Buchcover Rolf Lappert: Pampa Blues

Ben ist 16 Jahre alt und lebt mit seinem Großvater Karl in Wingroden, einem „Kaff“ irgendwo in der...

Rezension von Max Diehm

Ben ist 16 Jahre alt und lebt mit seinem Großvater Karl in Wingroden, einem „Kaff“ irgendwo in der norddeutschen Provinz. Dort gibt es nichts außer einer Tankstelle, einer Kneipe und einem Lebensmittelladen, die allesamt dem extravaganten, Ex-Profi-Golfer und Lokalpatrioten Maslow gehören. Während Bens Mutter mit ihrer Jazzband auf Europatournee ist, kümmert sich Ben um seinen pflegebedürftigen Großvater und repariert einen alten VW-Bus, mit dem er eines Tages nach Afrika fahren will. Das eintönige Leben in der Provinz wird jedoch aus dem Gleichgewicht gebracht, als Maslow Ben in seinen neuesten Plan zur Rettung des Ortes einweiht...

BuchtitelPampa Blues
AutorRolf Lappert
GenreComing of Age
Umfang252 Seiten
Edition2012
VerlagHanser
ISBN978-3446238954
Preis14,90 € [D], 15,40 € [A]

Ben ist 16 Jahre alt und lebt mit seinem Großvater Karl in Wingroden, einem „Kaff“ irgendwo in der norddeutschen Provinz. Dort gibt es nichts außer einer Tankstelle, einer Kneipe und einem Lebensmittelladen, die allesamt dem extravaganten, Ex-Profi-Golfer und Lokalpatrioten Maslow gehören. Während Bens Mutter mit ihrer Jazzband auf Europatournee ist, kümmert sich Ben um seinen pflegebedürftigen Großvater und repariert einen alten VW-Bus, mit dem er eines Tages nach Afrika fahren will. Das eintönige Leben in der Provinz wird jedoch aus dem Gleichgewicht gebracht, als Maslow Ben in seinen neuesten Plan zur Rettung des Ortes einweiht: Ein selbstgebautes UFO soll Wingroden berühmt und zur Touristenattraktion machen.
Die übrigen Einwohner werden bald darauf Zeugen der »Außerirdischen« und als die vermeintliche Reporterin Lena auftaucht, scheint Maslows Plan aufzugehen. Als das mit Helium gefüllte UFO jedoch von einem Unwetter erfasst wird und abdriftet, offenbart Ben allen anderen den Schwindel, wodurch das Projekt Maslows endgültig scheitert. Als Lena, in die sich Ben inzwischen verliebt hat, verschwindet und ihm einen Brief hinterlässt, in dem sie ihn auffordert, sein Dorf zu verlassen und zu ihr nach Meran zu kommen, macht sich Ben auf den Weg zu ihr. Doch schon nach wenigen Stunden kehrt er wieder um. In Wingroden erwartet ihn bereits Lena, die mit dem Brief Bens Verantwortungsbewusstsein auf die Probe stellen wollte.
Ben bleibt schließlich in seinem vertrauten Umfeld und beginnt, die schönen Seiten seines Lebens zu sehen. Durch den Unfall des UFOs und den damit verbundenen Medienrummel um eine Liebesgeschichte zwischen dem Tankwart Jojo und der Friseurin Anna wird Wingroden schließlich unverhofft zum Heiratsparadies.

[…] Ich stecke die Hände in die Hosentaschen und lehne mich gegen die Kühlerhaube. »Warum ausgerechnet ein UFO? Warum kein Golfplatz? Kein Vergnügungspark? Keine Pferderennbahn?«
»Weil hier keine Sau investieren will. Das ist Wüste, Ben. Dein Afrika ist weiter entwickelt als dieser Landkreis.« Maslow schreibt mit dem Finger WINGRODEN in die Dreckschicht der Kühlerhaube.
»Dieser Ort existiert eigentlich gar nicht. Und trotzdem gibt es ihn. Weißt du, warum?«
Ich zucke mit den Schultern.
»Weil es uns gibt, Ben. Ich weiß, du willst verschwinden, sobald du achtzehn bist. Aber ich bin gerne hier.«
Ich gehe ein paar Schritte vom Wagen weg, hebe eine Handvoll Steine auf und werfe sie gegen einen Baum. Fünf Steine, ein Treffer. Früher war ich besser.
»Vielleicht bin ich verrückt, aber ich liebe dieses Kaff und meine Freunde«, sagt Maslow so leise, dass ich ihn kaum verstehe.
»Und deshalb verarscht du sie.«
»Das habe ich dir doch schon erklärt!«, ruft Maslow. »Die müssen überzeugend klingen, wenn die Reporter kommen!«
»Die Reporter?« Ich muss mir ein Lachen verkneifen. »Wien viele erwartest du denn?«
»Wie gesagt, einer reicht schon.« Maslow nimmt sein Handy aus der Hosentasche und fummelt daran herum. »Das verschicke ich morgen an ein paar Zeitungen.«
Ich gehe zu ihm und sehe mir das verschwommene Bild des UFOs an, ein flaches Oval aus farbigen Lichtpunkten, das durch den Nachthimmel zu fliegen scheint.
»Und wenn sich eine Zeitung meldet, was sagst du, wer das Foto gemacht hat?«
»Ich!«
»Ist heute Nacht nicht Otto an der Reihe?«
»Na und? Je mehr Leute das Ding sehen, desto besser! Kurt. Willi. Otto. Horst. Alfons. Anna. Meine Wenigkeit.«
Ich trete ein paarmal mit der Schuhspitze gegen den rechten Vorderreifen. Er könnte ein wenig Luft vertragen.
»Jojo wird auch bezeugen, dass er es gesehen hat. Er ist gar kein übler Schauspieler.« Maslow nimmt den Hut ab, wischt sich mit dem Taschentuch über den Kopf und setzt den Hut wieder auf.
»Ich bau dir diese Rolle«, sage ich. »Aber mehr nicht. Ich werde nie behaupten, ich hätte dieses verdammte UFO gesehen.«
Maslow lächelt. »In Ordnung«, sagt er. Dann wirft er mir die Schlüssel zu. »Du fährst.« Er öffnet die Beifahrertür und steigt ein.
Ich setze mich hinters Steuer, trete mit voller Kraft das Kupplungspedal bis zum Boden, starte den Motor, lasse die Kupplung vorsichtig kommen und fahre los. Das Getriebe knirscht beim Schalten, das Lenkrad vibriert in meinen Händen. Der Weg ist holprig, wir schwanken wie ein Schiff bei rauer See. Maslow nimmt den Hut ab und streckt den Kopf aus dem Fenster. Er hat mir das Fahren beigebracht, als ich vierzehn war. Wir haben auf dem Parkplatz vor der Werkstatt und auf Feldwegen geübt, obwohl die Straßen rund um Wingroden leer sind und sich hier, soviel ich weiß, noch nie eine Polizeistreife hat blicken lassen. Ich war ein Naturtalent. Nach zwei Stunden kurvte ich um Ölfässer herum und parkte rückwärts ein, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes getan. In meinen Adern fließt eindeutig mehr Benzin als Blumendünger. […]
(S. 84–85)

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Mit Pampa Blues legt der Schweizer Autor Rolf Lappert sein erstes Jugendbuch vor, in dem glaubhaft und einfühlsam aus dem Leben eines Jugendlichen in der norddeutschen Provinz erzählt wird. Der Protagonist und Ich-Erzähler Ben bestreitet teils resignativ, teils mit Ablehnung seinen öden Alltag im Dorf Wingroden – passenderweise ein Anagramm von ›Nirgendwo‹, ein Ort der nicht genau lokalisierbar ist, in seiner Beschaffenheit aber jedem vertraut sein sollte. Ben begann auf den Wunsch seiner Mutter hin eine Gärtnerlehre bei seinem Großvater Karl, was ihn jedoch keinesfalls erfüllt. Seine eigentliche Leidenschaft ist das Reparieren von Autos, weshalb er plant, in die Stadt zu ziehen und dort Automechaniker zu werden. In Wingroden hält ihn jedoch Karl, der auf Bens Hilfe angewiesen ist und von ihm überallhin mitgenommen werden muss. Bens Gefühle für seinen Großvater sind ambivalent. Teilweise macht er ihn dafür verantwortlich, dass ihm kein eigenes Leben ermöglicht wird, andererseits behandelt er ihn liebevoll und fühlt sich für ihn verantwortlich. Gegen seine Mutter hegt Ben einen stillen Groll, da sie durch ihre Arbeit als Jazzsängerin nie zu Hause ist und ihm die gesamte Pflege seines Großvaters aufbürdet. Die Erinnerung an seinen früh verstorbenen Vater, der bei seiner Arbeit als Biologe in Afrika mit dem Flugzeug verunglückte, ist für Ben ein wichtiger Halt. Mit ihm teilt Ben die Faszination für Afrika und seinetwegen plant er, mit dem restaurierten VW-Bus dorthin zu fahren.
Durch den frühen Tod seines Vaters und die Verpflichtungen, die Ben für Karl und ihr Zuhause übernehmen muss, war er schon früh gezwungen, erwachsen zu werden. Er ist der einzige Jugendliche in Wingroden und auch außerhalb des Ortes hat er kaum Kontakt mit Gleichaltrigen. Von den anderen Bewohnern des Dorfs wird Ben wie ein Erwachsener behandelt.
Die Dorfgemeinschaft in Pampa Blues ist ein Potpourri skurriler Charaktere, die zur Komik der Geschichte beitragen. Neben seinem Großvater ist der exzentrische Maslow die wichtigste Person in Bens Leben. Daneben leben in Wingroden der sehr religiöse Bauer Willi, der Putenzüchter Otto, Kurt, der genauso viel Bier trinkt wie sein Hund Rühmann, Horst, der nach dem Abitur seine Studienpläne aufgeben musste, um seinem Vater Alfons auf dem Hof zu helfen, der Tankwart und Liebesfilmfan Jojo und die schöne Friseurin Anna, die mit dem kriegsversehrten Russen Georgi zusammenlebt.
Als Lena ins Dorf kommt und Interesse an Ben und seinem Leben zeigt, wird dieser zunehmend unsicher. Er verliebt sich in sie, wodurch sein vertrautes Leben aus den Fugen zu geraten beginnt. Als Lena scheinbar verschwindet und Ben einen Brief hinterlässt, in dem sie ihm mitteilt, dass er ihr folgen solle, kulminiert Bens Verlangen nach einem neuen Leben in einer überstürzten Flucht. Doch sieht sich Ben nach wie vor mit seinem Großvater und seinem Umfeld verbunden, was ihm unterwegs klar wird. Er wird sich seiner Verantwortung bewusst und kehrt um. Bens Entscheidung wird belohnt. Zurück in Wingroden wird er von Lena erwartet, die ihn lediglich einer Reifeprüfung unterziehen wollte.

Verstehen durch Erzählen

Als Resultat der verrückten Geschehnisse um das UFO bessert sich überraschenderweise auch die Zukunft Wingrodens. Mit dem Aufblühen des Dorfes wächst auch Bens Zufriedenheit mit seinem Leben dort. Er erweckt die heruntergekommene Gärtnerei seines Großvaters wieder zum Leben und beginnt Rosen zu züchten. Ben erkennt, dass das Leben anders verlaufen kann, als geplant, und dass sein Leben in Wingroden, das er ursprünglich abgelehnt hatte, sich zum Guten gewendet hat. Gleichzeitig gibt er seinen Plan, nach Afrika zu fahren, nicht auf. Er lernt jedoch, sich Zeit zu lassen und nichts zu überstürzen. Auch als Lena nach London geht, um dort bei ihrem Vater zu sein, findet er zu einer inneren Ruhe: »Ich habe Zeit. Ich kann warten.« (S. 252)

Fazit
Rolf Lapperts Pampa Blues ist die einfühlsame und humorvolle Schilderung einer Jugend in der Provinz mit all ihren Licht- und Schattenseiten. Bens ambivalente Haltung zu seinem Umfeld, seine Melancholie und Ironie, seine spontane Flucht und reumütige Rückkehr sind gleichzeitig zum Schreien komisch und treiben dem Leser die Tränen in die Augen. Der Autor nimmt seine Figuren ernst und präsentiert seinen Protagonisten mit seinen Wünschen und Hoffnungen sowie schmerzlichen Erinnerungen und schildert seine Erlebnisse in ihrer Tragik und Komik zugleich. Ein kluges Buch und eine jugendliche Neuinterpretation des Heimatromans.
Das Cover des Buchs ist mit dem Bild einer Zapfsäule, die in einer in kühlen Farben gehaltenen norddeutschen Landschaft steht, schön und interessant gestaltet. Durch die überschaubare Länge der Kapitel wird der Roman auch für weniger geübte Leser zugänglich.

Pampa Blues ist durch seine erwachsene Sprache vor allem für Jungen ab 16 Jahren, in Einzelfällen auch schon früher, geeignet. Angesprochen werden sich besonders solche fühlen, die selbst auf dem Land leben, da ihnen viele Motive aus ihrem Alltag bekannt vorkommen werden. Auch als Lektüre für den Deutschunterricht ist Pampa Blues durchaus geeignet. Gerade der Reifungsprozess des Protagonisten lädt zur interpretatorischen Arbeit im Unterricht ein.