Buchcover Bitter Side of Sweet

Der fünfzehnjährige Amadou und sein jüngerer Bruder Seydou arbeiten seit Jahren als Zwangsarbeiter...

Rezensiert von Barbara Reidelshöfer

Unter brutalen Verhältnissen hackt der fünfzehnjährige Amadou seit Jahren und fernab seiner Heimat als Zwangsarbeiter Kakaofrüchte ab. Er hat jede Hoffnung auf Rückkehr aufgegeben. Als eines Tages ein rebellisches Mädchen auf die Plantage verschleppt wird und kurz darauf sein jüngerer Bruder Seydou beim Ernten lebensgefährlich verletzt wird, fasst Amadou einen folgenschweren Entschluss… Ein schonungsloser und berührender Roman über Kinderarbeit, Familie und Freundschaft. 

BuchtitelThe Bitter Side of Sweet
AutorTara Sullivan
GenreGegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter14+
Umfang320 Seiten
VerlagPeter Hammer Verlag
ISBN978-3-7795-0787-1
Preis17,00 €
Erscheinungsjahr2025

Der fünfzehnjährige Amadou und sein jüngerer Bruder Seydou arbeiten seit Jahren als Zwangsarbeiter auf einer Kakaoplantage der Elfenbeinküste. Um der Hungersnot in Mali zu entkommen, haben sie den weiten Weg auf sich genommen und sind den Versprechungen auf ein besseres Leben gefolgt, unwissend, dass es kein Zurück mehr geben wird. Der erste Fluchtversuch der beiden scheitert kläglich, nun haben sich beide mit der Situation arrangiert und Amadou versucht alles, dass Seydou unversehrt die harte Arbeit übersteht. Denn der Achtjährige ist noch viel zu klein und ungeschickt im Umgang mit der Machete, sodass Amadou den Löwenanteil der Arbeit übernimmt. Häufig schaffen die beiden nicht die Arbeitsziele, was zu Bestrafungen führt. Die katastrophalen und brutalen Lebensbedingungen erscheinen ausweglos, bis eines Tages das dreizehnjährige Mädchen Khadija auf der Plantage abgeladen wird. Sie wurde, wie sich nach und nach herausstellt, entführt und soll nun wie alle anderen Jugendlichen dort arbeiten. Khadija hat aber im Gegensatz zu den beiden Brüdern ihren Lebensmut und Widerstandswillen noch nicht verloren. Nach ihrem gescheiterten Fluchtversuch spitzt sich die Situation im Lager immer mehr zu, die Ereignisse überschlagen sich und Amadou muss bald um das Einzige fürchten, was ihm noch am Leben hält: das Leben seines Bruders! Khadija dagegen scheint ihren Lebenswillen zu verlieren, aber gemeinsam beschließen sie, noch einen Versuch zu wagen, um zurück zu ihren Familien zu gelangen…

Eine Leseprobe ist verfügbar.

The Bitter Side of Sweet ist ein aufklärerischer Roman, der nicht nur eine politische Botschaft vermitteln will (die Tara Sullivan im Nachwort auch explizit formuliert), sondern gleichzeitig eine bewegende und mitreißende Geschichte dreier Jugendlicher erzählt, die vom Übersetzerinnenduo Jessika Komina und Sandra Knuffinke gewandt übersetzt wurde.

Die Figurenzeichnung ist vielschichtig und so wachsen die Protagonisten Amadou, Seydou und Khadija den Lesenden schnell ans Herz. Obwohl deren Situation für das Zielpublikum schwer vorstellbar ist, schafft es Tara Sullivan schon nach wenigen Seiten, dass man mitfiebert, mitleidet und die Daumen drückt, damit das Plantagenleben ein Ende nehme und eine Flucht gelinge. Besonders Amadou als zunächst durchaus ambivalente Figur und Ich-Erzähler ist sehr authentisch gezeichnet: Seine Anpassung an die brutalen Gegebenheiten und das dadurch entstandene Misstrauen gegenüber allen, die mit ihm auf der Plantage arbeiten und die vielleicht Freund sein könnten, die ein oder andere Boshaftigkeit, mit der er z. B. zunächst auch Khadija begegnet, ergänzen seinen fürsorglichen Charakter. Amadous Sorgen um den jüngeren, noch schutzloseren Bruder erscheinen zu Beginn fast übertrieben. Schnell ist man auf der Seite des knuffigen, unbeschwerten jüngeren Seydous, der seinen Bruder unterstützen will und nicht einsieht, dass er für das Abhacken der Kakaofrüchte noch zu klein ist. Als es dann zu einem schrecklichen Unfall auf der Plantage kommt, sieht man Amadous brüderliche Strenge mit anderen Augen und begreift, dass viele seiner Verhaltensweisen den brutalen Erfahrungen auf der Plantage und dem dortigen Überlebenskampf geschuldet sind. Auch die Annäherung zwischen den Brüdern und Khadija braucht Zeit und wird in ihrer Entwicklung einfühlsam dargestellt.

Positiv fällt auf, dass die Charakterzeichnung der Plantagenchefs, die aufgrund ihrer Position natürlich als übermächtig, brutal und böse dargestellt werden, im Verlauf der Geschichte ebenfalls weniger eindeutig wird: Denn bei der Flucht der Jugendlichen stellt sich beispielsweise heraus, dass auch sie wohl eher auf der Verliererseite der Produzenten stehen. 

Neben dieser sehr differenzierten Figurenzeichnung besticht der Roman vor allem auch durch seine packende und mitreißende Handlungsspannung. Der Spannungsbogen ist steil, sodass auch Leser*innen, die viel äußere Handlungsspannung benötigen, auf ihre Kosten kommen. Denn es passiert bereits viel zu Beginn der Romanhandlung, bei dem das Leben auf der Plantage geschildert wird und auch deutlich wird, warum Amadou und Seydou dort (immer noch) arbeiten. Die abenteuerlich anmutende Flucht und das erhoffte Ankommen in der Stadt, wo weitere Gefahren auf die drei Jugendlichen lauern, sind ebenfalls so spannend geschrieben, dass man den Roman nicht aus der Hand legen kann und mitfiebert, ob sich die drei Jugendlichen tatsächlich von der Plantagenarbeit befreien können und wieder zurück zu ihren Familien finden. So viel sei gesagt: Zwar gibt es am Ende einen Hoffnungsschimmer, aber ein richtiges Happy End bleibt aus – aber ein solches wäre auch mit den Erfahrungen und Verletzungen, die Amadou, Seydou und Khadija ertragen mussten, unpassend.

Obwohl viele Szenen den Leser*innen einiges abverlangen und die Brutalität des Plantagenalltags präzise und ohne Schonung geschildert wird, erspart die Autorin einige allzu furchtbare Details. Trotzdem schafft sie es aber dennoch, zu vermitteln, was in diesen Momenten passiert ist. Dass deren Auswirkungen maßgeblich das gesamte Leben der Jugendlichen beeinflussen werden und dass es dafür keinen wirklichen Trost geben kann, wird ebenso deutlich. Dennoch glimmt ein kleines Licht der Hoffnung durch den Roman: Liebe, Freundschaft und Vertrauen, das Kümmern umeinander und das Einsetzen füreinander schenken Kraft und Mut und helfen dabei, Schreckliches zu lindern und zu überleben. 

Nach dem Zuklappen des Buchdeckels stellt sich emphatischen Leser*innen die Frage, welche Rolle sie selbst in diesem Roman spielen und wie eigene Kaufentscheidungen helfen können, Kinderarbeit zu verhindern.

Der Roman ist universell einsetzbar: Man kann ihn ab Jahrgangsstufe 8 sowohl als Freizeitlektüre empfehlen als auch für individuelle (Viel-)Leseverfahren. 

In öffentlichen und schulischen Bibliotheken kann er z. B. am 7. Juli im Rahmen des ‚Internationalen Tags der Schokolade‘ mit anderen Titeln rund um Schokolade und deren Herstellung präsentiert werden. Aber auch andere Gedenktage bieten sich für eine Präsentation des Romans an, so z. B. der 12. Juni, an dem auf die immer noch stark verbreitete Kinderarbeit aufmerksam gemacht werden soll: Neben Tara Sullivans The Bitter Side of Sweet thematisieren beispielsweise auch Elmar Bereuters Die Schwabenkinder, Anke Burfeinds Baku und der Weiße Elefant, Peer Martins Blut und Schokolade, Annette Pehnts Alle für Anuk, Dirk Reinhardts Perfect Storm, Lisa Tetzners Die schwarzen Brüder und Alex Wheatles Cane Warriors verschiedene Aspekte von Kinderarbeit früher und heute.

Mit einer Auswahl dieser Titel ließe sich auch im Unterricht in einem differenzierten Leseprojekt arbeiten, das thematisch zusammengehalten wird. Die Schüler*innen können sich selbst den Roman wählen, der sie am meisten anspricht, bilden dann innerhalb der Klasse Lesegruppen und setzen sich kooperativ mit ihrem jeweiligen Roman auseinander. Daneben beschäftigen sich im Deutschunterricht mithilfe von Sachtexten alle gemeinsam mit dem übergreifenden Thema ‚Kinderarbeit‘ und / oder begegnen literaturtheoretischen Fragestellungen, die auf alle Romane übertragbar sind, und untersuchen diese dann in ihren Lesegruppen. Ergebnisse können im Plenum oder auch in analogen wie digitalen Leseportfolios präsentiert werden. Je nach Jahrgangsstufe ist auch ein fächerübergreifender Unterricht mit Ethik, Religion, Geschichte, Geographie und / oder Wirtschaft gut denkbar oder ein Einsatz an Projekttagen, die sich mit Ungleichheit, Kinderarbeit oder der Globalisierung beschäftigen.

Der Roman eignet sich aber nicht nur für einen solchen eher offenen Lese- und Literaturunterricht, sondern auch, um als gemeinsame Klassenlektüre gelesen zu werden. Denn neben der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftspolitisch relevanten Thema erlaubt The Bitter Side of Sweet aufgrund seiner literarischen Qualität auch genuin literarisches Lernen.