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Buchcover Martin Dolejš: Im Land der weißen Schokolade

Rezension von Nicola König

Tschechoslowakei 1980, ein roter Fiat, eine waghalsige Flucht und viel Hoffnung: Martin ist 12, als er zusammen mit seinen Eltern in den Westen flieht, den Sozialismus, die Staatssicherheit und seine erste Liebe hinter sich lässt, um im Land der Verheißungen, in dem es endlich unbegrenzt weiße Schokolade gibt, zu leben. Aber die Flucht verläuft alles andere als glatt und im Westen fließt nicht nur Schokolade…

BuchtitelIm Land der weißen Schokolade
AutorMartin Dolejš
GenreGegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter12+
Umfang256 Seiten
VerlagMagellan
ISBN978-3-7348-5054-7
Preis15,00 €

Martin ist zwölf Jahre alt, als seine Eltern beschließen, mit ihm aus der Tschechoslowakei in den Westen zu flüchten. Doch dieser Schritt bedeutet nicht nur, ein restriktives politisches System hinter sich zu lassen, sondern auch die Heimat, Freunde und Gewohnheiten. Als die Familie 1980 die waghalsige Flucht in den Westen unternimmt, liegt ein Jahr intensiver Planung hinter ihr: Während die Eltern die Flucht vorbereiten, verliebt sich Martin in die Pionierleiterin Ivanka und blickt somit verändert auf sein Leben, das nicht mehr so grau wie zuvor erscheint. Er ist zwischen den sozialistischen Idealen, die ihm in der Schule und vor allem von Ivanka nahegebracht werden (sollen), und dem Traum von der Freiheit und den verheißungsvollen Konsumgütern des Westens zerrissen. Zudem plagen ihn Ängste vor der Staatssicherheit. 

Auf der Flucht über Belgrad gibt es dann zahlreiche Probleme zu lösen, bis die Familie endlich in Österreich ankommt. Beim letzten Grenzübertritt nach Westdeutschland kommt es zu einem Zwischenfall mit der Polizei, die Martins Eltern verhaftet. Der zurückgelassene Martin wird vom bestellten Schlepper allein mitgenommen und muss eine Weile bei einer fremden Familie in einem fremden Land in Unsicherheit leben, bis es endlich auch seine Eltern in die BRD schaffen.

Das Besondere des Romans ist, dass er sich eines Stücks Zeitgeschichte annimmt, die für viele Heranwachsende in weiter Ferne liegen dürfte. Während die Auflösung der DDR und der Fall der Mauer regelmäßig in KJL verhandelt werden, spielen die Geschehnisse und vor allem der Alltag in den angrenzenden Ostblockstaaten nur selten eine Rolle. 

Die Handlung steigt unmittelbar am kritischsten Punkt der Flucht ein und bietet somit eine spannungsreiche Vorausschau auf die kommenden Ereignisse. Nach den ersten beiden Kapiteln wird die Handlung von Anfang an chronologisch aus der Ich-Perspektive Martins erzählt; dies erleichtert den Lesenden, Martin und seinen Alltag in einem kommunistischen Land kennenzulernen und die historischen Ereignisse zu erfahren. Aus der Perspektive eines Heranwachsenden versucht dieser, das System und seine Einschränkungen zu verstehen: Er orientiert sich an der Meinung des Vaters und nimmt gleichzeitig – vorangetrieben durch seine Gefühle für die Pionierverantwortliche Ivanka – erste eigene Einschätzungen vor.

Im Zentrum des Romans steht die Flucht, die nicht nur Martin, sondern auch seine Eltern vor neue Herausforderungen stellt. Dolejš zeigt dies eindrucksvoll und vor allem auch unterhaltsam, indem er die Familie auf der Reise durch die unterschiedlichen Länder immer wieder wortmalerisch mit verschiedenen Sprachen und Sitten konfrontiert, die diese nicht versteht. Dies sorgt für komische Passagen, behindert aber nicht das Verständnis; dies betrifft auch die Wörter aus dem Tschechischen, die sich gut aus dem Kontext erschließen lassen. 

Mit Martin hat der Autor einen Protagonisten komponiert, der zwar liebend gern weiße Schokolade isst und die Beatles hört, der aber durchaus fragend und auch ängstlich seiner Zukunft im Westen entgegenblickt. Damit schafft der Autor die Basis für eine differenzierte, authentische und sensible Auseinandersetzung mit einem Stück Zeitgeschichte.

Vor allen für Leser*innen, die sich für Fragen der Zeitgeschichte interessieren und die bei der Lektüre eines Romans Informationen über historische Gegebenheiten erlangen möchten, ist der Roman zu empfehlen. Die zurückhaltend gestaltetet Hauptfigur, die gleichermaßen neugierig wie zurückhaltend auf die Veränderungen der Flucht reagiert, bietet unterschiedlichen Rezipient*innen Identifikationsmöglichkeiten. Die authentische Schilderung der Lebensumstände im Ostblock und die Flucht in den Westen schafft dabei zahlreiche Redeanlässe, die sowohl im Rahmen einer privaten als auch einer schulischen Lektüre aufgenommen werden können.  Aufgrund der übersichtlichen Kapitellänge (in der Regel weniger als zehn Seiten), der chronologischen Handlungsführung und der einheitlichen Ich-Perspektive sollte es Leser*innen leichtfallen, einen Einstieg in die Handlung zu finden. 

Im Unterricht bietet es sich an, die historischen Ereignisse explizit zu thematisieren: Hintergrundinformationen beispielsweise zur STASI, aber auch zur Spartakiade erleichtern ein Verständnis und erlauben, die Motive der Flucht noch besser nachzuvollziehen. Auch die Begegnung der Familie mit fremden Sprachen im Ausland – so bestellt der Vater in der Eisdiele die unaussprechlichen Eissorten „Afftaedd“ und „Strdscha Dalla“ – bietet Anlass, über Konstruktionsmechanismen von Sprache und kulturelle Eigenheiten zu reflektieren.