Buchcover Marie-Aude Murail: Ich Tarzan – du Nickless!

Die Sommerferien verbringen Jean-Charles und seine Familie auf einem Campingplatz in Deutschland....

Rezension von Angelika Rothemund

Die Sommerferien verbringen Jean-Charles und seine Familie auf einem Campingplatz in Deutschland. Für Jean-Charles‘ Papa steht im Urlaub aber nicht das Baden im Meer, sondern insbesondere das „Baden in der deutschen Sprache“ im Mittelpunkt...

BuchtitelIch Tarzan – du Nickless!
AutorMarie-Aude Murail (aus dem Französischen übersetzt von Paula Peretti)
GenreHumor & Comedy
Comedy
Lesealter8+
Umfang56 Seiten
Edition2. Auflage, 2012
VerlagMoritz Verlag, Frankfurt am Main
ISBN978-3-89565-227-1
PreisEUR 9.95

Die Sommerferien verbringen Jean-Charles und seine Familie auf einem Campingplatz in Deutschland. Für Jean-Charles‘ Papa steht im Urlaub aber nicht das Baden im Meer, sondern insbesondere das „Baden in der deutschen Sprache“ im Mittelpunkt.
Denn um im Leben erfolgreich zu sein, bedarf es der Kenntnis von Fremdsprachen.
So beschließt der Vater, dass Jean-Charles einen deutschen Jungen kennen lernen, sich mit diesem anfreunden und die deutsche Sprache erlernen soll.
Als ein blonder Junge und seine Mutter am Zelt der französischen Familie vorbeilaufen, heißt es für Jean-Charles notgedrungen den Plan des Vaters in die Tat umzusetzen.
Da für Jean-Charles selbst aber an erster Stelle der Spaß steht und gerade nicht das Erlernen von Fremdsprachen oder die Auseinandersetzung mit dem unliebsamen Ferienarbeitsheft, gelingt es ihm mit Witz und Charme die Sprachbarriere zu dem blonden Jungen zu überwinden, ohne sich den Idealvorstellungen des Vaters zu beugen.
In selbst erfundener Sprache wird aus Jean-Charles „Ichtazan“, aus dem Zelt ein „Schrappatt“ und dem Baum ein „Traboim“.
Während der blonde Junge „Nickless“ davon überzeugt ist, mit diesen Wörtern Französisch zu lernen, erzählt Ichtazan seinen Eltern, dass Nickless Holländer sei und er sich nun eifrig in der holländischen Sprache übe.
Der Ehrgeiz des Vaters ist damit aber keineswegs gestillt. Vielmehr ist es nun Ichtazans Aufgabe, jeden Tag zehn neue Wörter zu lernen. Ganze Themenlisten, von Anziehsachen über Nahrungsmittel bis hin zu Zahlen, muss er sich nun ausdenken!
Welch brenzlige Situationen sich ergeben, als auch die beiden Elternpaare untereinander versuchen in „Französisch“ beziehungsweise „Holländisch“ zu kommunizieren, wie Ichtazan diese Probleme löst und durch seine „Fremdsprachenkenntnisse“ sogar zum Helden der beiden Familien wird, erzählt dieses Kinderbuch.

Nach zehn Minuten hatte ich vergessen, dass ich eigentlich in einer Fremdsprache baden sollte – und hatte großen Spaß. Der blonde Junge stoppte den Ball mit dem Fuß, schlug sich mit der Faust auf die Brust und rief: „Nickless!“ oder so ähnlich.
Ich begriff, dass er sich vorstellte. Also schlug auch ich mir auf die Brust und rief zum Spaß:
„Ich, Tarzan!“
Mein neuer Freund war ein ernsthafter Junge. Er wiederholte: „Ichtazan!“
Er hatte wohl ebenfalls vor, in einer Fremdsprache zu baden. Er wiederholte ein zweites Mal: „Ich-ta-zan“, langsam und deutlich.
Ich mochte meinen Vornamen nicht so gern und dachte mir, dass „Ichtazan“ genauso funktionieren würde wie „Jean-Charles“, zumindest für die Ferien.  Wir setzten uns ins Gras. Da kam mir eine Idee. Es ist nämlich nicht einfach, sich mit jemandem anzufreunden, der kein einziges Wort so spricht, wie man selbst.
Mein Freund Nickless pflückte eine Blume und sagte etwas, was sich wie „flor“ oder „flao“ oder vielleicht „flowör“ anhörte. Ich sprach es nach, aus Höflichkeit. Er lachte laut auf. Ich hatte das Wort bestimmt falsch ausgesprochen. Dann machte er ein Zeichen mit der Hand, dass ich das Wort für Blume in meiner Sprache sagen sollte. Weiß der Teufel, was plötzlich mit mir los war. Ich fand es langweilig, eine Blume „Blume“ zu nennen. Ich wusste ja, dass es das richtige Wort dafür war. Also sagte ich: „Sprott!“
Nickless wiederholte: „Sprott!“
Er war ohne Zweifel sehr gut in der Schule. Ich schüttelte den Kopf, um ihm klarzumachen, dass er das Wort nicht richtig ausgesprochen hatte.
„Spro-hott!“
„Spro-hott!“
Nickless sprach das Wort perfekt aus.

(S. 26-30; Anmerkung: S. 27-29 beinhalten Illustrationen, die ergänzt werden wollten, insofern Abdruckrechte vorliegen)

Die Hauptfigur Jean-Charles alias Ichtazan bietet dem jungen Leser vielfache Identifikationsmöglichkeiten. Jean-Charles ist neun Jahre alt, spielt gerne Fußball und möchte in den Ferien einfach Spaß haben.
Das obligatorische Ferienarbeitsheft, das dem Vater maßgeblich für die Zukunft seiner Kinder erscheint, ist Jean-Charles, im Unterschied zu seiner Schwester Christine, zuwider. Während Christine das Ferienarbeitsheft liebt und alle Aufgaben der Woche schon am Montagabend erledigt hat, gibt der Ich-Erzähler Jean-Charles ganz trocken an, selbst nie damit fertig zu werden (vgl. S. 11).
Der Protagonist ist hier in unaufdringlicher Weise eine komische Figur und in seinen selbstironischen Äußerungen äußerst sympathisch.
Die hochgesteckten Erwartungen seines Vaters hinterfragt Jean-Charles gerne humorvoll. Wird in satirischer Zuspitzung die detaillierte Vorstellung des Vaters, wie Jean-Charles‘ Bad in der Fremdsprache auszusehen hat, in wörtlicher Rede widergegeben, so zeigt Jean-Charles in seiner Erzählung auf, dass der Vater selbst kein besonders fleißiger Schüler und die Angabe „ein bisschen“ Deutsch zu können „eine glatte Lüge war“ (S.13).
Dies aber hindert den Vater nicht daran, Jean-Charles das ambitionierte Ziel des „Fremdsprachenbadens“ aufzuerlegen.
Jean-Charles erkennt durchaus, dass Sprache ein unabdingliches Medium ist, um Kontakt mit dem blonden Jungen aufzunehmen, den sein Vater für ihn als Spielkameraden auserkoren hat.
Aus der Situationskomik der Selbstvorstellung als „Ich, Tarzan!“ (S. 26) entspinnt Jean-Charles die Idee, sich mithilfe einer Fantasiesprache mit dem blonden Jungen, der sich als „Nickless oder so ähnlich“ (S. 26) vorstellt, anzufreunden. Zwangsläufig bringt er dabei auch seine und die Familie von Nickless untereinander in Kontakt. Dabei ist sich keiner der Beteiligten – außer Jean-Charles – bewusst, dass die Verständigung auf keiner real existenten Sprache basiert.
Die realistische Erzählung legt den Fokus auf das Thema „Erlernen einer Fremdsprache“, greift in diesem Kontext mit Komik und Humor die Themen Freundschaft, Familie und Erziehung auf und bringt den Leser während der gesamten Lektüre durchweg zum Schmunzeln.

Zentral für die Erzählung ist die Verwendung der „Komik der Befreiung“.
Jean-Charles befreit sich von der auferlegten Norm des Vaters, eine Fremdsprache lernen zu müssen, indem er selbst eine Sprache erfindet. Mit dieser List widersetzt er sich auf charmante Weise, hinterfragt und bricht mit den (gesellschaftlich implizierten) leistungsorientierten Vorstellungen des Vaters und zeigt, dass der Spaß beim „Lernen“ nicht zu kurz kommen muss.
In kindgerechter Manier schneidet „Ich Tarzan – du Nickless!“ auch nationale Vorurteile an, wenn Jean-Charles entgegen der Ambitionen seines Vaters die deutschen Kinder als „blöd“ abstempelt (S. 21).
Aber da „die ganze Welt“ (S. 24) darauf wartet, dass er sich mit dem blonden Jungen anfreundet,  sucht er eben den Kontakt und baut in der erfundenen fantastischen Sprache eine Beziehung zu Nickless auf. Dabei stellt Jean-Charles fest, dass Nationalität und Sprache keine unüberwindbaren Barrieren darstellen, denn zum Beispiel kann „man eine kleine Schwester in jeder beliebigen Sprache liebhaben“ (S. 51).

Insbesondere die Sprachkomik ist für die Autorin Marie-Aude Murail ein gestalterisches Mittel, um den Leser immer wieder zum Lachen zu bringen: Während Jean-Charles‘ Vater vom Baden in der deutschen Sprache träumt, träumt Jean-Charles einfach nur vom Baden im Meer (vgl. S. 12).
Die Sprachkomik reicht bis in die Analyse der selbsterfundenen Sprache hinein. Während ‚Hose‘ in Ichtazans Idiom als „Pattpatt“ bezeichnet wird, heißt ‚kurze Hose‘ einfach „Patt“. Das Komische in der Fantasiesprache selbst wird hier zusätzlich durch die Situationskomik unterstrichen, dass Ichtazans Papa dieses Wortspiel noch einmal erklärt und die „Logik“ der Sprache explizit unterstreicht (vgl. S. 41).
Der Leser als Mitwisser von Ichtazans Streich ist dabei maßgeblich in die Überlistung des Vaters integriert und kann sich in diesem harmlosen Slapstick Revenge gegen den Vater gemeinsam mit Ichtazan amüsieren.

Erst auf der letzten Seite des Buches wird aufgezeigt, dass diese Erzählung die Rückblende des erwachsenen Jean-Charles ist. Welchen Einfluss dieser Urlaub in Deutschland und sein Bad in der „holländischen“ Sprache auf Jean-Charles haben und wie sich die erzieherischen Absichten des Vaters, die Jean-Charles mit so viel Witz verkehrt hat, auf seinen weiteren Lebenslauf auswirken, erfährt der Leser ganz am Ende der Erzählung.

Die große Zahl der von Michel Gay angefertigten farbigen Illustrationen ergänzt die Erzählung in erheiternder Weise und stellt die Inhalte einzelner Abschnitte pointiert dar.
Das Cover ist schlicht, aber sehr ansprechend gestaltet und regt gerade die Leser im Grundschulalter an, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen. Schon hier wird auf die Schlüsselstelle des Buches, die Selbstvorstellung von „Ichtazan“ und „Nickless“, verwiesen. Die Illustrationen auf den einzelnen Seiten nehmen oftmals größeren Platz ein als der Text selbst und unterstreichen gerade in der mit wenigen Strichen sehr prägnant dargestellten Mimik und Gestik der abgebildeten Personen den Textinhalt und erleichtern das Textverständnis.
Die Schrift ist mit einer Schriftgröße von 16pt und einem Zeilenabstand von 1,15 Zeilen sehr übersichtlich. Für die angestrebte Zielgruppe ist diese Gestaltung durchaus angemessen. Eine Unterteilung in Kapitel gibt es in dem Kinderbuch nicht. Aufgrund des geringen Textumfangs und der vielen Absätze und eingefügten Bilder ist dies aber angemessen. Die Erzählung ist in kurzen Sätzen gestaltet und durchweg in einfacher Sprache gehalten, womit das Textverständnis für Kinder im Grundschulalter gesichert ist.

Die Anführungszeichen zur Kennzeichnung der Fantasiesprache sind leider nicht durchgängig gesetzt (z.B. „ich war mir sicher, dass er seinen Eltern ab und zu mal ein ‚französisches‘ Wort vorsprach“ (S. 34) versus „ich [musste] mindestens zehn Wörter Holländisch pro Tag lernen“ (S. 38) [Hervorh. d. Verf.]).
Die Frage, welche Sprache nun eigentlich gesprochen wird, welche Sprache die entsprechenden Parteien aber zu sprechen glauben, ist daher nur inhaltlich zu durchdringen.
„Ich Tarzan – du Nickless“ ist meines Erachtens nach deshalb sehr gut für Kinder geeignet, die schon erste Erfahrungen im Lesen gesammelt haben.

Fazit:
„Ich Tarzan – du Nickless“ bietet keine actiongeladene Geschichte in exotischem Revier, wie der Titel vielleicht vermuten lässt. Die behandelten Themen von Freundschaft, Familie und Sprache mögen vielleicht auf den ersten Blick auch nicht in das Interessenfeld aller Jungen passen.
Und dennoch fesselt dieses Buch kleine wie große Leser durch Komik und Selbstironie, satirische Zuspitzungen und eine ganze Reihe von Slapsticks, die den Rezipienten zum Lachen bringen.
Das Kinderbuch kann zum einen als leichte Lektüre und Leseübung verstanden werden. Die Thematisierung von Freundschaft, Familie und der kreativen Überwindung von sprachlichen Barrieren, Vorurteilen und Normen kann aber durchaus auch zur vertieften Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Strukturen und von außen gestellten Anforderungen und Erwartungen anregen.
Der junge Leser kann sich mit der Hauptfigur Jean-Charles alias Ichtazan identifizieren und erlebt mit dem Protagonisten gemeinsam, dass Sprache und das Erlernen einer Fremdsprache Spaß machen können, erzieherische Maßstäbe durchaus sinnvoll sind, deren Hinterfragung (und zum Teil deren Umgehung) aber auch zur Persönlichkeitsentwicklung beiträgt und die Beziehung zu Freunden und Familie zeitlebens prägend ist.
Ein überaus empfehlenswertes Buch für Jung und Alt!

Das Buch „Ich Tarzan – du Nickless“ führt den Leser in die bewusste Auseinandersetzung mit der Relevanz von Sprache als zentrales Medium zwischenmenschlicher Interaktion und erscheint als Klassenlektüre geeignet.
Die von Ichtazan entwickelte Fantasiesprache kann Ausgangspunkt für verschiedenartige kreative und lautorientierte Auseinandersetzung mit Sprache sein.
Beispielsweise können die Lernenden selbst Fantasiewörterlisten erstellen und untereinander lesen lassen. Damit werden sowohl das Lesen als auch die Freude am kreativen Umgang mit Sprache und die phonologische Bewusstheit gefördert.
Durch die vielen bereichernden Illustrationen kann dieses Kinderbuch auch leseschwächeren Schülern einen Anreiz zum Lesen bieten.
Aufgrund des geringen Textumfangs bietet sich dieses Buch zudem an, um als „Ferienbuch“ gelesen und nach den Ferien im Unterricht vorgestellt zu werden, in „Lesenächten“ behandelt oder auch am Nachmittag in der Leseecke geschmökert zu werden.