Rezensiert von PD Dr. Ines Heiser
Eine Visitenkarte, ein Colt, ein Rätsel – und ein abgeschnittener Zeh: Diese Gegenstände findet Alexander nach dem überraschenden Tod seines Großvaters, eines bekannten Archäologen, in einem Kästchen, das ihm dieser vererbt. Erst nach und nach findet er heraus, was es mit dem Erbe auf sich hat – begleitet von Eisenhauer, einem in jeder Hinsicht schlagfertigen Eisenmann… Ein unterhaltsames Urban-Fantasy-Spektakel mit jeder Menge Action und Humor!
| Buchtitel | Lunar & Eisenhauer. Das mysteriöse Ministerium der tödlichen Dinge |
| Autor | Sergio Dudley |
| Genre | Abenteuer |
| Lesealter | 12+ |
| Umfang | 283 Seiten |
| Verlag | dtv |
| ISBN | 978-3-423-76570-1 |
| Preis | 16,00 € |
| Erscheinungsjahr | 2025 |
Nach dem überraschenden Tod seines Großvaters, eines bekannten Archäologen, entdeckt Alexander Lunar das Familiengeheimnis: Er ist – wie alle blutsverwandten Lunars – ein „Nachtseher“. Die Familie leitet das Ministerium für obskure und nicht-erklärbare Dinge, das M.O.N.D.. Der geheime Sitz des Ministeriums befindet sich in einem unterirdischen Gewölbe unter der alten Villa der Lunars. Als Lunatoren suchen sie magische Gegenstände, die der Menschheit gefährlich werden könnten und stellen diese im Ministerium sicher. Gemeinsam mit einem weiteren Lunator, dem Eisenroboter John Eisenhauer, macht sich Alexander daran, den Tod seines Großvaters aufzuklären. Dabei deckt er eine Intrige des Halbgeists Josy auf, der mithilfe eines magischen Artefakts Unsterblichkeit erlangen und die Weltherrschaft an sich reißen will. Nachdem Alexander und John Eisenhauer Josy dieses erfolgreich abgejagt und sie verhaftet haben, tritt Alexander das Erbe seines Großvaters als Lunator und letzter Nachtseher an.
Eine Leseprobe ist verfügbar.
Archäologische Expeditionen, Gestaltwandler und Voodoo-Gottheiten: Sergio Dudli nutzt in Lunar & Eisenhauer ein breites Reservoir an mysteriösen und – manchmal nur scheinbar – übernatürlichen Phänomenen. Durch den narrativen Rahmen wird die durchaus wilde Mischung jedoch gut zusammengehalten: In der erzählten Welt ist M.O.N.D., das Ministerium für obskure und nicht-erklärbare Dinge als geheime Sicherheitsbehörde seit Jahrhunderten damit betraut, die Bevölkerung vor okkulten und obskuren Gefahren jeder Art zu schützen. Diese Aufgabe bringt es mit sich, dass bei M.O.N.D ganz verschiedene Objekte gesammelt und thematisch auseinanderliegende Fälle untersucht werden, bei denen die inhaltliche Verbindung nur über ihre potenzielle Gefährlichkeit hergeleitet wird.
Entsprechende Konstruktionen dürften viele jugendliche Rezipient*innen aus populären Medien kennen. Vergleichbar sind z.B. die Settings in den Stoffen um die Ghostbusters oder die Kingsman, die jeweils als Comics und in filmischer Adaption verfügbar sind; erkennbare Anleihen finden sich auch an den Medienverbund um den Abenteurer und Archäologen Indiana Jones. Das magische Personal und die mysteriösen Artefakte sorgen für Abwechslung und Spannung, nicht zuletzt deshalb, weil die Darstellung immer wieder ironisch gebrochen wird: So verrät sich der Gestaltwandler Solomolos Swap etwa immer wieder dadurch, dass er sich weigert, seine Lieblings-Lederjacke abzulegen und daran trotz seines ansonsten stark veränderten Aussehens zu erkennen ist. Ebenso lässt sich der gruselig aussehende Türsteher vor dem zwielichtigen Club Black Kraken schlicht durch geschickte Gesprächsführung übertölpeln, indem er nach kurzem Schlagabtausch das geheime Passwort selbst verrät (S. 105) oder der Geist von Albertus Lunar äußert als ersten Satz „Wurde auch Zeit, dass ihr mich heraufbeschwört!“ (S. 155).
Für gute Zugänglichkeit sorgt ebenso der sympathische Protagonist Alexander. Dieser verfügt zwar über eine Superkraft, es handelt sich dabei allerdings um die wenig spektakuläre Fähigkeit, im Dunkeln sehen zu können. Um die Abenteuer erfolgreich zu bestehen, muss er daher vor allem klug handeln und sich auf seine Freunde, besonders den Eisenmann John Eisenhauer, verlassen. Die schlagfertigen Dialoge zwischen beiden sorgen zusätzlich für Unterhaltung und bieten comic relief zwischen den Actionszenen.
Die zu leistende Lesearbeit bewegt sich im mittleren Bereich: Der LIX liegt abhängig von den jeweiligen Textpassagen bei etwa 40, also auf einem gängigen Level für Kinder- und Jugendliteratur. Das Buch umfasst etwa 280 Seiten mit kurzen Kapiteln und vergleichsweise viel Leerraum. Etwas anspruchsvoller ist es allerdings, einen Überblick über das eher umfangreiche Figureninventar zu behalten, zudem wechselt die eigentlich intern auf Alexander fokalisierte Erzählperspektive unregelmäßig und ohne explizite Markierung in einzelnen Kapiteln zu Solomolos Swap und Lesende müssen in der Lage sein, den entsprechenden Perspektivwechsel zu bemerken und mitzuvollziehen.
Damit Lesende das ironische Fantastik-Spektakel würdigen und genießen können, müssen weiterhin zwei Aspekte berücksichtigt werden: Zum einen arbeitet Dudli stellenweise mit Grusel- und Ekel-Elementen. Diese sind zwar altersangemessen und in der Darstellung nicht übertrieben drastisch – abhängig von den Rezeptionserfahrungen einzelner Personen kann es aber dennoch dazu kommen, dass Lesende bestimmte Szenen abschreckend oder abstoßend finden, etwa wenn Alexanders toter Großvater auf der Straße in einer Pfütze von einer Frau gefunden wird, weil sich „ihr hoher Absatz […] durch seinen Rücken [bohrt] und in seinem Brustkorb verkeilt“ (S. 5). Zum anderen sind Bezugnahmen auf Magisches und Okkultes integraler Bestandteil der entworfenen Erzählwelt – der Roman eignet sich also weniger für Personen, die aufgrund von religiösen Überzeugungen solche Darstellungen ablehnen.
Aus den genannten Gründen eignet sich der Roman weniger als Unterrichtslektüre für eine gesamte Klasse – für Personen, deren Rezeptionsinteressen er entgegenkommt, bietet er einen turbulenten, spannenden und lustigen Lesespaß.
Bei Lunar & Eisenhauer handelt es sich um einen klassischen Schmöker, der sich gut in den Bestand von (Schul-)Büchereien einfügt. Der Titel eignet sich auch als Geschenk für Urban-Fantasy-Fans und Personen, die Geschichten mit absurdem Humor und Spannung mögen – wie etwa die Skulduggery Pleasant-Reihe. Ansonsten lässt sich der Band gut in Lesekisten zum Thema ʽAbenteuerʼ einordnen und kann bei freien Lesezeiten bzw. im Rahmen von Vielleseverfahren an Personen empfohlen werden, die sich für entsprechende Stoffe im Indiana Jones-Stil interessieren. Vorstellbar ist zusätzlich, den Roman bei thematisch einschlägigen Veranstaltungen oder Projekten als Grundlage zu verwenden, etwa bei einem Halloween-Event, einer Grusel-Nacht oder wenn Objekte zu magischen Welten gebastelt werden sollen.