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Buchempfehlungen

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Buchcover Christoph Scheuring: Echt

Rezension von Katharina Nennstiel

Der sechszehnjährige Albert hat ein ungewöhnliches Hobby – er fotografiert Abschiede am Hamburger Hauptbahnhof. Täglich treibt er sich an den Bahnsteigen rum und befindet sich auf der Jagd nach, den in seinen Augen, „perfekten Augenblicken“. Genau durch diesen Zeitvertreib lernt er Kati kennen, ein Mädchen mit Eulen-Augen und Hooligan-Händen, die sich sehr für seine Fotos interessiert. Besonders ein Bild hat Katis Interesse geweckt und sie setzt sich die Idee in den Kopf, der wahren Geschichte hinter dieser Abschiedsszene auf die Spur zu kommen...

BuchtitelEcht
AutorChristoph Scheuring
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang255 Seiten
Edition2014
VerlagMagellan Verlag
ISBN978-3-7348-5001-1
Preis14,95 €

Der sechszehnjährige Albert hat ein ungewöhnliches Hobby – er fotografiert Abschiede am Hamburger Hauptbahnhof. Täglich treibt er sich an den Bahnsteigen rum und befindet sich auf der Jagd nach, den in seinen Augen, „perfekten Augenblicken“. Genau durch diesen Zeitvertreib lernt er Kati kennen, ein Mädchen mit Eulen-Augen und Hooligan-Händen, die sich sehr für seine Fotos interessiert. Besonders ein Bild hat Katis Interesse geweckt und sie setzt sich die Idee in den Kopf, der wahren Geschichte hinter dieser Abschiedsszene auf die Spur zu kommen. Albert schließt sich ihr an und gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach dem Pärchen auf dem Foto. Mit der Zeit kommt heraus, dass das Mädchen auf dem Bild Katis Schwester ist und die Suche verwandelt sich mehr und mehr in eine abenteuerliche Reise in Katis Vergangenheit. Nach und nach lernt Albert Kati und ihren Freundeskreis besser kennen und bekommt einen Einblick in das Leben auf der Straße. Drogenmissbrauch, Diebstahl und Prostitution sind nichts Ungewöhnliches und mitten drin befindet sich plötzlich Albert, der sich zu ersten Mal in solchen Kreisen bewegt. Er fängt an die Schule zu schwänzen, beteiligt sich an einem nächtlichen Einbruch in einen Fahrradladen und beginnt das Leben der Jugendlichen am Bahnhof auch auf Bildern festzuhalten. Alberts Vater, ein ambitionierter Mathematiker, ist nicht begeistert von Alberts neuem Umfeld, setzt ihm jedoch keinerlei Grenzen und auch der verhängte Hausarrest ist vom Vater am nächsten Tag schnell vergessen. Alberts Mutter beschäftigt sich mehr mit ihrem neuem Freund als mit ihrem Sohn und reagiert erschrocken und überbehütend, als sie durch Zufall Wind von Alberts Lebenswandel bekommt. Dieser bleibt jedoch seinem eingeschlagenen Weg treu, sammelt aller Hand neue Erfahrungen, erlebt Höhen und Tiefen und schlägt sich Tapfer in seiner ersten Liebesbeziehung mit Kati, die zahlreiche Konsequenzen mit sich trägt.

Zu Hause hab ich dann erst mal das Foto von Katis Schwester und ihrem Typen bei Facebook eingestellt und darunter geschrieben: >> Wer kennt diesen Mann? Bitte teilt das Bild mit euren Freunden. Jeder Hinweis ist wichtig. Es geht um Leben und Tod. <<
Den letzten Satz hab ich dann aber wieder gestrichen und geschrieben: >> Helft mir, die große Liebe zu finden. <<
Ich hatte nur zweiundfünfzig Facebook-Freunde zu dieser Zeit, und ehrlich gesagt gab es in meiner Klasse keinen, der noch weniger hatte, aber das Bild verbreitete sich trotzdem wie die Grippe. Nach einem Tag war es schon 1.027-mal geteilt. Darunter standen dann Kommentare wie: >> Alter, bist du jetzt schwul oder was? << Oder: >> Wir groß brauchst du’s denn? Meiner ist 22 cm. << Ein echter Hinweis war nicht darunter.
Am Abend bin ich mit meinem Foto dann wieder zum Bahnhof gefahren, um Sascha zu suchen. War diesmal zum Glück nicht so ein Akt, weil ich ihm schon auf dem Vorplatz direkt in die Arme lief.
Er wirkte nicht so nervös auf Entzug wie in der Bürohausruine und nicht so breit wie auf dem Parkdeck, sondern irgendwie ganz normal. Gesund und sportlich. Er trug wieder seine weißen Klamotten und hatte geföhnte Haare und knabberte an einer Minipizza herum. Die gab’s hier für zwei Euro sechzig direkt am Eingang, neben dem Reisezentrum.
>> Ich muss dich sprechen << sagte ich. >> Bist du wieder frisch im Kopf? <<
(S. 151-152)

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Albert hat bis zu Beginn des Romans das Leben eines Vorzeigekindes geführt. Obwohl er ein Scheidungskind ist, hat er seine Eltern nie enttäuscht, war immer brav und hat „in [seinem] ganzen Leben noch nicht einmal einen Lutscher geklaut“(S.1). Die alterstypische Normabgrenzung beginnt an dem Tag als er zufällig ein Foto von Kati am Bahnhof macht und so dieses Mädchen mit komplett gegensätzlichen Werten und Vorstellungen kennenlernt. Albert findet Interesse an ihr und versucht sich in ihren bestehenden Freundeskreis, der sich hauptsächlich in der Bahnhofsgegend aufhält, einzufügen. Seine Solidaritäts-Bemühungen wollen zunächst nicht gelingen, Albert lässt sich ausnutzen, verleiht Geld, das er nie wieder sieht und steht außen vor. Immer wieder versuchen die anderen Albert zu provozieren und ihn zu illegalen Machenschaften zu animieren („Bist du echt so ‘ne Flasche?“ S.45). Doch Albert begegnet den Provokationen mit einer unbefangenen Naivität und bleibt seinem eigenen Charakter treu. Diese Treue weist auf seinen alternativen Lebensentwurf hin, der sich ganz auf seine eigenen Erfahrungen, Meinungen und Vorstellungen berufen zu scheint. Ungewöhnlich reif für sein Alter, versucht er nicht die Lebenseinstellung von seinem neuen Umfeld zu übernehmen, um sich ganz von seinen Eltern abzugrenzen, sondern lässt sich offen auf alle neuen Erfahrungen ein, bleibt dabei aber ganz der Hobbyfotograph, der er nun mal ist. Diese Einstellung und das Interesse, das er von Kati bekommt, verhelfen ihm dazu, in der neuen Clique schließlich anerkannt zu werden. Er taucht immer mehr in das Bahnhofsleben ein und sein Kommunikations-Verhalten fokussiert sich auf die neuen Bekanntschaften und Kati. Trotzdem färbt der Umgang der anderen Jugendlichen nur in Maßen auf ihn ab, er drückt sich immer noch gewählt aus und unterscheidet sich sprachlich bis zum Ende des Romans deutlich vom vulgären Stil der Clique. Albert entwickelt keine Verweigerungshaltung gegenüber anderer Werte und Normen, da es nicht nötig scheint, um seinen Lebensentwurf durchzusetzen. Sogar als Albert sich auf kriminelle Machenschaften einlässt und von der Polizei nach Hause gebracht wird, lässt sich sein Vater leicht abspeisen „Papa, es war nur ein Missverständnis. Da gibt’s wirklich nichts, über das du dich sorgen musst.“ (S.101) So gibt es für Albert keinen Anlass zu rebellieren, er hat alle Freiheiten aber auch keine Unterstützung für seinen eigenen Weg.

Verstehen durch Erzählen
Umso erstaunlicher ist es, dass Albert, dessen mentale Ausgangslage ihn eher als in sich gekehrt, unsicher und vielleicht ein wenig naiv charakterisiert, seinen eigenen Weg selbstständig so gut meistert. Er wird selbstbewusster, was sich auch in seiner Selbstwahrnehmung widerspiegelt. Bei seinem ersten Treffen mit Kati sah Albert sich selber immer noch so, wie er als Kind war, mit einer „Brust, die so mickrig war, dass man [ihn] quer durch einen Briefkastenschlitz hätte schieben können.“ (S.29). Gegen Ende des Romans, schafft er es sich realistisch einzuschätzen. Obwohl er daran zweifelt, ob er Kati beschützen kann, lässt er sich trotzdem auf den Versuch ein und sein erreichtes Verständnisniveau spiegelt sich darin wider: „ wenn mir überhaupt irgendwas klar war in meinem Leben, dann das: Egal, was passiert, [Katis] Hand lässt du nie wieder los.“ (S. 255)

Buchcharakter
Das Cover ist genauso echt wie der Titel. Schlicht und authentisch aus grauer, dicker Pappe beschränkt es sich auf Wesentliches, sticht aber durch den roten Einband ins Auge. Dieses Cover ist genauso unbeschrieben und gleichzeitig so robust wie Alberts Charakter im Laufe der Erzählung. Die Kapitellänge ist sehr leserfreundlich und variiert zwischen fünf und zehn Seiten, ähnlich wie die sprachliche Komplexität, welche gering ist und ebenso zu einem komfortablen Lesen beiträgt. Insgesamt ermöglicht die Verständlichkeit von Scheurings Roman einen Einblick in eine Jugendsubkultur, der eingängiger und mitreißender kaum hätte dargestellt werden können.

Zusammenfassende Bewertung und Fazit

Scheuring erweist dem Titel seines Romans alle Ehre. Es gelingt ihm, den Leser authentisch und ungekünstelt in die Geschichte zu verwickeln und selbst unglaubliche Geschehnisse wirken „echt“. In diesem Roman verbinden sich Gegensätze aller Art: soziokulturelle zwischen Albert und den anderen Jugendlichen, sowie interpersonale, die in Albert selbst durch Kati hervorgerufen werden. Der Leser erhält die Möglichkeit am puren Leben teilzuhaben, „voller Glück, voller Verzweiflung und intensiver als jeder Abschied“, so wie es der Klappentext bereits andeutet.

Echt eignet sich als individuelle Heim- oder schulische Gruppenlektüre und bietet Potential für interdisziplinäre Unterrichtsprojekte für die Fächer Kunst und Literatur.