Buchcover Stitch Head – Chaos in der Monsterwerkstatt

Der ‚Lumpenjunge‘ Stitch Head, ein kleines zusammengenähtes Monster, lebt versteckt in der düsteren...

Rezensiert von Dominik Achtermeier

Schadalbert Scheusalfinder kann mit seinem Gruselkabinett einpacken! Die Bewohner von Rafferskaff haben nämlich nur vor richtigen Monstern Angst. Und diese erschafft der verrückte Professor Erasmus in seinem Laboratorium hoch über der Stadt. Wie gefährlich sie sind, weiß nur seine erste Kreatur Stitch Head, der sie bislang gebändigt hat. Nun aber hat sich ein wütender Mob formiert, der den Monstern an den Kragen will… Gruselfaktor, Tempo und Tiefgang verleihen dem Auftaktband der Comic-Reihe Stitch Head das Prädikat ‚Suchtgefahr‘. 

BuchtitelStitch Head – Chaos in der Monsterwerkstatt (Bd. 1)
AutorGuy Bass, übers. v. Susanne Schmidt-Wussow, illustr. v. Pete Williamson
GenreAbenteuer
Horror & Grusel
Lesealter10+
Umfang160 Seiten
Verlagdtv
ISBN978-3-423-76564-0
Preis16,00 €
Erscheinungsjahr2025

Der ‚Lumpenjunge‘ Stitch Head, ein kleines zusammengenähtes Monster, lebt versteckt in der düsteren Burg Grottenow. Er war die erste Schöpfung des exzentrischen Professors Erasmus, der in seinem Labor unermüdlich neue, furchteinflößende Kreaturen zum Leben erweckt. Doch die Erinnerung des Professors an Stitch Head ist längst verblasst, obwohl Stitch Head selbst an dieser Verbindung hängt. Während Erasmus weiter experimentiert, sorgt Stitch Head deswegen im Stillen dafür, dass in der Burg kein völliges Chaos ausbricht.

Eines Tages taucht der zwielichtige Zirkusdirektor Schadalbert Scheusalfinder im nahegelegenen Dorf auf. Sein Jahrmarkt voller Scheusale findet dort kaum Beachtung, also lässt er sich den Weg zur Burg weisen, wo angeblich echte Monster leben. Er wittert die Chance seines Lebens. Auf Burg Grottenow begegnet er Stitch Head und verspricht ihm Anerkennung und Bewunderung, wenn er sich ihm anschließe. Damit trifft er Stitch Heads wunden Punkt – das einsame Lumpenmonster öffnet ihm die sonst verschlossenen Tore.

Doch Schadalbert führt Böses im Schilde. Er hat das Dorfmädchen Arabella Guff entführt und nutzt ihr Verschwinden, um die Bewohner von Rafferskaff gegen die Burgbewohner aufzuhetzen. Mit Fackeln und Wut zieht der Mob zur Burg. In einem spannenden Showdown gelingt es Stitch Head, Arabella und die Monster zu retten und Schadalbert und die Dorfbewohner in die Flucht zu schlagen. Schließlich findet Stitch Head auch zu Professor Erasmus zurück – und er erkennt, dass man gesehen wird, wenn man den Mut hat, zu sich selbst zu stehen.

Eine Leseprobe ist verfügbar.

Selten schafft ein Comic, was Stitch Head – Chaos in der Monsterwerkstatt gelingt: Guy Bass erzählt eine Geschichte, die gleichermaßen spannend, witzig und berührend ist. Diesem schaurig-schönen Abenteuer verleiht Illustrator Pete Williamson, der den über zehn Jahre alten Roman Stichkopf und der Scheusalfinder adaptiert hat, den passenden Anstrich. So wird auf der Text-, aber auch auf der Bildebene das liebenswürdige, unscheinbare Stitch Head-Monster als wahre Heldenfigur inszeniert, die junge Leserinnen und Leser sofort in ihr Herz schließen werden.

Stitch Head hält die abgeschottete Welt seines Erfinders – hoch über dem zweiten Handlungsort Rafferskaff – zusammen, indem es das talentierteste Monster aus der Werkstatt des exzentrischen Professors ist. Über die Jahre hinweg ist der Professor selbst zu einer Art Monster – immer wieder tauchen aus seiner Kitteltasche und am Rand der Panels Tentakeln auf, die in einer Verbindung zu ihm stehen könnten – geworden: Besessen von seinen Kreationen zeigt er kein Interesse mehr an seinen alten Schöpfungen. Stitch Head hingegen sehnt sich nach Ansprache, Anerkennung und Nähe – ein Gefühl, das viele junge Leser*innen gut nachvollziehen können. Auch sie erleben vielleicht, dass sie oft auf sich allein gestellt sind, weil ihre Eltern beruflich eingespannt sind oder fühlen sich nicht gesehen, was zu seelischer Belastung führt.

Stitch Head entflieht dieser Einsamkeit, indem es die Burg zu seiner Lebensaufgabe erklärt: Monster müssen gehütet und diszipliniert werden, um mögliche Gefahren zu bannen. Mit seinem Talent für Zaubertränke gelingt es Stitch Head, die aggressiven Kreaturen zu zivilisierten Mitbewohnern zu machen – ein Spiegelbild dafür, dass Fürsorge und Verantwortung wahre Stärken sind. Diese Werte werden ganz nebenbei vermittelt und zeigen, dass die Unterhaltungsliteratur des preisgekrönten britischen Kinderbuchautors Guy Bass auch für Haltung steht, welche auch vom Publikum gut angenommen wird. Die Stadt Coventry verlieh Bass 2014 für Stitch Head den Coventry Book Award, der durch ein öffentliches Abstimmungsverfahren Autor*innen und ihre Werke auszeichnet, die Kinder und Jugendliche aktiv zum Lesen animieren. 

Die detaillierten Illustrationen Williamsons, die an Tim Burtons The Nightmare before Christmas oder den Animationsfilm Coraline erinnern, sind ebenso preiswürdig. Sie bringen das gruselige Setting, die skurrilen Monsterfiguren sowie den bedrohlichen Aufstand der Dorfbewohner lebendig auf die Seiten. Angsteinflößend wirken die Monster nur dann, wenn sie in Aktion treten und dabei auch einmal die Comic-Panels verlassen, um die gesamte Doppelbuchseite für sich einzunehmen. Ansonsten sind sie, so unterschiedlich ihr Aussehen auch ist, liebenswerte Figuren, die längst nicht so eindimensional sind, wie uns so mancher Gruselfilm glauben lassen mag. Williamson führt den Leser*innen der Graphic Novel vor Augen, dass Monster nicht nur Schrecken verbreiten, sondern auch Gefühle und Persönlichkeit besitzen können. Insofern überzeugt die Figurenzeichnung: Der einäugige Werwolf in Hemd, Hose, Mantel und mit Überbiss entpuppt sich – dank seines Extra-Ohrs am Hinterkopf – als empathischer Zuhörer und lässt Stitch Head erkennen, dass Freundschaft auch für ein einsames Monster möglich ist. Das findige Mädchen Arabella, die als Nebenfigur durchaus eine Mitverantwortung an den Entwicklungen in der Geschichte trägt, ergänzt das Monster-Team auf Burg Grottenow. Sie setzt sich mutig und furchtlos für die Monster ein.

Die Erzählweise der Graphic Novel unterstützt die starke Figurenzeichnung: Unterhaltsame Dialoge, spannende Handlungsbögen und emotionale Momente wechseln sich ab und halten das Leseinteresse hoch. Hierzu trägt auch die Einteilung in vier Kapitel bei, die besonders Leseanfänger*innen ermöglicht, kleine Leseerfolge zu feiern und Pausen zu machen. Wörter, die im Sprechen einer Figur eine besondere Betonung finden, werden fettgedruckt hervorgehoben. Die leicht verständliche und auf ein Minimum reduzierte Sprache – teils reimt sich die Figurenrede sogar – ist in der Übersetzung von Susanne Schmidt-Wussow sehr zugänglich, lebendig und ansprechend, sodass die Graphic Novel sowohl Leseanfänger*innen als auch geübten Lesenden viel Freude bereiten wird.

Als Freizeitlektüre konzipiert, erfüllt die Graphic Novel vor allem die unterhaltende Funktion von Literatur. Auf einem Thementisch zu Monstern, Geistern oder Halloween darf Stitch Head – Chaos in der Monsterwerkstatt sicher nicht fehlen. Auch motiviert der Comic zum Weiterlesen. Leider wurde die im Original sechsbändige Reihe Stitch Head unter den Titeln Stichkopf und der Schausalfinder (Bd. 1) und Stichkopf und das Piratenauge (Bd. 2) im Fischer Verlag lediglich in Teilen für ein deutschsprachiges Publikum übersetzt. 2025 sind die Bände nur noch antiquarisch erwerbbar. Zum Medienverbund gehört auch der Animationsfilm Alles voller Monster (2025), der den Inhalt von Roman und Graphic Novel audiovisuell nacherzählt. Heranwachsende werden sich vermutlich nicht so sehr daran stören, dass die liebgewonnenen Figuren aus der Graphic Novel im Film anders aussehen.

Für den Unterricht bietet es sich an, eine Lesekiste mit weiteren (Sach-)Büchern und Texten über Monster, u.a. für Buchpräsentationen, bereitzustellen. 

Ein weiterer Tipp: Leser*innen im Jugendalter, denen Stitch Head gefällt, greifen vielleicht danach auch gerne zur Comic-Reihe Die Albtraumjäger – der erste Band ist ebenfalls ein Top-Titel und eine Rezension findet sich bei boys & books. Wer Stitch Head verschlungen hat, wird sicher auch alle anderen Bücher von Guy Bass (z.B. Auch Monstern will gelernt sein, Noah unenedlich) und die Comic-Reihe Dog Man lieben.