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Buchcover Christian Tielmann: Die Piraten vom Dach

Rezension von Thorsten Hadeler

Am Morgen nach einer heftigen Sturmnacht entdeckt Robert vor seinem Dachfenster drei winzig kleine Piraten, die mit ihrem ebenso kleinen Schiff vom Wind in der Dachrinne seines Hauses abgesetzt wurden. Zunächst ist Robert ziemlich erschrocken und verdrückt sich lieber erst einmal in die Schule. Aber die drei Piraten sind hungrig und rücken ihm am Nachmittag auf die Pelle...

BuchtitelDie Piraten vom Dach
AutorChristian Tielmann; mit Illustrationen von Daniel Ernle
GenreAbenteuer
Umfang81 Seiten
Edition1. Auflage 2010
VerlagCarlsen Verlag, Hamburg
ISBN978-3-551-65153-2
Preis7,95 € (D), 8,20 € (A)

Am Morgen nach einer heftigen Sturmnacht entdeckt Robert vor seinem Dachfenster drei winzig kleine Piraten, die mit ihrem ebenso kleinen Schiff vom Wind in der Dachrinne seines Hauses abgesetzt wurden. Zunächst ist Robert ziemlich erschrocken und verdrückt sich lieber erst einmal in die Schule. Aber die drei Piraten sind hungrig und rücken ihm am Nachmittag auf die Pelle. Vor allem der Anführer der drei, Kapitän Johann van de Veilchen, der kleinste Pirat der Welt mit der größten Klappe, bringt Robert dann immer wieder in witzige, aber auch brenzlige Situationen, denn Robert muss darauf achten, dass die drei nicht von den Erwachsenen entdeckt werden. Und so sind einige kleine Abenteuer zu bestehen, bis er den drei Piraten endlich ein neues Schiff beschaffen kann und sie sich auf dem Fluss, der durch Roberts Heimatstadt fließt, wieder auf dem Weg zu den sieben Weltmeeren machen.

Seit die Autorin Patricia Schröder in Zusammenarbeit mit dem Verlag cbj die Reihe "Erst ich ein Stück, dann du" entwickelt hat, ist dieses Konzept von anderen Verlagen gerne kopiert worden. Bei Carlsen heißt die entsprechende Reihe "Zu zweit leichter lesen lernen". Die Idee ist, dass ein fortgeschrittener Leser, also in der Regel ein Erwachsener, und ein Erstleser ein Buch gemeinsam lesen, der Erwachsene einen längeren Text auf der einen Buchseite, das Kind einen kurzen Text auf der gegenüber liegenden Seite.

Solche Bücher haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber den klassischen Erstleserbüchern: Sie können zum einen wie diese allen sprachlichen und formalen Anforderungen an Erstleserliteratur gerecht werden. Im Unterschied zu dieser müssen sie sich aber nicht in der Textmenge beschränken und haben also viel ausführlichere Möglichkeiten, eine spannende oder witzige Geschichte zu erzählen.

Diese Möglichkeiten nutzt auch Christian Tielmann in "Die Piraten vom Dach". Seine "rechten Seiten" entsprechen dem, was Leseanfängern den Einstieg ins Lesen erleichtern und damit Spaß am Lesen schaffen soll: höchstens fünf bis sechs sehr kurze Zeilen in serifenloser Schrift, längere Wörter sind durch Bindestriche, die den Überblick erleichtern, geteilt (Dach-Rinne), und die sehr schönen, witzigen und ausdrucksstarken Illustrationen von Daniel Ernle erleichtern das Vorverständnis. Nur beim Satzbau muss man sich fragen, ob der Autor nicht vielleicht etwas übertreibt, wenn er einen Nebensatz, statt ihn mit einem Komma abzutrennen, in einen dann unvollständigen Hauptsatz umwandelt, wohl in dem Bemühen, mit kürzeren Sätzen den Lesefluss zu erleichtern. Korrektes Deutsch wird sich so bei den Kleinen nicht einüben.

Die Möglichkeiten, die sich durch die größere Textmenge auf den linken Seiten für die Erwachsenen ergeben, nutzt Christian Tielmann nun zum Erzählen einer sehr schönen Geschichte. Es gelingt ihm wunderbar, Spannung dadurch aufzubauen, dass die kleine Piraten natürlich nicht von den Erwachsenen entdeckt werden dürfen, denn in der Welt der Erwachsenen wäre so etwas wie ein daumengroßer Mensch schließlich Anlass zu großer Besorgnis. So kann so etwas Einfaches wie das unangekündigte Eintreten von Rolands Mutter in sein Zimmer plötzlich zu etwas sehr Gefährlichem werden. Und wenn die drei Piraten dann in Roberts Schule hinter dem Rücken der Lehrerin durchs Klassenzimmer schleichen, um ihn vom Nachsitzen zu befreien, mag ein junger Leser schon mal den Atem anhalten.

Diese Spannung wechselt Christian Tielmann sehr gelungen mit einer gehörigen Prise Humor ab. Komik erzeugt er dabei meist aus dem Kontrastieren der Erwartungen des Lesers mit dem, was wirklich geschieht. Wenn ein Däumling wie Käpten van den Veilchen (allein der Name!) einem "Riesen" wie Robert gegenübersteht, sollte man meinen, dass er Angst hat und sich vorsieht. Das Gegenteil ist der Fall: Er knallt Robert mit seiner Riesenklappe einige freche Bemerkungen hin und ist drauf und dran, ihn mit seinem zahnstochergroßen Degen in den Zeh zu pieksen.

Hier erkennt man auch eine Besonderheit dieser Geschichte. Normalerweise ist es in Abenteuerbüchern ja so, dass der Protagonist auf eine Reise geht und ein Abenteuer erlebt. Die Identifikationsfigur für die Leser von "Die Piraten vom Dach" ist aber der Junge Robert, der zu Hause unerwartet in das Abenteuer anderer hineingezogen wird. Die Abenteurer sind hier vielmehr die Piraten, die vom Sturm in die Fremde verschlagen werden und dort Gefahren bestehen müssen. Für den jungen Leser, der sich mit Robert identifiziert, bedeutet dies: Auch zu Hause kann ich spannende Abenteuer erleben.

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