Buchcover Wieland Freund: Krakonos

Der zehnjährige Levi und der dreizehnjährige Nik sind Brüder. Sie leben in der Academy der...

Rezension von Eva Maus

Als die Brüder Nik und Levi auf dem futuristischen Firmengelände der Firma Qwip.com dem mythischen Zeitlosen Krakonos begegnen, beginnt für sie ein aufregender Road Trip quer durch Deutschland und heraus aus der Zivilisation. Denn Krakonos wird vom schwer bewaffneten M-SEK gejagt, in dessen Fadenkreuz versehentlich auch die Jungen geraten. Im Spannungsfeld zwischen High-Tech-Welt und urwüchsiger Natur lässt sich kurzweilig-spannender Lese-Spaß genauso mühelos finden wie Stoff zum Nachdenken.

BuchtitelKrakonos
AutorWieland Freund (mit Illustrationen von Hans Baltzer)
GenreFantasy
Lesealter12+
Umfang292
VerlagBeltz & Gelberg
ISBN9783407823229
Preis14,95
Erscheinungsjahr2017

Der zehnjährige Levi und der dreizehnjährige Nik sind Brüder. Sie leben in der Academy der Internetfirma Qwip.com, für die ihre Eltern arbeiten. Dort findet auch der Schulunterricht und die Freizeit der Kinder statt. Levi fühlt sich in der futuristischen Umgebung jedoch unwohl und interessiert sich ausschließlich für die Natur, besonders für Tiere. Bei einem ihrer geheimen, nächtlichen Ausflüge auf dem abgeschotteten Firmengelände begegnet ihnen ein innerirdischer Zeitloser: Krakonos, der von den Menschen auch Rübezahl genannt wird. Er kann seine Gestalt wandeln, das Wetter beeinflussen und er wird vom M-SEK verfolgt. Die Geheimeinheit will ihn um jeden Preis stoppen, möglichst töten. Durch ein Missverständnis halten die Bewaffneten allerdings Levi für ihr Zielobjekt und Krakonos nimmt die Brüder auf seiner Flucht mit, um sie zu schützen. Sein Ziel ist es, einen mythischen Eingang in die Erde zu finden, durch den er wieder zu seinem Volk zurückkehren kann. Während Levi auf der Flucht wilde Natur erleben darf und eine starke Bindung zu dem Zeitlosen aufbaut, bleibt Nik misstrauisch.

Emma, eine Studentin der Mythobiologie, hatte eigentlich die Aufgabe, Krakonos‘ Schlaf zu überwachen und wird von seinem Aufbruch überrumpelt. Widerwillig muss sie seine Verfolgung durch das M-SEK beobachten und macht sich Sorgen um ihren Schützling, den sie als intelligent und gutwillig einschätzt, während seine Verfolger einen skrupellosen Geiselnehmer in ihm sehen. Schließlich versucht sie im Geheimen dem Zeitlosen und den Brüdern zu helfen. Als sie dabei ertappt wird, nutzt das M-SEK die Verbindung, um den Fliehenden eine Falle zu stellen. Die Verfolgungsjagd quer durch Deutschland endet auf Rügen, wo das M-SEK vor einem Eingang ins Unterirdische auf Krakonos wartet.

Eine Leseprobe kann auf der Verlagsseite eingesehen werden.

Krakonos, Riebe oder Rübezahl sind nur drei der zahllosen Namen, die der zeitlose Innerirdische von den Menschen bekommen hat und genauso wenig zu fassen ist seine Persönlichkeit, die sich im Laufe der Handlung als herzlich, freundlich und besonnen herausstellt, aber trotzdem so gar nicht menschlich erscheint. Wieland Freund gelingt die Beschreibung dieses mythischen Wesens so gut, dass sie in der realistischen Welt, in der die Brüder Nik und Levi leben, zwar als Fremdkörper auffällt, aber glaubwürdig erscheint. Dazu trägt auch bei, dass er eine Wissenschaft, die Mythobiologie, und das M-SEK als geheime Institutionen mit eigenen Regeln entwirft, die sich überzeugend in die Realität einfügen. Ganz nebenbei erfährt der Leser auch noch einiges über alte Rübezahl-Geschichten. Bei fehlendem Interesse für oder Kenntnis von diesen Legenden wird die Lesefreude aber nicht getrübt.

Der Autor bedient sich einer relativ einfachen, aber trotzdem schönen Sprache. Die Schrift ist recht groß und die Kapitel kurz, so dass auch ungeübtere Leser nicht überfordert werden. Levi und Nik sind zwei starke und sympathische Helden. Vor allem Nik, der sich für seinen kleinen Bruder verantwortlich fühlt, selbstständige Entscheidungen trifft, mutig ist, aber auch Zweifel kennt, eignet sich bestens als Identifikationsfigur. Krakonos nimmt die beiden und den Leser auf einen spannenden Road Trip mit. Zwischen etwas Action und viel Spannung ist das Buch erstaunlich schnell durchgelesen, obwohl so viel Handlung erzählt wird. Schade nur, dass das Cover nicht so ganz zu dem tollen Buch passen will.

Neben der Tatsache, dass „Krakonos“ auch für weniger geübte Leser schnell zu bewältigen ist und der Roman durch seinen gelungenen Spannungsbogen zum Weiterlesen einlädt, bietet der Text auch eine weitere Ebene, die mitgelesen werden kann – aber nicht muss. Sie ergibt sich aus dem Aufeinandertreffen zweier äußerst unterschiedlicher Welten: Nik und Levi wachsen in einer hochtechnisierten Welt auf, die nach Desinfektionsmittel riecht, in der es selbstfahrende Taxis auf dem Firmengelände gibt und hippe Karrieremenschen vegane Smoothies trinken. Levi fühlt sich in dieser Welt allerdings nicht wohl und versucht ihr zu entfliehen, indem er auf dem gesicherten Firmengelände nach Natur zu sucht. Mit seiner Faszination für Tiere zieht es ihn in Krakonos‘ Welt. Als die Brüder mit ihm gemeinsam zunächst durch Kleinstädte und schließlich mitten im Wald unterwegs sind, genießt er die Vielzahl an Gerüchen, unkontrollierten Spaß und ungefilterte Sinneseindrücken. Er wird aber auch mit dem Tod konfrontiert, der ihm begegnet, als ein Hundewelpe stirbt. Nik steht zwischen diesen Welten und auch der Leser wird zwar mit dem Reiz der Natur bekannt gemacht, aber nicht zur Abneigung von Technik gedrängt - wenn auch einige sarkastische Bemerkungen der Kinder, die Doppelmoral der Mitarbeiter von Qwip.com bloßstellen. Trotzdem animiert „Krakonos“ eher zum Nachdenken, als das es fertige Antworten liefert.

Wer Spannung, Action und starke Protagonisten mag, dem sei dieses Buch empfohlen. Für alle, die außerdem noch Freude an Legenden, Anspruch oder Stoff zum Nachdenken haben, ist dieses Buch ein Muss! 

Als private Lektüre eignet sich „Krakonos“ auch für Leser, die noch etwas ungeübter mit längeren Texten sind, da es ihnen sowohl auf der Eben der Sprache, der Handlung als auch der Gestaltung entgegenkommt.

Da sich um Krakonos (oder Rübezahl) als Berggeist des Riesengebirges tatsächlich zahlreiche Märchen und Mythen ranken, bietet sich das Buch auch dazu an, Anreize für die Beschäftigung mit oder die Recherche zu diesen Geschichten zu geben. Auch als begleitendes, freies Angebot in einer Unterrichtseinheit zu den Märchen um Rübezahl kann „Krakonos“ wunderbar eingesetzt werden. Die Verwendung des Buches als Klassenlektüre oder als freie Lektüre im schulischen Kontext bietet sich zudem an, weil es neben den größtenteils männlichen Hauptfiguren auch eine weibliche gibt und die angesprochenen Themen nicht als stereotyp männlich oder weiblich angesehen werden, so dass die Lektüre für Schüler und Schülerinnen gleichermaßen attraktiv ist.

Die Gegenüberstellung von Natur und Technik ist zudem ein wertvoller Ausgangspunkt für Reflektionen zum aktuellen allgemeinen oder auch individuellen Umgang mit Technik sowie zukünftigen Möglichkeiten und Perspektiven in diesem Zusammenhang. Da den Brüdern und ihrem mythischen Begleiter ohne Niks heimlich mitgenommenes Smartphone die Flucht nicht gelungen wäre und die geschilderten, technischen Möglichkeiten insgesamt faszinierend sein können, gleichzeitig die Natur und das damit verbundene ungestörte Leben im jetzt und hier aber als etwas sehr Schönes und für Levi Lebensnotwendiges dargestellt wird, nimmt „Krakonos“ keine Antworten vorweg und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für interessante Anschlusskommunikationen. Der Bezug auf die Lebenswelt der Schüler ist dabei zwar sehr klar vorhanden, da auch sie sich täglich mit moderner Technik beschäftigen, kann aber auch mit einem distanzierten, verallgemeinernden Blick betrachtet werden, so dass Jungen auch methodisch nicht abgeschreckt werden, weil unter Umständen zu viel ‚Inneres‘ von ihnen abgefragt wird.  Die Tatsache, dass diese Themen hier nicht in ein problemorientiertes Buch gefasst sind, sondern innerhalb einer spannenden und fantastischen Geschichte nur am Rande vorkommen, kann die Akzeptanz der Lektüre der Schüler und Schülerinnen dabei deutlich erhöhen.