Buchcover Gereon Klug: Das Vermächtnis des Wunderlands

Ganz Knuffingen ist in heller Aufregung, denn in drei Tagen soll die internationale Eisenbahnmesse...

Rezension von Christine Garbe

Werden die vier Kinderdetektive den rätselhaften Geschehnissen in ihrem Heimatort Knuffingen auf die Spur kommen? Die Rettung einer magischen Modelleisenbahn und die Aufklärung der mysteriösen Ereignisse, die die bevorstehende große Eisenbahnmesse gefährden: Für die vier Freunde und Geschwister Bruno und Tom, Olivia und Pi beginnt ein aufregendes Abenteuer, das – rasant erzählt und reich illustriert – allen Freunden spannender und fantastischer Geschichten gefallen wird.

BuchtitelDas Vermächtnis des Wunderlands
AutorGereon Klug
GenreAbenteuer
Fantastischer Realismus
Lesealter8+
Umfang173 Seiten
VerlagCarlsen
ISBN978-3-551-65420-5
Preis10,00 €

Ganz Knuffingen ist in heller Aufregung, denn in drei Tagen soll die internationale Eisenbahnmesse INTERLOKTRAIN hier stattfinden und plötzlich blockiert ein Unglück nach dem nächsten die Schienenverbindungen und gefährdet die Durchführung der Messe. Ist hier ein fieser Saboteur am Werk?

Die Zwillinge Olivia und Bruno sowie der kleine Bruder Tom und die gemeinsame Freundin Pi finden die alte und längst verschollen geglaubte Modelleisenbahn des Großvaters wieder. Diese wollen sie aus der alten Brauerei in geheimen nächtlichen Aktionen in den Keller des Elternhauses transportieren. Doch plötzlich passieren seltsame Sachen um sie herum, ausgerechnet kurz vor der wichtigen Ausstellung, die spektakuläre Züge aus aller Welt in den kleinen Heimatort der vier Kinder bringen soll. Stecken hier der von der Eisenbahnmesse keineswegs begeisterte Flughafenchef Biernatzki oder der mysteriöse Fremde, Herr Magnus, dahinter? Die vier Freunde machen sich daran, die rätselhaften Vorfälle aufzuklären, während sie die Rettung der Modelleisenbahn in nächtlichen Aktionen fortsetzen. Allmählich wird klar, dass die Modelleisenbahn des Großvaters ein Vermächtnis des Wunderlands ist und über magische Kräfte verfügt. Ausgerechnet dem achtjährigen Tom gelingt es am Ende, die rätselhaften Erscheinungen aufzuklären und die Verkehrshindernisse zu beseitigen, so dass der Durchführung der INTERLOKTRAIN nichts mehr im Wege steht. Herr Magnus hat sich jedoch des magischen Teils der Modelleisenbahn bemächtigt und ist verschwunden: Die Kinderdetektive werden sich auf seine Spur begeben müssen, um seine bösen Absichten zu durchkreuzen.

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Nach einem kurzen, rätselhaften Prolog werden die Leser*innen sehr schnell in eine spannende Handlung hineingezogen: Vier Kinder haben eine große Aktion geplant und wollen diese in geheimen nächtlichen Ausflügen durchführen. Im Geheimquartier von Olivia, Bruno, Tom und Pi, der stillgelegten Brauerei, haben sie im Keller die fantastische, ehemals preisgekrönte Modelleisenbahn des Großvaters entdeckt, die den gesamten Ort Knuffingen detailgetreu zeigt und als verschwunden galt. Sie beschließen, diese Modellbahn heimlich aus der Brauerei zu entwenden und, in acht Teile zerlegt, mittels ihrer Draisine in den elterlichen Keller zu transportieren. Den drei Geschwistern wurde die Liebe zu Eisenbahnen quasi in die Wiege gelegt, denn die Mutter ist die Leiterin des örtlichen Hauptbahnhofes und der Vater leitet die Werkstatt des Instandhaltungswerkes. Die Eltern sind wegen der bevorstehenden Modellbaumesse gerade sehr im Stress und können sich kaum um die Kinder kümmern. Über die fehlende Aufmerksamkeit der Eltern sind die Protagonist*innen bestimmt nicht traurig und nutzen den Freiraum für ihre eigenen Pläne. Doch schon beim zweiten nächtlichen Transport, mit dem die Handlung einsetzt, geschieht ein Unglück nach dem anderen. Was sind die Ursachen dieser weitläufigen Ausmaße, die die Messe in Gefahr bringen?

Der 8-jährige Tom hat die rettende Idee und den Jungermittlern wird klar, dass die Unfälle in der realen Welt mit Veränderungen auf der Modelleisenbahn zu tun haben: offenbar gibt es hier magische Korrespondenzen. Als Tom sein Spielzeug-Flugzeug von der Modelleisenbahn nimmt, verschwindet auch das Flugzeug in der Realität und der großen Eisenbahnmesse mit den exotischsten Zügen aus aller Welt steht nichts mehr im Wege.

Zugleich mit diesem Happy End beginnt jedoch die nächste Komplikation: Der mysteriöse Fremde, Herr Magnus, kennt das Geheimnis der Modelleisenbahn und entwendet das magische Teil, das diesen Einfluss auf die reale Welt hat. Die Kinder können es nicht verhindern, aber klar ist, dass sie – im zweiten Band der Reihe – versuchen müssen, den entwendeten ‚magischen Stein‘ wieder in ihren Besitz zu bringen und den Dieb an der Umsetzung seiner bösen Absichten zu hindern. 

Die Geschichte ist eine gelungene Genremischung aus Abenteuer mit fantastischen Elementen, Detektivgeschichte und Bandenroman, wobei der fantastische Anteil – das „Vermächtnis des Wunderlands“ – in diesem ersten Band der Serie noch wenig ausgeleuchtet wird: Erst am Ende des Buches wird klar, dass die Vorkommnisse in der wirklichen Welt – einer modernen Familie in einer gegenwärtigen Kleinstadt – mit denen in der Welt der Modelleisenbahn zu tun haben. Die vier kindlichen Held*innen stehen von Beginn an im Mittelpunkt und müssen in rascher Folge immer neue Abenteuer bestehen, um ihr Vorhaben – die heimliche Rettung der Modelleisenbahn – umsetzen zu können. Alle vier Kinder werden sympathisch dargestellt und individuell konturiert, wobei die beiden Mädchen etwas mehr im Vordergrund stehen als die Jungen, vielleicht auch politisch etwas ‚zu korrekt‘ (ohne negative Eigenschaften) dargestellt sind: Sehr ungewöhnlich ist die Protagonistin Pi, ein Mädchen mit asiatischem Migrationshintergrund, die sich durch beinahe übernatürliche Rechenkünste auszeichnet; sie soll aber wohl auch besonders exotisch erscheinen. Auffällig ist, dass auch Olivia als eher mädchen-untypisch gezeichnet wird: sie ist abenteuerlustig und technisch begabt, konstruiert und verbessert die Draisine, das Hauptfortbewegungsmittel der Gruppe. Stärker im Hintergrund bleibt ihr Zwillingsbruder Bruno, der jedoch in brenzligen Situationen der strategische Kopf der Gruppe ist, während der ‚kleine‘ Bruder Tom mit seiner großen Vorliebe zum Essen zunächst eher karikiert erscheint. Allerdings entwickelt er im Laufe der Handlung mehr Selbstvertrauen und Mut und erweist sich am Ende als der pfiffige Held, der die rätselhaften Vorgänge aufklärt und die Hindernisse beseitigt – für die Zielgruppe unserer Leser könnte er somit durchaus die Identifikationsfigur sein.

Das Buch ist im Hinblick auf Sprachstil, Vokabular und Erzählweise für Acht- und Neunjährige, die eine gewisse Leseflüssigkeit bereits erworben haben, gut geeignet: Die Anzahl der Figuren ist überschaubar, es gibt nur einen zentralen Handlungsstrang und die Geschichte wird chronologisch und auktorial erzählt, wenn man von Prolog und Epilog absieht, die auf eine übergeordnete (nur angedeutete) Rahmenhandlung verweisen. Die Handlung wird überwiegend in Dialogen erzählt und ist stark auf Spannung und Aktionsreichtum angelegt, Sprachstil und Wortschatz sind eher einfach, der Lesbarkeitsindex (LIX) ist mit 30 bis 35 niedrig. Die Illustrationen beschränken sich jedoch auf ganzseitige Abbildungen im Stil von computer-generierten Filmen oder Computerspielen, zwischen denen mal fünf, aber auch zehn oder zwölf reine Textseiten zu finden sind, die nicht weiter grafisch gestaltet wurden. Eine gewisse Vertrautheit mit längeren Texten wird daher von diesem Buch vorausgesetzt; für Leseanfänger*innen und ‚Lesemuffel‘ ist es weniger geeignet.

Die Geschichte bezieht sich auf das Miniatur-Wunderland in der Hamburger Speicherstadt, einem Freizeitpark für Familien mit (unter anderem) der größten Modelleisenbahn der Welt und im Zentrum der fiktiven süddeutschen Stadt Knuffingen. Sie wird alle (Modell-)Eisenbahnfans, Besucher dieser besonderen Attraktion und Liebhaber spannender Geschichten begeistern.

Das vorliegende Buch ist in 13 mittellange (teilweise recht textlastige) Kapitel unterteilt und eignet sich sowohl zum Selberlesen wie auch zum Vorlesen durch Erwachsene, zu Hause oder in der Schule. Die Seiten sind lesefreundlich gestaltet durch einen lockeren Zeilenabstand bei mittelgroßen Schrifttypen und zudem durch ganzseitige oder doppelseitige Illustrationen aufgelockert. 

Im Hinblick auf Themen und Genres ist Das Vermächtnis des Wunderlands vor allem ein unterhaltsames Buch, das nicht unbedingt im Unterricht besprochen werden muss; es kann daher sehr gut in offenen Formaten der Leseförderung eingesetzt werden, etwa in Viellese-Formaten (Lese-Olympiade, freie stille Lesezeiten, unterstützte stille Lesezeiten) oder in Formaten der Leseanimation. Es ist sicher gut geeignet, in Klassenbibliotheken oder Leseecken in der Grundschule angeboten zu werden; im Rahmen von Buchvorstellungen im Deutschunterricht kann dazu etwa ein Poster oder eine Leserolle oder eine Lesekiste gestaltet werden. Sollte ein Klassenausflug in das „Miniatur-Wunderland“ nach Hamburg geplant sein, eignet sich das Buch auch sehr gut als vorbereitende Lektüre zur Einstimmung auf den Besuch; ebenso kann es als spannende Begleitlektüre für eine fächerübergreifende Unterrichtseinheit zur Geschichte der Eisenbahn oder der Mobilität (Sachunterricht, Deutsch, Geschichte, Geographie…) im Unterricht selbst eingesetzt werden.