Rezensiert von Dr. Emmanuel Breite
Stell dir vor: Du sitzt im Zug auf dem Weg zur Schule. Nach einem endlos langen Tunnel kippt die Wirklichkeit. Der eben noch voll besetzte Zug ist plötzlich menschenleer und hält quietschend an einem unbekannten Ort. Genau das passiert Mathus. Draußen trifft er Anna. Das geheimnisvolle Mädchen ist so ratlos wie er. Beide stellen sich dieselbe Frage: Wo sind sie? Und wie kommen sie zurück?
| Buchtitel | Irgendwo zwischen den Welten |
| Autor | Franziska Gehm |
| Genre | Horror & Grusel Fantastische Literatur |
| Lesealter | 14+ |
| Umfang | 102 Seiten |
| Edition | 1. Auflage |
| Verlag | Gulliver / Beltz Verlagsgruppe |
| ISBN | 978-3-407-82478-3 |
| Preis | 11,00 € |
| Erscheinungsjahr | 2026 |
Mathus sitzt in einem vollbesetzten Regionalzug auf dem Weg zur Schule. Als der Zug in einen Tunnel fährt, bemerkt er, dass etwas nicht stimmt. Der Tunnel kommt ihm an diesem Morgen ungewöhnlich lang vor. Verunsichert sucht Mathus den Zugführer auf, stellt jedoch fest, dass die Fahrerkabine leer ist. Kurz darauf bremst der Zug und kommt auf freier Strecke zum Stehen. Der Tunnel ist verschwunden.
Aber nicht nur der Tunnel scheint sich in Luft aufgelöst zu haben: Als Mathus in sein Abteil zurückkehrt, sind alle Sitzplätze leer. Die Fahrgäste sind verschwunden. Er steigt aus dem Zug und sieht sich um. In der unbekannten Landschaft trifft er auf ein Mädchen namens Anna. Offenbar sind sie die Einzigen, die hier gestrandet sind. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach Hilfe und gelangen schließlich in eine verlassene Stadt.
Um sich einen Überblick zu verschaffen, steigen sie auf einen Hügel, wo sie einen ungewöhnlichen Spiegel entdecken. Beim Hineinsehen werden sie in den Spiegel gezogen und verlieren sich in einer unendlichen Leere.
Plötzlich befindet sich Mathus wieder im Zug. Es ist wieder alles wie am Morgen, nur befindet sich der Zug genau eine Station vor dem Tunnel. Mathus beschließt, an der nächsten Station auszusteigen. Gerade als er vor der Zugtür wartet, tritt aus der Toilette ein Mädchen – es ist Anna. Beide steigen aus.
Eine Leseprobe ist verfügbar.
Ist es möglich, eine Geschichte zu schreiben, die leicht zu lesen ist und zugleich Spannung und Unterhaltung verspricht? Mit Irgendwo zwischen den Welten beweist Franziska eindrucksvoll, dass genau das gelingt. Die Autorin legt einen Roman vor, der Jugendliche von der ersten Seite an fesselt.
Die Handlung setzt mit einer Szene ein, die vielen Heranwachsenden vertraut sein dürfte: Noch halb im Schlaf und mit müden Augen sitzt der männliche Ich-Erzähler in einem überfüllten Zug auf dem Weg zur Schule und beobachtet die anderen Fahrgäste. Was wie ein gewöhnlicher Morgen beginnt, kippt jedoch schon bald ins Unheimliche: „Dieser Zug rast ohne Fahrer durch einen Tunnel, der nicht aufhört.“ (S. 22)
Gekonnt spielt der Roman mit menschlichen Urängsten wie der Furcht vor Kontrollverlust und dem Unbekannten. Durch die konsequente Ich-Perspektive erhalten die Leser*innen unmittelbaren Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des Protagonisten, was eine starke Identifikation ermöglicht und die beklemmende Atmosphäre zusätzlich verstärkt.
Zunehmend tauchen die Leser*innen in eine traumähnliche, surreale Welt ein, in der die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie verschwimmen. Zentrale Fragen löst der Roman nicht auf, sondern lässt sie bewusst offen. Dadurch entsteht eine kaum auszuhaltende Spannung, die bis zum Ende anhält. Wo befindet sich der Ich-Erzähler? Wie gelangt er wieder zurück? Wie konnte sich der Tunnel in Luft auflösen? Was hat es mit dem mysteriösen Mädchen und dem rätselhaften Spiegel auf sich? Warum gibt es in der Stadt keine Menschen? Was ist mit ihnen passiert? Die Leser*innen sind gefordert, die Leerstellen im Text zu füllen, eigene Hypothesen zu entwickeln und die Ereignisse zu interpretieren. Das verstärkt das Gefühl der Orientierungslosigkeit und spiegelt zugleich die innere Verunsicherung der Hauptfigur wider.
Durch seine gelungene Verbindung von Mystery- und Horror-Elementen zieht der Roman Jungen und Mädchen gleichermaßen in den Bann. Besonders hervorzuheben ist die sprachliche Gestaltung des Romans. Als Teil der Super lesbar-Reihe des Gulliver Verlags richtet sich das Buch gezielt an Jugendliche mit Leseschwierigkeiten. Das großzügige Schriftbild, der breite Zeilenabstand sowie die Gliederung in mehrere Absätze und Sinnabschnitte erleichtern den Zugang erheblich. Komplexe Satzkonstruktionen und schwierige Wörter werden weitgehend vermieden. Der Roman eignet sich daher insbesondere für heranwachsende Jungen mit geringen literarischen Vorerfahrungen. Trotz dieser Vereinfachungen ist die Sprache des Romans ausdrucksstark und besitzt literarische Qualitäten, wie etwa die folgende Passage verdeutlicht: „Ich frühstücke lieber flüssig, spart das Kauen. Mein Drink der Wahl: Milch. Ein großes Glas voll. Und immer eiskalt. Ist die Milch nicht kalt, ist der Tag gelaufen. Heute war sie lauwarm.“ (S. 9)
Insgesamt überzeugt Irgendwo zwischen den Welten durch die gelungene Verbindung von hoher Spannung und sprachlicher Zugänglichkeit. Der Mystery-Roman bietet ein intensives Leseerlebnis und eignet sich in besonderer Weise für Leseanfänger*innen und Wenigleser*innen, ohne dabei auf literarische Qualität zu verzichten.
Aufgrund seiner geringen sprachlichen und formalen Komplexität kann der Roman selbstständig und ohne größere Unterstützung gelesen werden. Die behandelten Themen – insbesondere grundlegende menschliche Ängste sowie die Frage nach dem Verhältnis von Realität und Fantasie – knüpfen an zentrale Erfahrungen und Interessen Jugendlicher an und ermöglichen einen niederschwelligen Zugang zur Lektüre. Das Buch eignet sich daher sowohl für die private Einzellektüre als auch für die freie Lektüre im schulischen Kontext.
Für die Leseförderung eröffnen sich vielfältige methodische Zugänge. Bereits Titel und Buchcover regen dazu an, erste Vermutungen über die Handlung zu entwickeln: Welche „zwei Welten“ sind gemeint? Wo befindet sich dieses „Irgendwo“? Und welche Bedeutung haben die auf dem Cover dargestellten, in den Himmel führenden Bahngleise? Solche Impulse fördern die Aktivierung von Vorwissen und steigern die Lesemotivation.
Die zahlreichen Leer- und Unbestimmtheitsstellen im Roman eignen sich besonders für produktionsorientierte und kreative Verfahren. So kann das offene Ende als Ausgangspunkt für eine Fortsetzungsgeschichte dienen. Ebenso bietet sich ein Perspektivwechsel an, indem zentrale Szenen aus der Sicht der Figur Anna neu erzählt werden. Im anschließenden Austausch kann reflektiert werden, wie sich Wahrnehmung und Deutung der Ereignisse dadurch verändern.
Darüber hinaus ermöglichen intertextuelle Bezüge eine vertiefende Auseinandersetzung mit dem Text. So weist der Roman Parallelen zu Der Tunnel von Friedrich Dürrenmatt auf, insbesondere im Motiv der unaufhaltsamen Bewegung ins Ungewisse. Ein Vergleich der beiden Texte kann das Textverständnis erweitern.
Auch fächerübergreifende Ansätze bieten sich an, etwa in Zusammenarbeit mit dem Kunstunterricht. Motive wie der rätselhafte Spiegel lassen sich mit surrealistischen Bildwelten in Verbindung bringen, beispielsweise mit La reproduction interdite von René Magritte. Eine solche Verknüpfung eröffnet die Möglichkeit, unterschiedliche Darstellungsformen des Unwirklichen zu vergleichen und kreativ weiterzuentwickeln.
Insgesamt bietet der Roman durch seine inhaltliche Offenheit und sprachliche Zugänglichkeit vielfältige Ansatzpunkte für eine motivierende und differenzierte Leseförderung.