Buchcover The Factory. Es gibt kein Entkommen

In einer nahen Zukunft ist der Klimawandel fortgeschritten und sorgt in den USA für Unwetter, Flucht...

Rezensiert von Dr. Eva Maus

Stell dir vor, du musst deine Familie finanziell unterstützen und begibst dich deshalb als Testperson in eine Versuchsanstalt. Das Versprechen: alles ganz ungefährlich. Die Realität: Die Versuche sind belastend, die Anstalt gleicht einem Gefängnis und irgendetwas ist seltsam. In einer nahen Zukunft versucht der 13-jährige Asher, das gefährliche Geheimnis von The Factory zu lüften.

BuchtitelThe Factory. Es gibt kein Entkommen
AutorCatherine Egan, übers. v. Leo H. Strohn
GenreScience Fiction
Lesealter12+
Umfang352 Seiten
Edition1. Auflage
VerlagFischer Sauerländer
ISBN978-3737375474
Preis16,90 €
Erscheinungsjahr2026

In einer nahen Zukunft ist der Klimawandel fortgeschritten und sorgt in den USA für Unwetter, Flucht und Armut. Als auch Ashers Mutter in Schwierigkeiten gerät, arrangiert sein Vater – ein einflussreicher Politiker, den Asher kaum kennt – einen Ausweg für die Familie: Der 13-Jährige soll gegen gutes Geld in eine wissenschaftliche Einrichtung, die Factory, einziehen. Das Ziel: Aus dem elektromagnetischen Feld von Jugendlichen soll dort saubere Energie gewonnen werden. Das Versprechen: Alle Versuche seien völlig ungefährlich. Doch die Einrichtung gleicht einem Gefängnis, den Jugendlichen geht es nach den Sitzungen in sargähnlichen Kapseln schlecht. Einzelne verschwinden. Überhaupt hegen Asher und seine neu gewonnenen Freund*innen bald den Verdacht, dass einiges in der Einrichtung nicht mit rechten Dingen zugeht, und sie beginnen gefährliche Nachforschungen und Sabotageakte. Dabei verhärtet sich Ashers Verdacht, dass auch sein Vater etwas mit der Factory zu tun hat und er selbst nicht zufällig dort ist.

Eine Leseprobe ist verfügbar. 

Die Dystopie um Asher und die Factory überzeugt auf der Handlungsebene genauso wie mit ihrem World-Building. Entworfen wird ein realistisches Zukunfts-Szenario, das weder in Panikmache und Endzeitstimmung verfällt noch die aktuellen Krisen verharmlost. Es gibt Klimageflüchtete – auch aus dem eigenen Land, obdachlos geworden durch Sturm und andere Wettereignisse. Es gibt verarmte Wohngebiete, aber auch Neuerungen wie 3D-gedruckte, günstige Häuser oder (teure) hitzeabweisende Jacken, mit denen das veränderte Klima erträglich ist.

Asher bietet sich als Identifikationsfigur an: Er ist 13 Jahre alt, nicht ohne Unsicherheiten und Ängste, aber mit eigener Meinung und mutig, wenn es ernst wird. In der Forschungseinrichtung positioniert er sich klar gegen Mobber und findet eine heterogene Freund*innen-Gruppe, so dass sich über Asher hinaus weitere positive, jugendliche Figuren in The Factory finden. Die Darstellung von schwierigen Lebensumständen, die die Jugendlichen in einer Ausweglosigkeit zurücklassen, ist allerdings nichts für ganz schwache Nerven. 

Nachdem sich Lesende gemeinsam mit Asher als Ich-Erzähler in der Forschungseinrichtung eingewöhnt haben, mehren sich schnell die Hinweise darauf, dass nicht alles stimmen kann, was man den Jugendlichen erzählt hat. So bleibt der Spannungsbogen stetig gespannt und wird immer wieder durch actionreiche Begebenheiten und neue Hinweise auf die Machenschaften der Drahtziehenden gespeist. 

Die fast 350 Seiten lesen sich in diesem Page Turner relativ schnell und einfach. Sowohl das Schriftbild als auch die Sprache kommen den Lesenden entgegen und sind auch für etwas schwächere Jugendliche ab 12 Jahren altersangemessen. Dem Übersetzer gelingt es, auch wissenschaftliche Beschreibungen unkompliziert und ohne unnötige englische Begriffe zu formulieren. Rückblicke werden so eingebettet, dass das Leseverständnis nicht erschwert wird. Bewusst irritierend sind nur einzelne, sehr kurze Kapitel, die jeweils mit der Überschrift „Dinge, die nicht passieren werden“ überschrieben sind. Diese Irritation trägt jedoch zur Spannung bei und löst sich am Ende dieses ersten Bandes auf, als die Jugendlichen herausfinden, dass in der Einrichtung an Zeit geforscht wird und ihnen mögliche Zukünfte geraubt werden.

Der Reihenauftakt vereint Spannung aus dem Aufbau eines Szenarios der nahen Zukunft mit klassischer Spannung eines Page Turners und bietet zudem realistische Schilderungen von sozialen Dynamiken unter Jugendlichen. Diese Rezeptur ergibt einen lohnenden Top-Titel für alle etwas fortgeschrittenen Lesenden, die sich von über 300 Seiten nicht abschrecken lassen.

The Factory eignet sich durch Action und Spannung sowie ein interessantes Zukunftsszenario gut für Vielleseverfahren und die private Lektüre, sofern den Lesenden das Verarbeiten schwieriger Themen wie Armut, Klimawandel und Tod zugetraut wird. 

Das Buch bietet zudem viele Themen, die gemeinsam erarbeitet werden: ökologische, ökonomische und soziale Entwicklungen, soziale Aspekte und Dynamiken wie Mobbing, Armut und Chancenungleichheit. Auch moralische Fragen nach der Rechtfertigung von Sabotage und der Verantwortung von Befehlsempfängern (und Eltern) werden aufgeworfen und versprechen einen wertvollen Austausch mit jugendlichen Lesenden. Eine gemeinsame Lektüre im Unterricht wäre also durchaus lohnend, muss aber evtl. angesichts belastender Themen mit den Möglichkeiten der Zielgruppe abgewogen werden.   

Da eine Fortsetzung zu erwarten ist, kann Lesemotivation in weitere Bände übertragen werden. Weitere Titel mit einer ähnlichen Kombination an Themen und Erzählmustern wie Boy from Mars (Linker 2023) oder Ocean City (R. T. Acron 2020) versprechen für Fans von The Factory ebenfalls Lesemotivation.