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Buchcover Andreas Thamm: Wenn man so will, waren es die Aliens

Rezension von Ines Heiser

Aliens an der Nordsee?! Eigentlich hatte Josh den perfekten Plan: Für ein Jahr wollte er im Familienbetrieb Hotelier sein, um anschließend zu entscheiden, ob er wirklich noch Abitur machen soll. Aber dann verschwindet sein Vater, der Senior-Chef, plötzlich spurlos und seine Freunde, die ihm bei der Suche helfen sollen, bringen ungefragt Kia ins Spiel. Und die ist fest davon überzeugt, dass hier Außerirdische ihr Unwesen treiben… Eine ungewöhnliche Coming of Age-Geschichte, die eine humoristisch gebrochene Thriller-Handlung mit ernsten Fragen des Erwachsenwerdens vereinbart.

BuchtitelWenn man so will, waren es die Aliens
AutorAndreas Thamm
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang240 Seiten
VerlagMagellan
ISBN978-3-7348-5050-9
Preis16,00 €

Nun-doch-nicht-Abiturient Josh ist in den Familienbetrieb, ein etwas verschrobenes aber funktionierendes kleines Hotel an der Nordsee eingestiegen. Plötzlich verschwindet der Hotelier, sein Vater Frank. Gemeinsam mit seinen Freunden Fips und Lasse und Klassenkameradin Kia bemüht sich Josh, das Rätsel aufzuklären. Dabei greifen sie zu üblichen Detektivmethoden, indem sie Bekannte befragen und versuchen, Franks letzte bekannte Schritte nachzuvollziehen. Zusätzlich kommen skurrile Investigationselemente vor, wenn Kia paranormale Techniken, die sie sich angelesen hat, umsetzt. Im Verlauf der Untersuchung kristallisiert sich der dramatische Hintergrund der Geschichte heraus: Joshs Mutter verließ die Familie wegen einer Affäre und starb kurz darauf bei einem Verkehrsunfall. Joshs Vater kämpft seitdem mit Depressionen und trinkt zu viel, auch ein Klinikaufenthalt hat daran nichts geändert. 

Schließlich taucht Frank wieder auf: Er hatte sich ganz in der Nähe in einem Wohnmobil aufgehalten, in das er seine gesamten Ersparnisse investiert hat. Offen bleibt, ob er kurz davor stand, einen Suizidversuch zu unternehmen oder ob es ihm nur um eine harmlosere Flucht aus dem Alltag ging.

Das offene Ende deutet eine vorsichtige Rückkehr zur Normalität an: Frank gewöhnt sich im Hotel langsam wieder ein, Josh organisiert den Hotelbetrieb mit Hilfe der Belegschaft und mit Unterstützung Kias, zu der eine Liebesbeziehung entstanden ist. Er überlegt, die Schule doch noch abzuschließen.

„Jungs, jetzt helft mir doch mal, das ist doch wirklich Quatsch alles, Aliens…!“

Lasse hebt nur müde die Hände und lässt sie wieder in den Schoß fallen. Er hat keine Ahnung, er hält sich da raus, er will sich da nicht festlegen.

Fips hingegen wiegt so komisch den Kopf hin und her und sagt dann allen Ernstes: „Ich frage mich vielmehr, warum.“

„Was… was?!“

„Also: Warum nehmen sie einen wie Fränk? Ja wohl kaum, um sich von ihm… äh, zu ernähren oder so, aber besondere Fähigkeiten, die Aliens, die hier wahrscheinlich irgendwie verunglückt sind, nützlich wären, hat er als Hotelier ja auch nicht unbedingt, nehme ich an, außer die wollen ein Alpha-Dings-Motel aufmachen, und da fehlt es ihnen möglicherweise irgendwie noch an Expertenwissen, weil Tourismus bislang eine rein menschliche Erfindung war?“

Er schaut ein bisschen irre in die Runde. „Wisst ihr, was ich meine? Hört sich das irgendwie schlüssig an?“

„Nee“, sagt Kia, und es ist ihr erstes vernünftiges Wort heute, aber dann spricht sie weiter: „Das ist alles ganz egal, Hotel oder Fähigkeiten oder so. Die meisten bekannten außerirdischen Lebensformen können menschliche Emotion ziemlich effektiv in Energie umsetzen. Das ist der einzige Nutzen, den er für sie jetzt hat.“

Ich: „Häh?“

Kia: „Also, na ja, Energie im Sinne von für die Lebensformen selbst, um nach so einer transgalaktischen Reise wieder mobil zu werden, als auch für das Fluggerät, um vielleicht möglichst schnell wieder wegzukommen von hier. Oft ist die Erde auch nur eine Zwischenstation, wo man eben recht einfach… ja, auftanken kann.“

Ich: „Menschliche…?“

Kia: „…Emotion, ja. Das genügt schon, wenn einer krass Angst hat, was ja jetzt nicht unwahrscheinlich ist, wenn man von Aliens entführt wird.“

Ich: „Und dann…?“

Kia: „…saugen die das ab.“

Ich: „What the fuck!“

Und jetzt nicken sie alle drei, die offensichtlich über Nacht den Verstand verloren haben.

„Ich glaube…“, fange ich an, um ihnen zu sagen, dass sie mir anscheinend nicht hilfreich sein können, dass ich dann wohl alleine weitermachen muss, wenn mein Vater morgen immer noch nicht wieder aufgetaucht ist, dass sie sich vielleicht professionelle Hilfe suchen müssten oder dass sie mir wenigsten sagen sollen, dass das alles eine Verarsche ist, aber ich zögere.

(S. 68-69)

Dass ernste Themen auch in einem humoristischen Kontext authentisch und überzeugend dargestellt werden können, zeigt Andreas Thamm in seinem zweiten Jugendroman Wenn man so will, waren es die Aliens.

Der Protagonist Josh schlittert unversehens in eine Lebens- und Identitätskrise: Trotz recht guter Leistungen kann er sich nicht für eine Fortsetzung seiner Schullaufbahn erwärmen. Diese Situation dürfte vielen jungen Leser*innen bekannt vorkommen. Der Einstieg in das Familienhotel scheint sich zuerst als Glücksgriff darzustellen, weil Josh hier ohne formale Qualifikationen und scheinbar ohne Risiko einen anderen Lebensentwurf ausprobieren kann. Das spielerische Hineinschnuppern in die Erwachsenenwelt wird allerdings viel ernster als gedacht, als Josh tatsächlich plötzlich allein die Verantwortung für das Hotel übernehmen muss, weil sein Vater verschwindet. Auch in diesem Zusammenhang setzt sich der reizvolle Wechsel zwischen Ernst und Leichtigkeit mit überraschenden Wendungen fort: Im Eingangskapitel verschwindet zuerst nur der „alte Herr“ – Joshs Hund, der aber schnell wiedergefunden wird, kurz darauf ist dann eben auch Vater Frank nicht mehr aufzufinden und die Suche von Josh und seinen Freunden bewegt sich ebenfalls zwischen realistischen Unternehmungen – etwa der Befragung von Bekannten des Vaters im Tennisclub – und skurrilen Erklärungsansätzen, bei denen nicht nur Aliens, sondern auch Krimi-Elemente ins Spiel kommen. 

Diese bunte Mischung sorgt zum einen für ein unterhaltsames Leseerlebnis: Es bleibt relativ lange unklar, was wirklich mit Frank Vahrenhorst passiert ist und die Handlungsentwicklung bleibt unvorhersehbar, so dass z.B. tatsächlich schwer einzuschätzen ist, ob in der Hotelküche nun Blut oder Borschtsch verspritzt wurde. Zum anderen führt die Konstruktion jedoch auch dazu, dass Joshs durchaus dramatische familiäre Situation angenehm unaufgeregt als eine von vielen möglichen merkwürdigen Erklärungen des Rätsels um das Verschwinden des Vaters präsentiert wird. Die psychische Erkrankung des Vaters erscheint am Ende also gerade nicht als obskurer und furchteinflößender Sonderfall, sondern als eine vergleichsweise normale Ausgangslage, mit der Josh, nachdem er die notwendigen Informationen hat, mit Wissen und Unterstützung seiner Freunde recht gut umgehen kann. Diese Einordnung kann bei jungen Menschen allgemein für mehr Akzeptanz in Bezug auf psychische Erkrankungen beitragen. Sie ist außerdem dazu geeignet, bei Leser*innen, die selbst betroffene Angehörige sind, für Entlastung zu sorgen, indem sie sich bzw. die erkrankten Elternteile nicht als „Aliens“ einschätzen müssen.

Abseits dieser sehr ernsthaften Ebene überzeugt der Roman zusätzlich durch viel Situationskomik, etwa wenn Josh in seiner neuen Funktion als verantwortlicher Hotelier einen Hotelgast dazu bewegen muss, eine lebendige Ziege aus seinem Zimmer zu entfernen oder wenn Fips und Lasse bei Recherchen im Tennisclub einen misslungenen Wasserbombenangriff mit einem wassergefüllten Kondom unternehmen.

Obwohl Skurrilem viel Platz eingeräumt wird, ist der Protagonist Josh sympathisch und authentisch gezeichnet; der eigentlich wenig ambitionierter Durchschnittsschüler übernimmt Verantwortung für sich und seine Familie. Gerade sein Status als „Normalo“ machen Figur und Thematik des Romans besonders zugänglich: Das junge Lesepublikum kann sich im Protagonisten wiederfinden. Es wird deutlich, dass psychische Erkrankungen im Umfeld jede*n betreffen können, ohne dass die angehörige Person dadurch zu einem Freak oder einem Superhelden werden muss. Überforderungen Joshs werden zwar benannt, aber meistens einer pragmatischen Lösung zugeführt und die Nebenfiguren der „Gang“ – Fips, Lasse und Kia – fangen viele Schwierigkeiten auf: Sie unterstützen ganz praktisch den Hotelbetrieb und stehen als Ansprechpartner*innen zur Verfügung, gleichzeitig sorgen ihre Aktionen im Rahmen der Aliensuche für komische Brüche und die Suche nach dem Vater wird so zu einem Abenteuer umgedeutet.

Der eher geringe Umfang des Bandes, der ungewöhnliche Titel und auch der trocken-lakonische Tonfall des Ich-Erzählers Josh machen den Roman auch für weniger geübte Leser*innen attraktiv. Ein mindestens mittleres Maß an Lesekompetenz ist allerdings erforderlich, da nicht nur Josh, sondern auch die übrigen Figuren durch individuelle Sprache charakterisiert werden. Einige wichtige Nebenfiguren zeichnen sich dabei auch durch elaborierte Äußerungen mit komplexer Syntax und ungewöhnlichen Vokabeln aus – dies gilt etwa für Quasselstrippe Fips, oder für Kia, wenn sie aus para-wissenschaftlichen Abhandlungen zitiert. Diese Passagen werden allerdings durchgehend von Josh in seinem schlichteren Ton aufgegriffen, paraphrasiert und kommentiert, so dass ein Verständnis der übergreifenden Zusammenhänge nicht beeinträchtigt wird. Wer sich auf diese überschaubaren Herausforderungen einlässt, wird mit einem originellen Leseerlebnis belohnt, bei dem trotz aller Ernsthaftigkeit auch der vordergründige Spaß nicht zu kurz kommt.

Der Roman eignet sich besonders für Leser*innen mit Spaß an skurrilem Humor. Als Privatlektüre ist er vor allem für Personen geeignet, die ein mindestens mittleres Maß an Lesekompetenz mitbringen, da einzelne Figuren (v.a. Fips, stellenweise auch Kia) über eine elaborierte Sprache charakterisiert werden.

Gut vorstellbar ist auch ein Einsatz als Klassenlektüre bzw. im Rahmen freier Lesezeiten in der Schule: Hier kommen sowohl Mädchen als auch Jungen auf ihre Kosten und der Umgang mit psychischen Erkrankungen in der Familie wird auf eine sensible Weise aufgegriffen, die es erlaubt, diese schwierige Thematik auch in Gruppen zu besprechen, in denen sich möglicherweise persönlich Betroffene befinden. 

In diesem Zusammenhang kann der Roman selbstverständlich auch Bestandteil von thematisch einschlägigen Leseprojekten oder Lesekisten, etwa im Rahmen von familientherapeutischen Angeboten sein.