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Buchempfehlungen

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Buchcover Leslie Connor: Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)

Rezension von Dominik Achtermeier

Die Schwüle des Sommers liegt über der amerikanischen Provinz. Doch der lebensbejahende 13-jährige Mason, der für sein Alter zu groß und zu schwer ist und ständig schwitzt, durchbricht diese Tristesse aus Mobbing, Schicksalsschlägen und der Suche nach der Wahrheit. Der in den Ermittlungen zum Unfalltod seines besten Freundes unter Tatverdacht stehende Sympathieträger findet sie – auch wenn er mit Calvin dafür bis in die dunklen Höhlen von Lascaux vordringen muss. Spannung vorprogrammiert!

BuchtitelDie ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)
AutorLeslie Connor
GenreAbenteuer
Coming of Age
Lesealter12+
Umfang320 Seiten
VerlagHanser
ISBN978-3-446-26802-9
Preis16,00 €

Mason lebt in einer amerikanischen Kleinstadt; für sein Alter ist er zu groß und zu schwer und vor allem schwitzt er – aufgrund einer Schweißdrüsenfehlfunktion – beständig. Und Mason hat noch ein weiteres Problem: Er kann nicht lesen und schreiben. Auch die Apfelplantage, auf der er lebt, verwahrlost zusehends. Denn nicht nur ist seine Mutter vor einigen Jahren gestorben; auch sein bester Freund Benny ist von ihrem Zufluchtsort, einem Baumhaus, abgestürzt und wurde tödlich verletzt. Seitdem möchte der ermittelnde Leutnant von Mason wissen, was passiert ist; immer wieder taucht er auf und versucht zu rekonstruieren, was in den letzten Stunden vor Bennys Tod passiert ist. Mason hat das Gefühl, das Unglück anzuziehen. Doch dann lernt er Calvin kennen: klein, dünn und sehr schlau. Auf der Apfelplantage legen sie gemeinsam einen verborgenen Keller frei. Und vor allem wehren sie sich zusammen gegen die Übergriffe der Klassenkameraden, die sie mit Äpfeln und Bällen bewerfen, mobben und schikanieren. Als bei einer Verfolgungsjagd allerdings Calvin verschwindet, droht sich Bennys Schicksal zu wiederholen. 

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Wenn man nach Äußerlichkeiten geht, dann lassen sich bei Mason Buttle ganz sicher einige Besonderheiten anführen, die den 13-jährigen Jungen aus Merrimack/USA zu einem Außenseiter erklären könnten. Doch diese Oberflächlichkeiten, die die drangsalierende Dorfjugend zum Anlass für Hänseleien und physische Angriffe nimmt, werden dem liebenswerten Antihelden ganz sicher nicht gerecht. Leslie Connor, die für Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt) mit dem ALA Schneider Family Book Award ausgezeichnet wurde und Finalist des National Book Award 2018 war, erschafft mit ihrem titelgebenden Protagonisten eine authentische und positive Figur jenseits aller Trivialität, die – trotz schicksalhafter Erfahrungen in ihrem noch jungen Leben – in den trostlosesten Situationen das Besondere entdeckt; ein Gefühl, welches sich nicht leicht in Worten ausdrücken lässt, sich durchaus aber in den warmen Erdtönen und die Darstellung auf dem Cover wiederspiegelt. Vielleicht kommen die Begriffe Heimeligkeit, Glück und Freiheit diesen Momenten am nächsten. Dem selbständigen Mason fällt es schwer, sein persönliches Alltagsglück mit seiner Familie zu teilen, da der Onkel ebenso wie die Großeltern immer noch am Tod von Masons Mutter leiden und um die Existenz der Apfelplantage kämpfen. Kommunikationsschwierigkeiten wie diese kennen Heranwachsende aus ihrer Alltagswelt ganz sicherlich auch und können sich somit in der erzählten Welt, womöglich sogar in Mason wiederfinden. Der für diese Altersgruppe typische Wunsch nach Ungestörtheit und Rückzugsorten spielt ebenso eine Rolle. Mason findet Zuflucht an entlegenen Orten auf der Farm: im Baumhaus, im Rübenkeller oder in den dunklen Erdgängen von Lascaux, die er einst mit seinem besten Freund Benny erkundete und die er zum Zeitpunkt der Erzählung mit Calvin aufsucht. 

Der Roman, der sich an Elementen des Abenteuer-, Coming of Age- und Kriminalromans bedient, nimmt sich die Zeit, zunächst in Masons Welt einzuführen und in Rückschauen den tödlichen Sturz von Benny, seinem besten Freund, aufzuarbeiten. Auf der Handlungsebene sind es wiederkehrende Situationen (u.a. die sich hinziehenden polizeilichen Ermittlungen in dem Todesfall, die Befragungen mit sich bringen), die Mason und die Leser*innen selbst immer wieder mit den Ereignissen konfrontieren; doch erst die besonders starke Figur der Sozialarbeiterin Miss Blinny, die Mason regelmäßig in ihrem Büro an der Schule aufsucht, schafft es, den kaum lesen und schreiben könnenden Jungen mit Hilfe eines sprachgesteuerten Textprogramms und mit ihrer vertrauensvollen Art zum Erzählen zu bringen. Sie trägt maßgeblich dazu bei, dass sich Mason und mit ihm die zunehmend spannendere Geschichte entwickelt.

Auch die altersgerechte Sprache des Romans ist sehr nah an der Lebenswelt Heranwachsender und zeichnet sich durch wenig komplexe Satzkonstruktionen, eine Dichte an Bildhaftigkeit und kurze Kapitel aus. Der Autorin gelingt es auf diese Weise auch, Stimmungen zu übertragen und den Lesenden einen Tiefblick in die Seele der Figuren zu ermöglichen. Besonders die Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Jungen Mason und Calvin, die gemeinsam Abenteuer erleben – die männliche Leser ganz besonders ansprechen werden – sprüht von Zwischenmenschlichkeit. Calvin Chumsky, der „bloß aus einem Paar Schuhen und einem fluffigen weißen Kopf“ (S. 30) besteht, ist Mason bald so vertraut, dass ihre Kommunikation, ohne große Worte auskommt. Auch die Frauenfiguren Miss Blinny und Masons Großmutter bleiben als starke Nebenfiguren, die eigenständig agieren und mit Stereotypen brechen, im Kopf.

Neben den authentischen, liebevoll gezeichneten Figuren, realitätsnahen Situationen und einer altersgerechten Handlungsführung trägt die personale Erzählweise dazu bei, dass der Roman seine Leser fesselt und durch eingewebte Unterbrechungen – die eingesprochenen Aufzeichnungen Masons heben sich durch eine andere Typographie ab – den Text auflockert. Allerdings ist Mason ein nicht immer zuverlässiger Erzähler. Er hat Schwierigkeiten Abläufe kontinuierlich darzustellen. Doch gerade in seinen Sprachprotokollen, die an Tagebucheinträge erinnern, spricht er förmlich mit den Leser*innen und verrät ihnen einerseits so manches Geheimnis, welches die Aufklärungsarbeit mal mehr, mal weniger voranbringt, und andererseits im finalen Showdown Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt). Auch die Textlänge von über 300 Seiten trägt schließlich dazu bei, die Lektüre besonders geübteren Leser*innen zu empfehlen.

Der Roman eignet sich sowohl als private wie freie Lektüre im schulischen Kontext als auch für den Einsatz als Klassenlektüre. Die Bildhaftigkeit des Textes lädt dazu ein, handlungstragende Figuren, Räume und Ereignisse nicht nur in der privaten Lektüre vor dem inneren Auge entstehen zu lassen, sondern sich über diese Bilder und Leseerfahrungen im Rahmen literarischer Anschlusskommunikation auszutauschen. Im medienintegrativen Literaturunterricht kann gleichzeitig das Hörbuch Einsatz finden und u.a. dazu dienen, das Lesen des gesamten Romans mit über 300 Seiten zu entlasten. Handlungs- und produktionsorientierte Formate könnten sich auf Masons Schilderungen innerhalb seiner Aufzeichnungen fokussieren. Es bietet sich im Rahmen des Unterrichts an, selbst in die Rolle des*der Ermittler*in zu schlüpfen und die Vorkommnisse anhand von Masons Sprachprotokollen zu rekonstruieren oder die in der Vergangenheit spielenden Handlungen zu illustrieren und diese gestalteten Vorlagen (etwa in Form von Storyboards) zu verfilmen.