Buchcover Das falsche Leben

Das Leben des 16-jährigen Thomas aus Hannover wird schlagartig auf den Kopf gestellt, als die...

Rezensiert von Tanja Hattermann

Der sechzehnjährige Thomas lebt ein ganz normales Leben in Hannover. Auf einmal muss seine Familie überstürzt in die DDR aufbrechen. Was zunächst noch wie ein Krankheitsbesuch bei den Großeltern scheint, entpuppt sich zum Alptraum ohne Rückkehr: Sein Vater ist als DDR-Spion enttarnt und deswegen zurück in die DDR berufen worden. 

Thomas kann sich nicht mit der neuen Situation arrangieren und wird bald mit der Brutalität des DDR-Staats konfrontiert. Ein mitreißender Roman über ein fast vergessenes Kapitel der deutschen Geschichte, der auf wahren Ereignissen basiert.

BuchtitelDas falsche Leben
AutorMaja Nielsen
GenreGegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter14+
Umfang192 Seiten
VerlagGerstenberg
ISBN978-3-8369-6355-8
Preis15,00 €
Erscheinungsjahr2025

Das Leben des 16-jährigen Thomas aus Hannover wird schlagartig auf den Kopf gestellt, als die Familie übereilt in die DDR reisen muss. Auf der Fahrt nach Berlin wird schnell klar, dass der Verwandtenbesuch bei dem angeblich schwer kranken Großvater nur als Vorwand dient. Die Wahrheit ist: Vater Arnim drohte im Westen die Enttarnung als DDR-Agent, deshalb wurde er von der Stasi zurückbeordert. Thomas und sein älterer Bruder Micha sind schwer enttäuscht von der Lebenslüge des Vaters und fassungslos, dass kein Weg mehr zurück in die Heimat Hannover führt und sie ihren gewohnten Alltag, Schule und Freunde in der BRD hinter sich lassen müssen. Die Familie lebt von nun an direkt an der Grenze in einem Stasi-Hochhaus in Ost-Berlin, wird abgehört und ist den willkürlichen Entscheidungen der Stasi-Offiziere ausgeliefert. Selbst die seltenen Besuche bei den Großeltern auf Usedom werden von der erzwungenen neuen Lebenssituation der Familie überschattet. Während der volljährige Micha von Beginn an gegen das Leben in der DDR rebelliert und nach langem Warten schließlich ausreisen darf, besucht Thomas, nun DDR-Staatsbürger, zunächst die Oberschule und beginnt später eine Lehre zum Automechaniker bei der VEB Autotrans. Dort findet er in seinem Kollegen Ronny einen wahren Freund. Doch der Alltag wird durch die Konfrontation mit ideologischer Indoktrination und Bespitzelung immer unerträglicher für die Familie. Nach einem abgelehnten Ausreiseantrag setzt der Vater alles aufs Spiel und schmiedet riskante Fluchtpläne. Doch die Stasi kommt ihm auf die Spur und die Eltern werden bei einem Fluchtversuch verhaftet. Auch Thomas muss einige Jahre Haft voller Ungewissheit und Sorge um seine Eltern in den Stasi-Gefängnissen Hohenschönhausen und Bautzen durchleiden. Kurz nach seiner Entlassung erhält er die Ausreisegenehmigung, besucht ein letztes Mal seine Großeltern und kehrt nach fünf Jahren in der DDR schließlich zurück nach Hannover. 

Eine Leseprobe ist verfügbar. 

Der zeitgeschichtliche Jugendroman von Maja Nielsen thematisiert mit dem Fall eines enttarnten DDR-Spions einen äußerst interessanten, aber bisher vernachlässigten Aspekt deutscher Geschichte der 80er-Jahre. Auf Basis der wahren Lebensgeschichte von Thomas Raufeisen, dessen Vater im Auftrag der Stasi Industriespionage in Westdeutschland betrieb, erzählt Nielsen von den dramatischen Erlebnissen eines in die DDR verschleppten Jugendlichen in Form eines fesselnden wie aufwühlenden Romans. Verhandelt werden universelle Themen wie Freiheit, Demokratie, Unrecht und Macht, die auch für unsere Gegenwart und damit für jugendliche Leser*innen relevant sind. Unabhängig vom realhistorischen Hintergrund des Lebens im DDR-Unrechtsstaat bieten die zentralen Themen des Romans den Jugendlichen von heute durchaus zahlreiche Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungswelten. Zu nennen wären hier bspw. der Umgang mit Verlusterfahrungen, familiäre Konflikte, Fragen von Identität und Zugehörigkeit oder auch Diskussionen über Werte wie Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. 

Der überzeugende Spannungsbogen des Romans wird gleich im ersten Kapitel angelegt, in dem der MfS-Mitarbeiter und Überläufer Stiller seine Pläne zur Enttarnung des DDR-Spions Raufeisen offenbart. Im weiteren Verlauf spielt der eigentliche Spionagefall keine Rolle, sondern vielmehr rücken die verhängnisvollen Konsequenzen für das Leben der Familie Raufeisen in den Blickpunkt. Ab dem zweiten Kapitel werden die dramatischen Folgen des erzwungenen Umzugs in die DDR konsequent aus Thomas’ Perspektive geschildert. Nach dem Verlust seines sorglosen Teenagerlebens in der BRD muss Thomas sich nicht nur mit einer neuen Lebenswirklichkeit in Alltag und Schule arrangieren, sondern er verspürt angesichts der Konfrontation mit dem unmenschlichen DDR-Regime auch Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Er zieht sich zunehmend zurück und wird misstrauischer gegenüber seinen Mitmenschen. Aufgrund des personalen Erzählverhaltens können wir als Leser*innen an Thomas’ Emotionen und inneren Konflikten unmittelbar teilhaben, z. B. bei den Gesprächen mit Mitschülerin und Spitzel Smilla oder später bei den zermürbenden Verhören im Gefängnis. Der Protagonist wird somit zu einer sehr nahbaren Figur mit hohem Identifikationspotential. Thomas’ Enttäuschung und Zweifel am Verhältnis zu seinem Vater sind gut nachvollziehbar dargestellt: „Der Mann, der vor mir saß, war mein Vater, aber irgendwie war er wie ein Fremder für mich. Dass er wegmusste, das verstand ich ja gerade noch. Aber warum hatte er uns mitgenommen? Warum hatte er uns nicht schon in Hannover gesagt, was Sache ist? Er hatte uns total verarscht“ (S. 29). Auch die Schilderungen der Verhöre und Haftbedingungen lösen aufgrund des realen Kontextes Betroffenheit bei den Leser*innen aus und tragen dazu bei, dass die Methoden eines Unrechtsstaats nicht vergessen werden. 

Erwähnenswert ist, dass Maja Nielsen auch die Nebenfiguren als vielschichtige, differenzierte Individuen gestaltet. Dies gilt z. B. für Thomas’ Arbeitskollegen Ronny oder seinen Großvater, der sich trotz Zweifeln am Sozialismus mit dem Leben in der DDR arrangiert und sein Lebensglück auf Usedom gefunden hat. Das Beziehungsgeflecht der Figuren wirkt vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund insgesamt sehr authentisch. 

Der Roman überzeugt durch eine leicht zugängliche Sprache und einen eher sachlich-dokumentarischen Charakter. Auch der überschaubare Umfang von nur 169 Seiten Text kann ungeübteren Leser*innen den Einstieg in die Lektüre erleichtern. Ein ausführlicher Anhang inkl. Glossar bietet ergänzende Informationen zu Personen, Orten und Gebäuden sowie weiterführende Literaturhinweise zur Recherche. Das Karten- und Fotomaterial (z.T. aus Raufeisens Stasi-Akte) im Buchspiegel ermöglicht es, den Spuren des Protagonisten von West nach Ost und sogar bis ins Gefängnis zu folgen. 

Fazit: Das falsche Leben ist ein absolut empfehlenswertes Buch über ein fast in Vergessenheit geratenes Kapitel der deutschen-deutschen Geschichte, das nicht nur historisch interessierte junge Leser*innen begeistern wird. 

Das Buch bietet sich aufgrund des thematischen Schwerpunktes (Unrechtsstaat DDR, Fluchtversuche, Stasi-Gefängnis) gut als Schullektüre im Rahmen eines fächerübergreifenden Unterrichtsprojekts mit Geschichte, Politik und Ethik an. Nielsens zugleich spannender wie bewegender Roman kann bei jugendlichen Leser*innen Interesse an der deutsch-deutschen Geschichte wecken und zur intensiven Auseinandersetzung mit demokratischen Grundwerten anregen. Der Verlag stellt kostenloses Unterrichtsmaterial mit vielfältigen Anregungen ab Klasse 8 sowie ein kurzes Zeitzeugen-Interview mit Thomas Raufeisen online zur Verfügung.  

Außer als Klassenlektüre ist der Einsatz des Buches auch in freien Leseformaten, themenspezifischen Bücherkisten oder für Buchvorstellungen usw. denkbar. Zeitgeschichtlich interessierte Jugendliche werden den schlanken Roman (192 S.) auch außerhalb des schulischen Kontextes als Privatlektüre auswählen. Wem dieser spannende Roman über Thomas Raufeisens Jugendzeit in der DDR zusagt, der wird sich bestimmt auch für das Buch Der Tunnelbauer von Maja Nielsen begeistern, das ebenfalls auf realen Ereignissen basiert und einen anderen Aspekt der DDR-Geschichte thematisiert.