Buchcover Man vergisst nicht, wie man schwimmt, Christian Huber

Rückblickend erzählt werden die Erlebnisse des 15-jährigen Pascal, genannt Krüger, am letzten...

Rezensiert von Tanja Hattermann

Ein einziger Sommertag im Leben des 15-jährigen Pascal, ein Zirkusmädchen und ein schwerwiegendes Geheimnis: Dieser spannende Roman über Freundschaft, erste Liebe und Identitätsfindung ist atmosphärisch dicht erzählt und besticht durch eine überzeugende Entwicklung der Hauptfigur. Die authentische Coming-of-Age-Story eröffnet Einblicke in die Gefühlswelt des sympathischen Protagonisten und spricht jugendliche Leser*innen dadurch unmittelbar an.

BuchtitelMan vergisst nicht, wie man schwimmt
AutorChristian Huber
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang400 Seiten
Edition6. Auflage
Verlagdtv
ISBN978-3-423-28998-6
Preis22,00 €
Erscheinungsjahr2022

Rückblickend erzählt werden die Erlebnisse des 15-jährigen Pascal, genannt Krüger, am letzten Sommertag des Jahres 1999. Pascal hängt am liebsten Tagträumen nach und verfasst Geschichten für sein geheimes Notizbuch. Vor allem aber hütet er ein noch viel größeres Geheimnis, das ihn zum Außenseiter macht und daran hindert, wie früher schwimmen zu gehen und den Sommer so unbeschwert zu genießen wie die anderen Jugendlichen in der bayerischen Kleinstadt. Als er zusammen mit seinem besten Freund Viktor beim Playstation-Zocken im Kaufhaus Zeuge eines Ladendiebstahls wird, steht Pascals Welt plötzlich Kopf. Denn die Unbekannte klaut nicht nur das Nokia-Handy aus der Vitrine, sondern lässt auf der Flucht auch seinen Rucksack samt Notizbuch mitgehen. Die beiden Jungen heften sich an ihre Fersen und finden das Mädchen schließlich in einem Zirkus, der an diesem Tag seine Abschlussvorstellung in Bodenstein gibt. Pascal ist auf Anhieb fasziniert von der mysteriösen und furchtlosen Jacky, die das Messerwerfen beherrscht und sogar einen Panther bändigen kann. Er kommt Jacky im Verlauf des Abends näher als ihm wegen seines Geheimnisses anfänglich lieb ist, doch er hat sich tatsächlich verliebt! Die abenteuerlustige Jacky möchte vor der Weiterreise unbedingt noch etwas erleben und so schmieden die drei Jugendlichen den Plan, die Marihuanaplantage der berüchtigten Hunnen-Gang im Wald ausfindig zu machen, um sich mithilfe der Drogen Zugang zur Party einer coolen Clique zu verschaffen. Zwar bleibt die Suche nach dem Gras erfolglos, doch da Viktor stattdessen mit einem gestohlenen Revolver auf der Party Eindruck schinden will, gerät der Abend außer Kontrolle. Die Situation zwischen den Freunden eskaliert, als Jacky erneut eines Diebstahls bezichtigt wird und Viktor sich auf die Seite des Hunnen-Anführers schlägt. Das Zirkusmädchen ergreift abermals die Flucht, doch Pascal findet Jacky am vereinbarten Treffpunkt, der Klippe über dem Fluss. Im Mondlicht lüftet er das Geheimnis um seinen Spitznamen ‚Krüger‘, indem er die persönlichste Geschichte aus seinem Notizbuch über ein traumatisches Kindheitserlebnis samt folgenschwerem Unfall mit Jacky teilt und seinen vernarbten Oberkörper entblößt. Jacky zeigt ihm im Gegenzug ihre Narben und ermutigt Pascal, sich dem Leben trotz des vermeintlichen Makels zu stellen und es aktiv zu gestalten. Sie springen von der Klippe und Pascal genießt das nächtliche Schwimmen mit Jacky in vollen Zügen. Als sie dabei zufällig in einer abgelegenen Bucht letztendlich doch noch auf das Drogenversteck der Hunnen stoßen, spitzen sich die Ereignisse dramatisch zu und es kommt zum Showdown am Flussufer. Pascal schwebt nach einer Schussverletzung in Lebensgefahr, kann jedoch in einer Notoperation gerettet werden. 

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Der Roman von Christian Huber ist eine tiefgründige, frisch erzählte Coming of Age-Geschichte über Geheimnisse und Gefühle, die zugleich aber auch durch eine spannungsreiche Handlung überzeugt und in dieser Kombination echtes Lesevergnügen garantiert. Die verhandelten universellen Themen (z.B. Identitätssuche, Überwindung von Ängsten, Freundschaft und Verliebtsein) bieten jugendlichen Leser*innen vielfältige Identifikationsmöglichkeiten und Anknüpfungspunkte an eigene Erfahrungswelten: Sei es das Abhängen mit Freunden, Sommerabenteuer und Partys auf der äußeren Handlungsebene oder auch Reifungsprozesse wie Selbstwirksamkeitserfahrungen und die Überwindung von Ängsten auf der Ebene der inneren Entwicklung. 

Der tragende Spannungsbogen des Romans wird bereits auf der allerersten Seiten angelegt: „Damals, an diesem 31. August 1999. Da sind wir. Jacky. Viktor. Ich. Eine Freundschaft. Eine Liebe. Und ein Tod. Und das ist die Geschichte“ (S. 9). Doch die Auflösung gibt es erst am Romanende. Von Beginn an lebt die Spannung des Romans auch von der Frage, was genau hinter Pascals Geheimnis steckt, warum er das Schwimmen genauso wie körperliche Nähe scheut. Sukzessive erfahren die Leser*innen Bruchstücke aus seiner Vergangenheit (z.B. über seinen gewalttätigen Vater), die nach und nach puzzleartig zu einem Gesamtbild führen und Pascals innere Zerrissenheit und Unsicherheit im Umgang mit Jacky nachvollziehbar machen. Im weiteren Verlauf speist sich die Handlungsspannung zusätzlich aus der Figurenkonstallation (Pascal – Jacky – Viktor) und der Konfrontation mit den Drogendealern. 

Die erzählte Zeit umfasst zwar nur einen Tag und eine Nacht, aber durch die intensiven Erlebnisse dieses einen Sommertages mit Jacky reift der Protagonist enorm, er gewinnt an Selbstbewusstsein und beginnt, eine ganz neue Perspektive auf sein Leben einzunehmen. 

Ein großer Pluspunkt dieses Romans liegt darin begründet, dass der Typus des starken 

Jungen, der keine Emotionen zeigen darf, hier kritisch in Frage gestellt wird. Der männlicheProtagonist Pascal entspricht diesem Stereotyp überhaupt nicht, sondern berührt mit 

aufrichtigen Gefühlen. Gerade deshalb überzeugt er als interessanter, sympathischer 

Charakter, den man als Leser*in gebannt in seinem individuellen Entwicklungsprozess 

begleitet. Durch seine körperlichen wie seelischen Verletzungen, aber auch durch seine 

Zukunftsträume und Sehnsüchte wirkt der Ich-Erzähler sehr nahbar. 

Auf Seiten der Nebenfiguren überzeugen als nuanciert gezeichnete, lebendige Charaktere besonders das unkonventionelle Zirkusmädchen Jacky sowie Pascals bester Freund Viktor, der es ebenfalls nicht leicht im Leben hat. Jacky gibt Pascal einige Lebensweisheiten mit auf den Weg, die aber nie kitschig daherkommen, sondern ihn darin bestärken, seine Individualität anzunehmen und das Leben zu genießen: „Narben sind auf die Haut geschriebene Geschichte. Sie machen uns nicht schwächer, sondern stärker. Interessanter. Das will ich damit sagen. Narben sind kein Grund, sich vor dem Leben zu fürchten. Sie sollen uns Mut machen, das Leben auszukosten. Jeden. Einzelnen. Moment, Pascal.“ (S. 329f.)

Die Abbildung des springenden Jungen auf dem Buchcover und das titelgebende Zitat von Jacky verweisen auf eine zentrale Schlüsselszene des Romans und könnten Neugier wecken. Die farbliche Gestaltung des Covers dagegen wird männliche Leser ziemlich sicher nicht ansprechen, hier wurde das Potential eines sowohl an erwachsene als auch an jugendliche Leser*innen adressierten Titels nicht voll ausgeschöpft. 

Dafür punktet das Buch mit einer gut zugänglichen, authentischen Sprache und wartet mit einigen witzigen Neuschöpfungen (z.B. „verpicht“ oder „Schnipsinger“) auf, die für einen besonderen Sound sorgen. Der Roman ist in vier Teile und einen Epilog gegliedert. Erzählt wird rückblickend aus der Perspektive des erwachsenen Ich-Erzählers, der sich an diesen bedeutungsvollen Sommertag erinnert. Der Epilog ist für jugendliche Leser*innen eventuell nicht so interessant, da der erwachsene Pascal (inzwischen selbst Vater) sich auf den Weg nach Bodenstein zur Beerdigung seines Vaters macht. Dieser Nachklapp fügt sich nicht so richtig organisch ein, zumal die eigentliche Haupthandlung zuvor mit Jackys Nachricht an Pascal überzeugend abgeschlossen wurde. 

Die Fülle an Anspielungen auf die Popkultur der 90er-Jahre (Musik, Filme, Games) wird sich bei versierteren Leser*innen vermutlich nicht störend auf Textverständnis oder Lesefluss auswirken. Im Gegenteil: Vielleicht werden die Jugendlichen durch die Lektüre dazu inspiriert, mithilfe der Playlist zum Buch in die Welt der Neunziger abzutauchen. 


Der Roman eignet sich aufgrund des reichhaltigen Spektrums an adoleszenten Themen (Identitätsfindung, Freundschaft, erste Liebe, Überwindung von Ängsten) sowohl als Unterrichtslektüre als auch als Freizeitlektüre für flüssig lesende Jugendliche. Im Fall einer Klassenlektüre hätten auch die Mädchen mit Jacky eine überzeugende Identifikationsfigur. Mit Blick auf Aspekte literarischen Lernens könnten z.B. neben der Figurenzeichnung und Entwicklung des Protagonisten auch die sprachlichen Bilder thematisiert werden. Der Verlag stellt kostenlos abrufbares Unterrichtsmaterial mit vielfältigen Anregungen für die 9./10. Klasse zur Verfügung.

Im schulischen Kontext ist der Einsatz des Buches darüber hinaus in offenen Leseformaten denkbar, z.B. als ein Element von genrespezifischen (Coming of Age) Bücherkisten, ergänzt um weitere aktuelle Titel wie Hard Land von Benedict Wells oder Borderland von Peter Schwindt. Zudem könnten auch das Robert Stadlober eingelesene Hörbuch (DAV, ungekürzt) sowie die offizielle Playlist mit dem Soundtrack zum Roman einbezogen werden: www.manvergisstnichtwiemanschwimmt.de