Buchcover Rocky Winterfeld – Ziemlich neben der Spur

Der 11-jährige Rocky ist verzweifelt: Sein einziger Freund Marek ist mit seinen Eltern für drei...

Rezensiert von Anja Sieger

Vier sehr unterschiedliche Kinder, ein Bus, eine Reise, ein Abenteuer. Eine Reise zu einem Wissenschaftswettbewerb für Nachwuchstalente nach Danzig, aber vor allem eine Reise zu sich selbst. Am Ende ist der 11-jährige Protagonist Rocky Winterfeld in fünf Tagen mindestens 20 Zentimeter gewachsen und hat neue Freunde gefunden. Und er trägt seinen Vornamen zu Recht, da ein besonderer Junge auch einen besonderen Namen verdient. 

BuchtitelRocky Winterfeld – Ziemlich neben der Spur
AutorMarie Hüttner, illustr. v. Regina Kehn
GenreAbenteuer
Lesealter10+
Umfang240 Seiten
VerlagThienemann
ISBN978 3 522 18846 3
Preis14,00 €
Erscheinungsjahr2025

Der 11-jährige Rocky ist verzweifelt: Sein einziger Freund Marek ist mit seinen Eltern für drei Jahre nach Polen gezogen, wohnt jetzt also 1.121 Kilometer entfernt und hält kaum Kontakt zu ihm. Aus seinem Alltagstrott wird er gerissen, als nacheinander drei geheimnisvolle Briefe eintreffen und ihm mitteilen, dass er auserwählt sei. Aufgrund seiner Kombinationsgabe gelingt es Rocky, Ort und Zeitpunkt des Treffens herauszufinden. Hinter der Briefaktion steckt seine Lehrerin Frau Popov, die ihn und drei weitere Kinder (Kadir, Leyla und Tess) zur Teilnahme an einem internationalen Nachwuchswettbewerb ausgewählt hat. Dass dieser in Danzig stattfinden soll, ist besonders reizvoll für Rocky, da er erfahren hat, dass sein Freund nicht nach Deutschland zurückkehren wird. Er möchte also vor allem nach Polen reisen, um Marek und seine Familie umzustimmen. Da seine Mutter ihm die Reise verbietet, begibt er sich heimlich auf diese Fahrt. Auf dieser lernt er im Zusammenhang mit einem Hasendiebstahl und einer Autoverfolgung die anderen Kinder besser kennen. Als Rocky bei einem Stopp vergessen wird, lässt er sich von Nonnen zu Mareks Wohnort bringen. Dieser ist jedoch in einem Fußballtrainingslager und Rocky erkennt spätestens jetzt, dass ihre Freundschaft keine Zukunft hat. Erfolgreicher ist hingegen die Teilnahme der Kinder am Wettbewerb: Kadir belegt mit seinem Aufstehkissen den dritten Platz und Rocky erhält für seinen Mars-Rover eine Einladung zum ESA Junior Space Programm. Mindestens genauso wichtig ist jedoch, dass die sehr unterschiedlichen Kinder auf Anregung ihrer Lehrerin einen Wissenschaftsclub gründen und zu Freunden werden.

Eine Leseprobe ist verfügbar. 

Wie ist es 11 Jahre alt zu sein, nur einen Freund zu haben, vor Freude nicht in die Luft zu springen, am liebsten zuhause zu sein, das Sitzen in einem Wandschrank der Begegnung mit Gleichaltrigen vorzuziehen, nicht so gerne mit anderen zu reden, zur Selbstberuhigung zu zählen und dann – als Reminiszenz an die Filmfigur Rocky Balboa – den Vornamen Rocky zu tragen?

Die Hauptfigur Rocky Winterfeld, die den Leserinnen und Lesern im ersten Teil des Buches als ängstlicher, zurückhaltender und konfliktscheuer Junge begegnet, der sich buchstäblich im Schrank versteckt, scheint zunächst so gar nicht dem Bild eines kämpferischen Helden zu entsprechen. Allerdings ist auch die Filmfigur Rocky Balboa nicht nur der harte Kämpfer, sondern besitzt verletzliche Seiten und hier zeigen sich durchaus Parallelen zum Ich-Erzähler von Rocky Winterfeld – Ziemlich neben der Spur. Gemeinsam ist beiden Rockys zudem, dass sie über ein großes Durchhaltevermögen verfügen und am Scheitern wachsen. Der Protagonist des Kinderbuchses entwickelt im Verlauf der Geschichte eine große innere Stärke; mit der heimlichen Reise nach Danzig begibt er sich aus seiner Komfortzone und überwindet seine Ängste und Selbstzweifel, sodass er am Ende selbst verwundert über seine Entwicklung ist (S. 213). Mit dieser stellt Rocky Winterfeld eine überzeugende Identifikationsfigur für kindliche Leser und Leserinnen dar. Identifikation ist aber auch über die weiteren Figuren möglich, zumal auch sie eine Entwicklung vollziehen. Besonders deutlich wird diese bei Tess, die erkennt, dass sie sich nicht verkleiden muss, um sich zu schützen, und bei Kadir, der ob seiner Kreativität die bislang fehlende Anerkennung und somit Selbstvertrauen findet. Bei Leyla, die von Beginn an in Aktion ist, zeigt sich die Entwicklung subtiler; ihr Engagement läuft nicht mehr ins Leere und sie lernt, auch die Gegenseite zu verstehen. Auch bei ihr ist es der Zusammenhalt der Kinder in der Gruppe, der sie stärker werden lässt. Die Reise nach Danzig ist somit zum einen eine Fahrt zu einem konkreten Ort und mit einer konkreten Absicht, zugleich aber auch eine symbolische, da am Ende alle Kinder gewachsen sind, ihre Stärken erkannt und Freunde gefunden haben. Deutlich wird dies beispielsweise daran, dass am Ende alle Kinder Fanta aus Kadirs Pokal trinken und es gar nicht mehr schlimm ist, wenn Spucke der anderen dabei ist (S.129 und S. 232).

Erzählt wird diese Entwicklung Rockys (und der anderen Kinder) in Form einer durchweg spannenden Geschichte, wobei sich die Spannung im Verlauf des Buches auf unterschiedliche Art und Weise zeigt. Im ersten Teil weist der Roman mit seinen drei geheimnisvollen Briefen an Rocky deutliche Bezüge zu einer Detektivgeschichte auf. Die Nachrichten „Du wurdest ausgewählt. Komm zum Treffpunkt.“ (S. 19), „Ne / Cu / Au“ (S. 20) und ein Foto von der Einsteinschule (S. 37/38) werfen immer neue Fragen auf, die sich sowohl an Rocky als auch an die Leserinnen und Leser richten und so für eine hohe Leserbindung sorgen. Mit der Auflösung (S. 58/59) ändert sich das Genre hin zu einer Reise- und Freundschaftsgeschichte. Das bedeutet aber nicht, dass die Teile 2 und 3 weniger spannend sind. Im zweiten Teil sind es v.a. die unerlaubte Mitfahrt Rockys nach Danzig, der Hasendiebstahl und die daraus resultierende Verfolgungsjagt, Tess‘ Ablegen ihrer Verkleidung sowie das Vergessen Rockys an der Raststätte, die Spannung erzeugen. Der dritte Teil wird zunächst durch Rockys Eintreffen bei Marek bestimmt. Diesem vorgeschaltet ist eine Erinnerung Rockys an einen Geburtstag seines Freundes und an die liebevolle Gestaltung seiner Geburtstagskarte (S. 197-200). Diese Erinnerung sowie das vorherige Verhalten Mareks lassen aufmerksame Leserinnen und Leser bereits vermuten, dass es in Hinblick auf die Freundschaft der beiden Jungen kein Happy End geben wird, und man ist gespannt darauf, ob diese Vermutung zutrifft. Und tatsächlich ist Marek gar nicht zu Hause, sondern in einem Fußballtrainingslager, und es war gelogen, dass seine Eltern keine Zeit haben, um in die alte Heimat zu reisen. Spannung wird hier also durch einen emotionalen Konflikt aufgebaut; für Rocky ist die zerstörte Geburtstagskarte der endgültige Beweis dafür, dass ihre Freundschaft beendet ist. Diese Entdeckung stellt einen Höhe- und entscheidenden Wendepunkt des Buches dar, denn „Ich schreie und renne und renne und schreie. Und das fühlt sich gut an.“ (S. 208) Das Buch endet aber nicht mit dieser Erkenntnis Rockys, sondern es geht immer noch um den Wettbewerb und aufgrund der Zeitüberschreitung fiebert man mit, ob es der Gruppe doch noch gelingen wird, am Wettbewerb teilzunehmen. Der eher lahme VM-Bus brettert (S. 217) auf einmal über die Straßen und der ruhige und zurückhaltende Rocky redet in der entscheidenden Situation so viel, wie bislang noch nie in seinem Leben (S. 219), sodass die Kinder trotz ihrer mehrstündigen Verspätung doch noch zum Wettbewerb zugelassen werden.

Rocky Winterfeld – Ziemlich neben der Spur erzählt aber nicht nur eine spannende und emotional ergreifende Geschichte, sondern weist auch immer wieder humorvolle Momente auf. Amüsant sind z.B. die Witze, die Kadir, Leyla und Frau Popow erzählen und die von Rocky auf ihre Logik hin analysiert werden (S. 127/128). Witzig sind auch die von Kadir ausgehenden Dialoge, beispielsweise wenn er wissen möchte, warum man nicht aus einem Pokal trinken kann (S. 128/129), oder was der Wissenschaftswettbewerb mit Toast zu tun hat (S. 108/109). Situationskomik entsteht darüber hinaus, wenn die Nonnen zum Punkkonzert nach Warschau fahren, wobei die Erwähnung von Iggy Pop (S. 191) aber eher erwachsene als kindliche Leserinnen und Leser amüsieren wird. Dass die Nonnen aber wild rocken und damit die Erwartungshaltung an ihr Verhalten unterwandern, wird vermutlich auch Kinder zum Lachen bringen.

Wichtig für die Adressierung an Jungen (und Mädchen) im Alter von 10 Jahren ist zudem die sehr gelungene Textgliederung in drei Teile mit jeweils kurzen Kapiteln, die besonders weniger geübten Lesern und Leserinnen entgegenkommt, da so und im Zusammenhang mit der durchweg spannenden Handlung ein schneller Lesefortschritt gegeben ist. Hilfreich sind dabei auch die Angaben, mit denen die Kapitel jeweils überschrieben sind: Man erfährt hier jeweils den Ort der Handlung, die Zeit, die im Vergleich zum vorherigen Geschehen verstrichen ist, und die anwesenden Personen. Dadurch erhält das Buch eine klare Strukturierung. Altersgerecht ist zudem die sprachliche Gestaltung, längere einfache Sätze und einfache Satzgefüge dominieren das Kinderbuch und sind ebenso altersangemessen wie der verwendete Wortschatz. Zwar tauchen im Verlauf Wörter wie „Déjà-vu“ (S- 37), „Metapher“ (S. 46) oder „Melancholie“ (S. 167) auf, diese werden von Rocky aber im Zusammenhang der Geschichte erklärt oder beispielhaft veranschaulicht, sodass sie gar kein Lesehindernis darstellen. Leseunterstützend sind nicht zuletzt die Illustrationen von Regina Kehn, die hier ein weiteres Mal unter Beweis stellt, wie gekonnt sie die Stimmung von Texten einzufangen vermag.

Rocky Winterfeld – Ziemlich neben der Spur erzählt eine großartige Geschichte über Selbstfindung und Freundschaft. Am Ende ist Rocky zwar immer noch ein Junge, der Dinge zählt, aber auch einer, der sich traut, den Hund des Hausmeisters zu streicheln, der es mag, on the road zu sein, der weiß, dass es eine gute Sache sein kann, wenn die Dinge nicht wie geplant laufen. Und ein Junge, der neue Freunde gefunden hat. 

Kinder, die Interesse an alltagsnahen Themen gepaart mit einer sehr spannenden, aber auch witzigen Handlung haben und die keine größeren Schwierigkeiten auf der Prozessebene des Lesens aufweisen, werden an Rocky Winterfeld – Ziemlich neben der Spur sicherlich ihre Freude haben. Diesbezüglich ist das Buch sowohl für die Freizeitlektüre als auch als Lesestoff für freie Lesezeiten bzw. für die Durchführung von Vielleseverfahren und somit für die Klassen- oder Schulbibliothek zu empfehlen. Wenn Lesende Gefallen an diesem Buch der Autorin gefunden haben, sind auch die beiden anderen Kinderbücher von Marie Hüttner ein Tipp. Zwar haben Mitternachtsdiebe und Ist Oma noch zu retten mit Pia eine Ich-Erzählerin, jedoch wird ihr in beiden Büchern mit Pepe eine männliche Identifikationsfigur an die Seite gestellt. 

In Hinblick auf die großen Themen ‚Freundschaft‘ und ‚Selbstfindung‘ eignet sich Rocky Winterfeld – Ziemlich neben der Spur aber durchaus auch als Unterrichtsgegenstand für den Deutschunterricht, wobei leseschwächere Schülerinnen und Schüler von dem großartig eingelesenen Hörbuch von Charly Hübner profitieren können. Dieses kann aber nicht nur als Leseunterstützung genutzt werden, sondern auch für die Anleitung bzw. Initiierung eines eigenen interpretierenden Vorlesens von Textpassagen. Potenzial besitzt das Buch darüber hinaus für das symbolische und metaphorische Lernen der Kinder. Metaphern spielen im Buch immer wieder eine Rolle. Besonders ergiebig für ein literarisches Lernen sind beispielsweise die Passagen zur Freundschaftspflanze, zur zerstörten Geburtstagskarte oder aber auch Rockys Traum von Mareks Weltraumspaziergang. Da die zu übertragende Bedeutung der Freundschaftspflanze im Buch erklärt wird, erhalten kindliche Leserinnen und Leser eine gute Anleitung für das Erkennen von und den Umgang mit Metaphern. Der fünftägige Abenteuer-Road-Trip lädt zudem dazu ein zu hinterfragen, ob es für Rocky und die anderen drei Kinder nur eine Reise zu einem weit entfernten Ort ist oder ob diese Fahrt noch eine andere, nämlich eine symbolische Funktion besitzt. Vergleicht man die Kinder vor Antritt ihrer Reise nach Danzig und nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat stellt man deutliche Unterschiede bei allen vier fest; das Reisen steht symbolisch für eine innere Entwicklung, sodass dieser Aspekt literarischen Lernens auf eine kindgerechte Art und Weise vermittelt werden kann. In diesem Zusammenhang bieten sich in lesestärkeren Lerngruppen auch Vergleiche mit anderen Kinderbüchern, in denen Reisen mehr meint als einen Ort zu wechseln, an. Geeignet für eine vergleichende Lektüre, die als arbeitsteilige Vorgehensweise zudem eine besondere lesefördernde Funktion entfalten kann, sind beispielsweise Die unglaubliche Wunderreise des Freddie Yates von Jenny Pearson (hierzu findet sich ebenso eine Rezension auf www.boysandbooks.de) oder Kai zieht in den Krieg und kehrt mit Opa zurück von Zoran Drvenkar.