Buchcover Juliane Pickel: Krummer Hund

Das bestimmende Gefühl in Daniels Leben ist Wut. Er verachtet seine Mutter mit ihren wechselnden...

Rezension von Ines Heiser

Daniel hat es mit niemandem leicht: Nicht mit seiner launenhaften alleinerziehenden Mutter und ihren vielen Männerbekanntschaften, nicht mit seinem nerdigen Kumpel Edgar und schon gar nicht mit sich selbst und seinen unbeherrschten Wutausbrüchen. Ein überraschender Lichtblick scheint da plötzlich Thomas König zu sein, der Tierarzt, der zwar Daniels Hund Ozzy einschläfert, anschließend als neuer Partner der Mutter aber erstaunlich positive Züge an den Tag legt. Nur dass nach einer Party bei einem Autounfall ein Junge getötet wird und gleichzeitig neue Schäden am Auto des Arztes auftauchen…

Eine spannende Coming of Age-Geschichte, in der nur wenig so ist, wie es zunächst den Anschein hat.

BuchtitelKrummer Hund
AutorJuliane Pickel
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang259 Seiten
VerlagBeltz & Gelberg
ISBN978-3-407-75875-0
Preis14,95 €

Das bestimmende Gefühl in Daniels Leben ist Wut. Er verachtet seine Mutter mit ihren wechselnden Beziehungen und fühlt sich gleichzeitig fasziniert wie auch abgestoßen sowohl von seinem besten Freund Edgar, der verstörend gewalttätige Bilder malt, ebenso wie von der unnahbaren Alina, die zum Vergnügen Mitschüler*innen und Lehrkräfte demütigt. Danny selbst verliert immer wieder die Kontrolle über sich und zerstört dann Gegenstände oder greift Personen an. Die Dinge scheinen sich zum Besseren zu wenden, als der Tierarzt Thomas König als neuer Partner der Mutter in Dannys Leben tritt, nachdem Dannys Hund Ozzy eingeschläfert werden musste. Obwohl dieser sich verständnisvoll um ihn bemüht, traut Danny ihm nicht und bleibt distanziert. Schließlich entdeckt er frische Schäden an Königs auffälligem Sportwagen, nachdem bekannt wurde, dass ein ähnliches Auto in einen tödlichen Unfall mit Fahrerflucht verursachte. Als Danny sich nach längeren Recherchen schließlich traut, den Tierarzt zur Rede zu stellen, erfährt er, dass er selbst es war, der in betrunkenem Zustand das Auto demoliert hat. Das offen gestaltete Ende deutet auf eine positive Zukunft hin: In Absprache mit Danny zieht Thomas König bei der Familie ein und Danny beginnt eine Therapie, die ihm helfen soll, mit dem Verlust seines leiblichen Vaters und seiner Wut konstruktiver umzugehen.

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Plötzlich einen Thriller erleben – wer möchte das nicht? In einer bei aller Alltäglichkeit ausgesprochen spannenden und temporeichen Geschichte nimmt Juliane Pickel junge Leser*innen mit in den üblichen Wahnsinn, den das Leben für Heranwachsende bereit hält.

Der Roman beginnt in einer Tierarztpraxis mit einer emotionalen Ausnahmesituation: Daniel, genannt Danny, muss dort seinen geliebten Hund Ozzy einschläfern lassen. Der Hund war Dannys emotionaler Halt – nicht nur, aber auch, weil er ihn von seinem Vater als Abschiedsgeschenk bekommen hatte, bevor dieser die Familie verließ. Charakteristisch für Dannys chaotische private Situation ist, dass sich seine ihn begleitende Mutter nicht hauptsächlich um ihn kümmert, sondern den Moment nutzt, um mit dem Tierarzt Thomas König zu flirten und mit diesem ein Abendessen zu verabreden. Seinen Frust und seine Trauer agiert Danny aus, indem er unbemerkt von den beiden draußen Königs teuren Sportwagen zerkratzt.

Mit diesem Eingangskapitel sind die zentralen Handlungs- und Konfliktlinien bereits gesetzt. Pickel stellt detailliert und authentisch dar, wie Danny darum kämpft, mit der immer noch nachwirkenden Erfahrung des Vaterverlusts abschließen zu können. Ungeschönt werden seine unkontrollierten Wutausbrüche dargestellt, etwa wenn er das Fahrrad einer Mitschülerin demoliert oder aus Trauer um Ozzy im Stadtpark den Hund eines Obdachlosen tritt, als er diesem wie zuvor häufig beim morgendlichen Hundespaziergang begegnet. Trotzdem bleibt Danny sympathisch: Die Erzählung zeigt, dass er sich selbst um sein Verhalten sorgt und dass er anderen gegenüber durchaus Empathie empfinden kann – so zum Beispiel in einer Situation, in der sich König unangekündigt verspätet und Danny für seine Mutter fürchtet, dass sich für sie erneut eine Beziehung dem Ende nähern könnte. Ebenso scheint in wichtigen Nebenfiguren auf, dass Danny keineswegs der Einzige ist, der mit Dämonen zu kämpfen hat. So kommt etwa heraus, dass die umschwärmte Klassenschönheit Alina einen Bruder mit psychischen Problemen hat, um den sie sich sorgt. Dieses Geheimnis hütet sie, indem sie alle anderen mit zynischen Kommentaren und rücksichtslosem Verhalten auf Distanz hält. Dannys bester Freund Edgar hingegen ist zwar künstlerisch hochbegabt, neigt aber zu Depressionen und obsessiv-selbstzerstörerischem Handeln. Ähnlich wie er selbst und wie sein skurril aussehender Mischlingshund Ozzy sind also fast alle von Dannys näheren Bekannten „Freaks“. Für Danny besteht die Schwierigkeit nicht darin, zu akzeptieren, dass das Leben solche hässlichen Seiten hat – aufgrund seiner Erfahrungen ist es vielmehr umgekehrt so, dass es ihm ausgesprochen schwerfällt, an glückliche Wendungen und freundliches Verhalten anderer zu glauben. Diese Grunddisposition hat wesentlichen Einfluss auf die weitere Handlungsentwicklung: Nachdem Danny erfährt, dass auf dem Heimweg von einer Party, die er selbst ebenfalls besucht hatte, Alinas Bruder bei einem Unfall mit Fahrerflucht getötet wurde, ist er schnell fest überzeugt davon, dass König der Verursacher sein muss. Dessen Sportwagen weist frische Schäden auf, von denen Danny glaubt, dass sie zu dem Unfall passen könnten. Diese Beobachtung stürzt Danny in Konflikte: Obwohl König sich konsequent darum bemüht, ein gutes Verhältnis zu ihm aufzubauen, traut er ihm nicht genug, um ihn auf den vermuteten Zusammenhang anzusprechen. Gleichzeitig möchte er auch nicht die ausnahmsweise einmal glückliche Beziehung seiner Mutter zu König gefährden. Auf der anderen Seite hat zwischenzeitlich eine Annäherung zwischen Danny und Alina stattgefunden und Alina bittet ihn um Hilfe bei der Aufklärung des Hergangs. Ein gemeinsam mit ihr verbrachter Abend zeigt Danny, dass er selbst Verantwortung für sein Handeln übernehmen muss, anstatt sich von Wut und negativen Gefühlen kontrollieren zu lassen. Er führt eine Aussprache mit seiner Mutter herbei, bemüht sich darum, verursachte Schäden wiedergutzumachen und schließlich gelingt es ihm sogar, über seinen Schatten zu springen und König auf die Schäden am Auto anzusprechen, so dass der belastende Verdacht ausgeräumt werden kann.

Der Roman besticht insofern durch gleich zwei starke Männerfiguren: Thomas König zeigt sich als geduldiger und verständnisvoller Ersatzvater, dem wirklich etwas an Danny liegt und der dazu bereit ist, ihn trotz seiner Probleme und trotz seines auffälligen Verhaltens ernst zu nehmen und zu akzeptieren. In Bezug auf Danny sind die Schwierigkeiten ehrlich und authentisch dargestellt – so wird beispielsweise nicht verschwiegen, dass mit einem einfachen Eingestehen von Verfehlungen diese keineswegs erledigt sein müssen und Wiedergutmachung eine anstrengende Arbeit sein kann. Gleichzeitig wird deutlich, dass solche ernstgemeinten Anstrengungen auch zum Erfolg führen können, und dass es möglich ist, gute Beziehungen zu führen, wenn Menschen aufeinander zugehen. 

Zu dieser starken Botschaft kommt, dass Krummer Hund auch formal in vielerlei Hinsicht ein Glücksgriff ist, wenn man nach einer Lektüre sucht, die bei Personen mit schwächer ausgebildeten Lesefertigkeiten Interesse am Lesen wecken kann. Der Roman ist mit insgesamt 260 Seiten eher schmal, die Kapitel sind kurz und umfassen häufig nur zwei bis vier Seiten, maximal etwa zehn. Die Sätze sind kurz und prägnant, der Wortschatz sehr gut zugänglich und spezielles Hintergrundwissen ist so gut wie nicht erforderlich – der Roman spielt in einer ganz normalen Stadt, an einer ganz normalen Schule, in einer auf alltägliche Weise kaputten Familie.

Erstaunlich und besonders überzeugend ist, wie die Autorin mit diesem reduzierten Instrumentarium eine Geschichte aufbaut, die einen immer stärker werdenden Sog entwickelt und in einer ungewöhnlichen Thriller-Handlung mündet.

Im Bereich Leseförderung ist Pickels Krummer Hund vielseitig einzusetzen. Da nur ein vergleichsweise geringes Maß an technischer Lesekompetenz erforderlich ist, empfiehlt sich der Roman als private Einzellektüre genauso wie als Bestandteil von Schulbüchereien. Hier kann er zum einen Personen ansprechen, die selbst mit einer vergleichbaren familiären Situation belastet sind oder die im Rahmen ihrer Pubertät Fremdheitsgefühle gegenüber ihrer Umgebung entwickeln. Zum anderen liest sich Krummer Hund auch gut als spannender Thriller, bei dem bis zum Ende offen bleibt, ob es wirklich klug ist, den sympathisch wirkenden König in Dannys Familie aufzunehmen.

In Bezug auf thematisch einschlägige Schwerpunktsetzungen kann Krummer Hund zudem Bestandteil von Themenkisten zu Patchworkfamilien oder zum Umgang mit psychischen Schwierigkeiten sein.

Im Literaturunterricht kann Krummer Hund aufgrund der differenziert dargestellten Entwicklungsgeschichte des Protagonisten ebenfalls gewinnbringend im Bereich literarisches Lernen eingesetzt werden. Hier können etwa verschiedene Modi der Darstellung von inneren Zuständen literarischer Figuren in den Blick genommen werden, wie sie z.B. in von Danny imaginierten Gesprächen mit seinem verschollenen Vater oder bei der Beschreibung von Edgars Kunstwerken, ebenso in Alinas Interesse für das Gaming vorliegen. Zur Frage danach, in welchen ganz verschiedenen Formaten eigene Gefühle oder Haltungen ausgedrückt werden können, lassen sich im Anschluss an den Roman auch kreative Projekte durchführen.