Rezensiert von Prof. Dr. Ina Brendel-Kepser
Heldentage von Martin Schäuble handelt von drei Jugendlichen, die sich heimlich aus der Psychiatrie entfernen und zu einer abenteuerlichen Reise aufbrechen. Mit dem Thema Mediensucht greift der Roman ein aktuelles gesellschaftliches Problem auf und erzählt eine Geschichte über Geheimnisse, Freundschaft und die Frage, was Mut wirklich bedeutet – jenseits aller Heldenklischees. Eine spannende und eindrückliche Lektüre!
| Buchtitel | Heldentage |
| Autor | Martin Schäuble |
| Genre | Abenteuer |
| Lesealter | 12+ |
| Umfang | 272 Seiten |
| Edition | 1. Auflage |
| Verlag | Fischer Sauerländer |
| ISBN | 978-3-7373-4360-2 |
| Preis | 17,90 € |
| Erscheinungsjahr | 2025 |
Nilo ist fünfzehn und nur noch am Handy. Nach einer heftigen Auseinandersetzung bringt seine Mutter ihn in eine psychiatrische Klinik, wo er direkt aufgenommen wird. Dort lernt er Faris und Mayla kennen. Während die Jungen spiel- und handysüchtig sind, leidet Mayla unter Depressionen. Als Mayla in der Nacht beschließt, aus der Klinik auszubrechen, schließen sich die beiden Jungen ziemlich spontan an. Damit beginnt ein überraschender Roadtrip mit vielen unerwarteten Begegnungen und Wendungen. In einer alten Fabrikhalle kämpfen die Jugendlichen mit Hammer und Kettensäge gegen Eindringlinge, sind auf der ständigen Flucht vor der Polizei, lernen im Zug eine demente Frau kennen, die sie später als deren vermeintliche Enkel im Pflegeheim besuchen, und landen schließlich auf einem alten Frachtkahn, der Maylas Vater gehört. Da dieser jedoch schwer alkoholabhängig ist, erkennt er seine Tochter nicht mehr. Im Verlauf der gemeinsamen Reise öffnen sich die Jugendlichen allmählich einander und vertrauen sich ihre Vergangenheiten, ihre aktuellen Probleme und Sehnsüchte an. Miteinander erleben sie Zusammenhalt, Freundschaft und auch das Herzklopfen der ersten Liebe. Am Ende kehren sie mit einem großen Erfahrungsschatz in die Klinik zurück; ob, wann und wie die Jugendlichen in ihr gewohntes Leben zurückkehren können, spart der offene Schluss aus.
Eine Leseprobe ist verfügbar.
Spiel- und Mediensucht sind weit verbreitet und damit nicht zufällig Thema eines Jugendromans. Wie Martin Schäuble im Nachwort äußert, sind die alltäglichen Auseinandersetzungen des Autors mit seinen Söhnen über angemessene Mediennutzung und Medienzeit in den Roman Heldentage eingeflossen: „Unseren drei Jungs danke ich am allermeisten! Ohne die stundenlangen und manchmal recht intensiven Zock-Diskussionen wäre ich nie auf diese Geschichte gekommen.“ (S. 255) Und obwohl die Klinik und die Figuren im Roman fiktiv sind, liegen ihnen – was für Schäubles Arbeit, der auch politische Sachbücher verfasst hat, kennzeichnend ist – genaue Recherchen in einer psychosomatischen Klinik und im Kontakt mit medienabhängigen jungen Patienten zugrunde. Daraus sind glaubwürdige Figuren entstanden, deren Dialoge flott und alltagsnah daherkommen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Nilo, der sein Smartphone schmerzlich vermisst, sich aber dennoch – zumindest für die Zeit dieser besonderen Reise – auf ein Leben mit ‚echten‘ Menschen wieder einlassen kann. Die Handlung, die damit beginnt, dass Nilo seine Mutter mit einem Messer bedroht, als sie sein Handy konfiszieren will, wird kurzweilig und rasant erzählt – mit vielen Dialogen und in leicht zugänglicher Sprache. Der Roman umfasst 48 Kapitel, die alle wiederum nur wenige Seiten umfassen und Lesepausen ermöglichen. Auch die chronologische Erzählstruktur in drei Teilen (1. „Die zwei Gefährten“, 2. „Die drei Türmer*innen“, 3. „Die Rückkehr der Zocker“) und das überschaubare Figurenarsenal ermöglichen ein leichtes Leseerlebnis, auch für Wenigleser*innen.
Obwohl Schäuble mit Mediensucht ein ernstes Thema aufgreift, erzählt er die Geschichte eines abenteuerlichen Roadtrips, der mit überraschenden und skurrilen Situationen aufwartet und viele Momente voller Situations- und Sprachkomik bietet. Mit den intertextuellen Verweisen auf Tschick von Wolfgang Herrndorf, J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe oder das vorangestellte Zitat von David Bowie – „We can be heroes, just for one day.“ – werden interessante intertextuelle Spuren gelegt, die dazu anregen, über Heldentum, Stereotype und jugendlichen Identitätssuche nachzudenken.
Heldentage eignet sich als Freizeitlektüre für Leser*innen, die sich für realistische Romane interessieren. Mit seiner aktuellen Thematik ‚Mediensucht‘ stellt der Titel auch eine passende Klassenlektüre dar, da der Text viele Reflexionsanlässe über Potenziale und Risiken im Umgang mit Medien bietet – von der Erfassung der täglichen Smartphone-Nutzungszeit bis zu digital detox oder schulischem Handy-Verbot. Im Literaturunterricht kann Heldentage zudem dazu anregen, intertextuellen Spuren des Genres Road Novel nachzugehen.
Mit den Themen Spielsucht, Essstörungen, Drogenmissbrauch und Tod eines Angehörigen, die in der Triggerwarnung am Schluss des Buches explizit erwähnt werden, muss in der Klassensituation jedoch sensibel umgegangen werden und je nach Klassensituation bzw. Betroffenheit von Schüler*innen sollten ggf. Schulpsycholog*innen zur Aufklärung über das Thema einbezogen werden.
Die Website des Fischer Sauerländer Verlags bietet Unterrichtsmaterialien zu Heldentage an: Miriam Holstein: Handlungs- und produktionsorientierte Anregungen für den Unterricht in Deutsch, Religion/Ethik und Sozialkunde. Vorgeschlagen wird die Auseinandersetzung mit den Themen Medienkompetenz und Spielsucht, psychische Gesundheit und Hilfesysteme, Freundschaft und Selbstwirksamkeit, literarische Motive und intertextuelle Bezüge sowie mit dem Genre Road Novel.
Wer Heldentage gerne gelesen hat, findet möglicherweise auch Gefallen an Tschick von Wolfgang Herrndorf oder wagt sich an einen weiteren Roman von Martin Schäuble: Sein Reich.