Buchcover 24 Sekunden ab jetzt

In dem Roman 24 Sekunden ab jetzt – eine ganz normale Liebesgeschichte wird tatsächlich eine ganz...

Rezensiert von Barbara Reidelshöfer

Neon ist nur 24 Sekunden entfernt von seinem ersten Mal: große Verliebtheit, große Unsicherheit, großes Gefühlschaos! Aber was hat ihn vor 24 Sekunden, 24 Minuten, 24 Stunden, 24 Tagen, 24 Wochen und 24 Monaten beschäftigt? 

Davon erzählt Jason Reynolds authentisch, lebensnah und humorvoll. So schafft er es, auch für Jungen eine spannende Liebesgeschichte anzubieten, die den eigenen Blick auf Beziehungen und Sexualität positiv prägen kann.

Buchtitel24 Sekunden ab jetzt
AutorJason Reynolds
Lesealter14+
Umfang189 Seiten
Edition1. Auflage
Verlagdtv
ISBN978-3-423-65047-2
Preis16,00 €
Erscheinungsjahr2026

In dem Roman 24 Sekunden ab jetzt – eine ganz normale Liebesgeschichte wird tatsächlich eine ganz normale Liebesgeschichte erzählt. Und zwar die erste große Liebe von Neon, die er bei der Beerdigung seines geliebten Großvaters, die in einer wilden Verfolgungsjagd auf einem Friedhof gipfelt, kennenlernt. Kurz darauf hilft er ihr beim Streichen des Hauses und erfährt, dass sie nicht nur in derselben Schule, sondern sogar in derselben Stufe ist – nur immer in den besseren Kursen als er selbst. Der Kontakt bricht aber ab, bis Aria bei einem Wettkampf der Ringermannschaft, in der Neon mitmacht, auf einmal wieder auftaucht. So bahnt sich langsam eine Liebesgeschichte an, die mit der Zeit immer intensiver wird, aber sich nicht wie ein romantischer Hollywoodfilm entwickelt, sondern die ganz normalen Gefühle einer ersten großen Teenagerliebe beschreibt. Die beiden lernen sich immer näher kennen, teilen ihre Wünsche, Sorgen, Ängste miteinander und erleben die Unsicherheiten und großen Gefühle der Liebe gemeinsam. Auf diesem Weg wird Neon auch von seiner Familie begleitet. Zwar ist sein Großvater schon gestorben, aber auch zu seiner Großmutter hat er eine enge Beziehung, ebenso wie zu seinen Eltern und seiner großen Schwester, sodass es ihm an (manch ungebetenen und im ersten Moment peinlichen) Ratschlägen, aber vor allem auch wertvollen anderen Perspektiven auf das Leben und die Liebe nicht mangelt. Aber trotz aller Unterstützung muss er seine eigenen Unsicherheiten und Ängste in Bezug auf das sehnsuchtsvoll erwartete erste Mal selbst und gemeinsam mit Aria überwinden…

Eine Leseprobe ist verfügbar. 

24 Sekunden ab jetzt hält, was es im Untertitel verspricht: Es ist „eine ganz normale Liebesgeschichte“ und diese Normalität ist es auch, die es abhebt von den spicy Romantasy-Titeln, die derzeit den Buchmarkt überfluten. In Jason Reynolds Roman geht es nicht um genretypische, vorhersehbare Ent- und Verwicklungen, sondern um das präzise Ausloten des Erwachsenwerdens. Dabei begleitet der Lesende den sympathischen Jugendlichen Neon, mit dem wir gleich zu Beginn des Romans in eine intime Situation geworfen werden und dessen Nervosität wir sofort nachempfinden können: Denn Neon ist kurz vor seinem ´ersten Mal`, mit seiner ersten großen Liebe, Aria. Zwei Jahre kennen und lieben sich die beiden schon, es ist eine zärtliche, ernste Liebe voller Wertschätzung füreinander. Das Besondere an dem Roman ist, wie er Leser*innen in diese Beziehung mit hineinnimmt: Jason Reynolds hat hierfür eine besondere Struktur gewählt. Er beginnt im Jetzt, in dem Moment, in dem Neon kurz vor dem ersten Mal im Badezimmer steht und in seinem Kopf alles drunter und drüber geht, um dann 24 Sekunden, 24 Minuten, 24 Stunden, 24 Tage, 24 Wochen, 24 Monate zurückzugehen und jeweils einen genauen Einblick in Neons Situation zu diesem Zeitpunkt zu geben. So rollt sich die Liebesgeschichte zwischen Neon und Aria von hinten auf und man erfährt mehr und mehr über die beiden und darüber, wie sie zusammengefunden haben, was sie zusammen erleben und welche wichtigen Schritte sie auf diesem Weg gemeinsam beschreiten. Dabei passiert wenig Außergewöhnliches, sondern einfach nur das ganz normale Leben: Schule, Freundschaften, Familiengeschichten – alles Anknüpfungspunkte für die jugendlichen Leser*innen, die viele Situationen und vielleicht auch Gespräche so schon selbst erlebt haben oder sich diese wünschen würden. Denn Neon spricht, teilweise nicht ganz freiwillig, immer wieder mit Älteren über seine Beziehung zu Aria. Hier erhält er viele Ratschläge, die ein einvernehmliches, auf Konsens aufgebautes Liebes- und Beziehungsleben zeichnen und ihn und seine Wahrnehmung von Liebe und Sexualität prägen. Zwar erscheinen diese Gespräche teilweise doch etwas gewollt und pädagogisch, allerdings bieten sie jugendlichen Lesenden durchaus Orientierung und Impulse, um eine respektvolle Haltung aufzubauen und sich mit Unsicherheiten rund um Sexualität und Beziehung auseinandersetzen. 

Neon ist ein überaus authentischer männlicher Protagonist, ein ganz normaler, durchschnittlicher Junge, der Probleme und Fragen hat, die jeder Lesende nachvollziehen kann. Auch die anderen auftretenden Figuren sind wie immer bei Jason Reynolds differenziert gezeichnet und bieten vielfältige Identifikationsmöglichkeiten. 

Dass Neons Geschichte mit knapp 190 Seiten sich nicht in die Länge zieht, ist ein weiterer Pluspunkt für leseschwächere Jugendliche, wobei der originelle Aufbau, der die Linearität aufhebt, durchaus herausfordernd sein kann. 

Die leicht zugängliche Sprache, die humorvollen Szenen und Dialoge, die liebenswürdigen Figuren und eine authentische, unverstellte männliche Perspektive auf ein Thema, das alle Jugendlichen interessiert, machen den Roman dennoch zu einem echten boys & books Toptitel. Gerade in Zeiten, in denen strukturelle männliche Gewalt in Beziehungen immer noch nicht überwunden ist, sondern verschiedenste Missbrauchsfällen nicht zuletzt zu Verunsicherungen bei Heranwachsenden führen, braucht es positive Beispiele, die demonstrieren, wie man als Junge lieben kann. 24 Sekunden ab jetzt zeigt einfühlsam und ohne Scham, dass zu ´echter Männlichkeit´ auch Ängste, Selbstzweifel und v.a. der Blick auf den Partner gehören, ohne dass der Roman in eine moralinsaure oder gar klischeehafte Abhandlung abrutscht. 

Der Titel eignet sich besonders gut als Freizeitlektüre oder für Vielleseverfahren in schulischen und außerschulischen Kontexten und ist ein guter Geschenktipp für Jugendliche, die sich selbst gerade das erste Mal verliebt haben, eine ernsthafte, gleichberechtigte Beziehung führen (wollen) und sich gerne mithilfe von Romanen solchen Themen annähern.

In öffentlichen und schulischen Bibliotheken sollte 24 Sekunden ab jetzt auf alle Fälle ausleihbar sein, um z. B. bei Büchertischen zum Thema Liebe und Sexualität präsentiert zu werden.

Denkbar ist auch der Einsatz bei sexualpädagogischen Projekten. Gut vorstellbar ist hier, neben der Empfehlung in eigenen Leselisten oder der Aufnahme des Titels in Lesekisten, der gezielte Einsatz von Ausschnitten, um das Thema Konsens zu vermitteln. 

Wem diese Lektüre gefällt, sollte unbedingt zu Eva Rottmanns Kurzgeschichtenband Fucking fucking schön greifen.