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Buchcover Cornelia Franz: Ins Nordlicht blicken

Rezension von Eva Maus

Jonathan fährt mit einem Kreuzfahrtschiff von Hamburg nach Grönland. Es ist das Jahr 2020 und das ewige Eis ist fast geschmolzen. Neun Jahre war der junge Bildhauer nicht in seiner Heimat und es hat sich viel verändert. Gemeinsam mit der freundlichen und attraktiven Shary entdeckt er auf der Suche nach seinem Vater dieses Land, das ihm zugleich fremd und vertraut ist, und trifft dort Menschen wieder, die seine Rückkehr niemals erwartet hätten...

BuchtitelIns Nordlicht blicken
AutorCornelia Franz
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang278 Seiten
Verlagdtv pocket
ISBN978-3-423-78278-4
Preis8,95€

Jonathan fährt mit einem Kreuzfahrtschiff von Hamburg nach Grönland. Es ist das Jahr 2020 und das ewige Eis ist fast geschmolzen. Neun Jahre war der junge Bildhauer nicht in seiner Heimat und es hat sich viel verändert. Gemeinsam mit der freundlichen und attraktiven Shary entdeckt er auf der Suche nach seinem Vater dieses Land, das ihm zugleich fremd und vertraut ist, und trifft dort Menschen wieder, die seine Rückkehr niemals erwartet hätten.

Im Frühjahr 2011 verzweifelt Pakkutaq fast an der Ausweglosigkeit seines Lebens in Nuuk. Er fühlt sich fremd und einsam. Seine Mutter, eine Inuit, ist schon lange tot. Sein deutscher Vater ist Alkoholiker. Sein bester Freund Aqqaluk trinkt ebenfalls gern und viel Alkohol, schaut Pornos und arbeitet als Krabbenpuler. Ihm scheint es egal zu sein, wie seine Zukunft aussieht. Pakkutaq dagegen will weg aus der tristen Hauptstadt Grönlands und weiß nicht wohin. Er flüchtet sich immer häufiger ins Internet, wo er Backgammon spielt und der Frage ausweicht, wie es für ihn weitergehen soll.

Jonathan und Pakkutaq sind auf der Suche nach ihrer Identität und ihre Geschichten sind eng miteinander verwoben. Um in ihrem eigenen Leben anzukommen, müssen sie schwere Entscheidungen treffen und  mit ihrer Schuld und ihren Wurzeln umgehen lernen.

„Du bist zurückgekommen“, sagte er und lächelte. Er nahm sich auch einen Becher, setzte sich auf einen anderen der Holzstühle an den Tisch und schnitt zwei Stück von dem Napfkuchen ab, der dort zwischen Prospekten und Zeitungen stand. „Kaffeemik.“
Kaffeemik. Auch dieses Wort war wieder da und brachte so viel mit, von dem Jonathan nicht gewusst hatte, dass es noch in ihm steckte. Wenn man es hörte, roch man den Kaffee und den selbst gebackenen Blaubeerkuchen. Manchmal, wenn die Eltern zu den Verwandten im Norden gefahren waren hatte Anga für die jüngeren Geschwister und ein paar Freunde einen Kaffeemik auf dem Teppich veranstaltet. Angaju, älterer Bruder… es schien, als hätte Anga schon durch seinen Namen die Fürsorge für seine Geschwister auf sich genommen.
Jonathan und Anga saßen sich gegenüber, die Ellenbogen aufgestützt, sie tunkten ihren Kuchen in den Kaffee und aßen und tranken ohne Eile, zwei alte Freunde, die sich kurz aus den Augen verloren hatten. Für Sekunden vergaß Jonathan, dass diese kurze Zeit neun Jahre gedauert hatte. Er war froh, dass Anga so viel redete, mehr, als es früher seine Art gewesen war, und er ahnte, dass Anga das tat, um ihnen beiden die Situation leichter zu machen. Er erzählte vor allem von seiner Arbeit bei der Traditionsbewegung. Sie waren rund zwölf Aktive in Nuuk, aber es gab viele Leute, die sich durch Spenden beteiligten, sodass Anga sogar zehn Stunden in der Woche bezahlt werden konnte. „Wir haben schon einiges gegen die großen Konzerne erreicht“, erzählte er stolz. „Für die sind wir doch nur ein skurriles Völkchen, dem das Eis wegschmilzt. Die interessieren sich nur für die Rohstoffe, die es hier zu holen gibt. Aber wir haben es geschafft, dass einige Dörfer nicht zerstört wurden. Es kommen immer mehr Touristen nach Grönland. Aber bestimmt nicht, um Bohrtürme und Abraumhalden zu sehen.“ Anga trommelte mit den flachen Händen einen kurzen Rhythmus auf die Tischplatte. „Die Siedlung am Rasmussenvej, die ist nicht mehr da“, sagte er unvermittelt.
„Ich weiß. Deswegen bin ich hier. Ich wollte fragen, ob ihr wisst, wo die Leute hingezogen sind.“
„In die Neubauten weiter oben am Fjord. Aber dein Vater hat dort schon lange nicht mehr gewohnt. Soweit ich weiß, ist er in den Süden gezogen.“

Der 17jährige Pakkutaq sieht seine Zukunft in dem kleinen und deprimierenden Städtchen Nuuk bereits vor sich: Alkohol, Gelegenheitsjobs und ewige Kälte. Er möchte nicht werden wie die meisten anderen in Nuuk und er will auch nicht den unrealistischen Ideen seines Vaters nachhängen, der viel zu süchtig ist, um ein Vorhaben länger und ernsthaft zu verfolgen. Gleichzeitig fehlt ihm ein alternativer Lebensentwurf. Er weiß nicht, was er nach seinem Schulabschluss mit sich anfangen soll – bis er die Möglichkeit hat als blinder Passagier auf einem Kreuzfahrtschiff Grönland zu verlassen.

Pakkutaqs Zerrissenheit zwischen Lethargie und Unwille gegenüber seinem Leben entwickelt Cornelia Franz genauso überzeugend wie die bedrückende und hoffnungslose Atmosphäre seiner Umgebung. Pakkutaq fühlt sich niemandem zugehörig und innerlich einsam. Ihm fehlt ein Vorbild. Bei der Identitätssuche reibt er sich auf zwischen den idyllischen Kindheitserinnerungen vom Leben bei seiner deutschen Oma und der rauen und scheinbar ausweglosen Realität mit seinem schwierigen Vater in der Kälte Gröndlands. Die Gefühle und reflektierten Gedanken, die die Autorin eindrücklich beschreibt, kann Pakkutaq mit niemandem teilen. Ebenso wie Jonathan neun Jahre später spricht er weder über seine Herkunft noch über seine Gefühle und Gedanken.

Während Pakkutaq vor allem weg will, zieht es Jonathan zurück nach Grönland. Durch die Konfrontation mit seinen Wurzeln, nähert er sich langsam einer sicheren Identität an, die er bisher schmerzlich vermisst hat. Dabei lähmen ihn zunächst Angst und Schuld, die aus seinen Erfahrungen während der Flucht aus seiner Heimat resultieren. Vor allem die Erinnerung an ein schlimmes Verbrechen, das er begangen hat, verhindert, dass sich Jonathan anderen gegenüber öffnet und zu sich selbst findet. Auch die zarte Liebesgeschichte, die sich ganz nebenbei entwickelt, kann er zunächst nicht zulassen. Die schmerzhaften wie auch die glücklichen Erfahrungen und Begegnungen auf der Reise durch seine alte Heimat eröffnen ihm aber die Chance, sich seiner Schuld zu stellen und  endlich tatsächlich erwachsen werden.

Die kurzen Kapitel werden abwechselnd aus Pakkutaqs und Jonathans Perspektive geschildert. Zunehmend entwickelt sich dabei die spannende Frage, wie die beiden Erzählstränge zusammenhängen. Ins Nordlicht blicken überzeugt durch die Kombination von unaufgeregtem, aber atmosphärisch dichtem Erzählen, dem gelungenen Spannungsbogen, der sich schließlich zu einer Kriminalgeschichte auswächst, sowie der faszinierenden Schilderungen der Kultur und Landschaft des jetzigen und zukünftigen Grönlands.

Ins Nordlicht blicken eignet sich gut als Lektüre für den Deutschunterricht, da das Buch Ansatzpunkte für verschiedene Themen bietet (Identitätssuche, Klimawandel, Beziehungen zu Eltern und Peers, Heimat, Migration, Liebe, Schuld und Verantwortung…) und gleichzeitig spannend ist. Zudem ist sowohl das ganze Buch als auch die einzelnen Kapitel relativ kurz und lesen sich recht leicht. Wer die Zusammenhänge früh begreifen möchte, wird aber auch zum genauen Lesen eingeladen. Ein kostenloses Unterrichtsmodell für die Klassen 9 und 10 gibt es zum Herunterladen auf www.dtv.de.