |
| Autor | Karen Wasson, übers. v. Leena Flegler, illustr. v. Jake A. Minton |
| Genre | Comic & Graphic Novel |
| Lesealter | 10+ |
| Umfang | 304 Seiten |
| Edition | 1. Auflage |
| Verlag | Thienemann |
| ISBN | 978-3-522-50957-2 |
| Preis | 18,00 € |
| Erscheinungsjahr | 2025 |
Sid geht in die 6. Klasse, ist ein begabter Zeichner und erhält daher einen Platz an der renommierten Kunstschule Lindfield. Doch ohne Stipendium und von den bescheidenen Einkünften seiner Eltern aus dem Fischladen können diese das hohe Schulgeld nicht stemmen. Dies ändert sich, als der Krake Otto versehentlich im Geschäft von Sids Eltern landet. Otto sieht sich nicht als Lebensmittel, sondern als einen begnadeten Opernsänger. Nur leider ist er nicht – wie geplant – in Rom gestrandet, sondern im kleinen Städtchen Roam. Da sowohl Sid als auch Otto ihre Träume gefährdet sehen, schmieden sie eine Allianz. Sehr hilfreich ist hierbei Sids Nachbarin Lynn, die eigentlich – ohne es zu wissen – Otto mit ihrer Familie ans Meer bringen sollte. Aufgrund kaputter Zündkerzen scheitert dieser Plan von Sid jedoch. Lynn, die jetzt um die Existenz von Otto weiß, kommt auf die Idee, dass Sid und Otto am örtlichen Talentwettbewerb teilnehmen müssen: Das Preisgeld könnte Sids Schulgeld sichern und ein Einzug ins Finale Otto ans Opernhaus in Sydney bringen. Der Plan gelingt zunächst: Otto – getarnt als Sids Mütze – singt, Sid bewegt seinen Mund und so überzeugen sie im Vorentscheid gemeinsam die Jury von Sids Talent. Vor dem Halbfinale versagen aber zunächst Otto die Nerven, sodass er sich vor Sid und Lynn versteckt, und im Halbfinale Sid, sodass Otto ohne ihn auftritt. Zwar erntet er begeisterte Jubelstürme vom Publikum, wird aber von der Jury disqualifiziert. Sid hat schließlich die rettende Idee: Er richtet Otto im Fischladen einen Ehrenplatz mit täglichen Auftritten ein. Der Laden floriert, das Schulgeld ist gesichert und Otto kann als Sänger in Roam, nicht Rom, seinen Traum leben.
Eine Leseprobe ist verfügbar.
Welche Traumteams kennt die Literaturgeschichte? Asterix und Obelix: Oh ja! Matilda und Fräulein Honig: Unbedingt! Frodo Beutlin und Samweis Gamdschie: Auf jeden Fall! Aber ein etwa 12-jähriger Junge und ein Oktopus? Niemals! Oder, besser gesagt, jetzt ganz bestimmt, denn mit Alles Krake finden wir genau so ein Duo, welches sich perfekt ergänzt und so Großes zu vollbringen vermag.
Sid ist am Beginn des Comics ein schüchterner und von einigen seiner Mitschüler gemobbter Junge, der einen großen Traum hat, aber wenig dafür unternimmt, um diesen wahr werden zu lassen. Wesentliche Impulse hierfür setzt vielmehr seine Nachbarin und Mitschülerin Lynn, die die Idee mit dem Talentwettbewerb hat, an das Potenzial von Otto glaubt und aus dem chaotischen Zusammentreffen von Otto und Sid einen durchdachten Plan entwickelt. Und natürlich Otto, der so sehr anders ist als Sid. Wo Sid am liebsten unsichtbar ist, liebt Otto das Rampenlicht und den großen Auftritt. Er ist laut und ein liebenswert-frecher Freigeist. In dieser Mischung gelingt es letztendlich dem Trio, dass die Träume von Sid und Otto wahr werden, auch wenn Otto seinen großen Auftritt nicht in einem der berühmten Opernhäuser von Rom, sondern täglich im Fischgeschäft von Sids Eltern hat. Mit seiner unkonventionell-unangepassten Art wird zunächst Otto zum Identifikationsangebot für Jungen im Alter von 10 bis 12 Jahren. Aber auch Sid bietet sich als ein solches an, nimmt er doch im Verlauf der Geschichte eine überzeugende Entwicklung und ist letztendlich mit seiner Idee, eine Bühne für Sid im Laden seiner Eltern einzurichten, dafür verantwortlich, dass das notwendige Schulgeld für den Besuch der Kunstakademie zusammenkommt. Bezüglich der überzeugenden Entwicklung von Figuren ist darüber hinaus unbedingt Sids Mitschüler Lucas zu erwähnen. Dieser tritt zunächst als lautstarker Mobber von Sid auf, entpuppt sich ohne seine Freunde aber als ein Junge, der sich um seinen kleinen Bruder und um seine demente Großmutter kümmert und der auch über Selbstzweifel, wie übrigens kurzzeitig auch Otto, verfügt. Im Zusammenspiel der einzelnen Figuren wird Alles Krake zu einem richtigen Mut-Mach-Buch, welches zudem eine ausgesprochen witzige und spannende Geschichte erzählt.
Amüsieren können sich kindliche Leserinnen und Leser auf verschiedene Weisen, wobei schon das Cover eine ungewöhnlich-komische Geschichte vermuten lässt. Diese Erwartung wird bereits mit der Verwechslung der Weltmetropole Rom mit der Kleinstadt Roam und der Einführung des sprechenden und singenden Oktopus Sid, der anstelle auf der Opernbühne in einem Fischgeschäft (!) landet, eingelöst und im Verlauf der gesamten Geschichte durch den Gegensatz der beiden Hauptfiguren Otto und Sid getragen. Dieser sorgt nicht nur für situationskomische und Slapstick-Momente, wie die verschiedenen Tarnungen von Otto, die auf der grafischen Ebene realisiert werden und sich z.B. in Form eines sprechenden Hutes, Telefons oder Buches zeigen, oder Ottos Acht-Arme-Demonstration an Sid, um diesem ein selbstbewusstes Aussehen zu verleihen (S. 130/131), sondern auch für ausgesprochen witzige Dialoge und Wortgefechte. Ein Beispiel hierfür findet sich gleich am Beginn, wenn Sid Otto erklärt, dass Fische im Fischladen nicht als Freunde zu finden seien, sondern als Essen verkauft würden (S. 37), oder später, wenn Sid und Otto gemeinsam mit dem Fahrrad unterwegs sind und Sid Otto, dem es nicht schnell genug geht, vorschlägt, das Fahren zu übernehmen, da er doch acht Beine habe (S. 88). Diese Dialoge sind aber nicht nur humorvoll, sondern vermitteln auch Wissen über Oktopoden (!). So erfahren die Lesenden z.B., dass Oktopoden acht Arme (und nicht Beine), drei Herzen, neun Gehirne und einen Schnabel haben. Dies geschieht auf eine ganz besondere Art und Weise, weil hier Fachwissen im Zusammenhang mit Ottos exzentrischem Wesen weitergegeben wird. Ganz nebenbei vermittelt der Comic darüber hinaus auch Wissenswertes über die Überfischung der Meere (S. 49), französische Dramen (S. 119), das Wesen italienischer Arien (S. 156) oder Songs aus den 50er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts (S. 178). Am Ende fällt die Songwahl für den Wettbewerb (passenderweise) auf Under Pressure von Queen und David Bowie. Das ist ein humorvoller Moment, der sich eher Erwachsenen erschließen wird.
Wie bereits angemerkt, schafft es der Comic Lesende auch auf der grafischen Ebene zu überzeugen. Die Panels weisen eine durchgehende farbige Gestaltung auf und führen im Sinne eines sequenziellen Erzählens durch die chronologisch erzählte Handlung, die vielfach auch ohne Text rein grafisch erzählt wird. Insbesondere der opernsingende Oktopus erhält eine skurril-überspitzte Darstellung, wodurch der Kontrast zum stillen und zurückhaltenden Sid geschärft wird. Beispielsweise auf diesen Seiten findet sich mit den fließenden Farbbändern, auf denen Noten zu finden sind und die Ottos Schnabel entspringen, eine symbolische Darstellungsweise, wobei diese vollfarbigen Doppelseiten zu den optischen Highlights des Comics gehören.
Zu erwähnen ist unbedingt auch der Making-Off-Teil des Buches, in dem der Zeichner Jake A. Minton Einblick in seine gestalterischen Entscheidungen gewährt und man so beispielsweise erfährt, dass Sid als Anspielung auf Ottos acht Arme die gleiche Anzahl an Haarspitzen besitzt. Sorgt bereits die Form des Comics im Zusammenhang mit der witzig-spannenden Geschichte für eine schnelle Bewältigung der immerhin 304 Seiten, so stellt auch die sprachliche Gestaltung keine besondere Herausforderung für Kinder mit Leseerfahrung dar: Der Satzbau ist einfach gehalten und der Wortschatz im Ganzen voraussetzungsfrei, wobei Unbekanntes im Kontext erklärt und vieles zudem über das Bild erzählt wird.
Was verbindet einen Künstler und einen Oktopus? Natürlich die Tinte! Und ist „Tinti“ zunächst der Spottname von Lucas und seinen Freunden für Sid, verweist er im Verlauf der Geschichte vielmehr positiv auf die freundschaftliche Verbindung von Otto und Sid. Mit der Verwirklichung von Träumen, die durch den Zusammenhalt und das Zusammenwirken der zunächst sehr gegensätzlichen Protagonisten gelingt, erzählt der Comic Alles Krake eine sehr alltagsnahe Geschichte, die ob ihrer originell-komischen Idee und der überzeugenden Umsetzung dieser kindliche, aber auch erwachsene Leserinnen und Leser zu begeistern vermag.
Angesprochen werden vor allem Jungen, die mit dem Lesenkönnen (Prozessebene) keine größeren Probleme haben, aber nicht so gerne lesen (Subjektebene). Diesbezüglich eignet das Buch sich besonders für die private Lektüre, ist aber auch für die Klassenbibliothek, als Lesestoff für freie Lesezeiten oder im Rahmen des Vielleseverfahrens empfehlenswert.
Durch die ausgesprochen komische Geschichte und die Spannung, die mit der Begegnung von Sid und Otto sofort einsetzt und bildstark in Szene gesetzt wird, kann ein regelrechter Lesesog entstehen. Am Ende ist man überrascht, den Comic mit seinen immerhin 304 Seiten schon ausgelesen zu haben. Der schnelle Lesefortschritt, der durch die Comicform und das überzeugende Zusammenspiel von Text und Bild ermöglicht wird, kann dazu beitragen, das Selbstkonzept von Jungen (und Mädchen) als Leser(innen) zu stärken. Förderlich sind diesbezüglich auch die Wissenspassagen über Oktopoden, die auf humorvolle Art in die Gespräche der Protagonisten eingeflochten sind. Die Informationen wirken auf junge Leserinnen und Leser vermutlich so unwahrscheinlich, dass sie motiviert sind, den Wahrheitsgehalt zu recherchieren. Hier können die Sachbuchlesepräferenzen von Jungen unterstützend wirken, zum Beispiel durch Bücher wie Was ist was: Kraken von Dr. Stephanie Helber (2025) oder Faszination Krake. Wesen einer unbekannten Welt von Michael Stavaric und Michèle Ganser (2021). Dieser Band ist der erste einer mehrbändigen Reihe, die sich neben Kraken auch Quallen (Band 2, 2023), Haien (Band 3, 2024) und Walen (Band 4, 2025) widmet. Letztere sind hier besprochen: www.boysandbooks.de/buchempfehlungen/specials/sachbuecher/sachbuecher-rezensionen/faszination-wale-die-giganten-unserer-zeit-faszination-haie-waechter-der-meere/.
Kinder, die Freude an ähnlich humorvoll-schrägen Comic-Erzählungen wie Alles Krake haben, finden in Leif Wolffson. Total verpeilt im Eisbärenland von Gary Northfield oder Loki. Wie man als schlechter Gott ein guter Mensch wird (oder auch nicht) von Louie Stowell passenden Lesestoff.