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Buchcover Anne-Laure Bondoux: Der Mörder weinte

Rezension von Eva Maus

Paolo lebt allein mit seinen Eltern in Chile, in der letzten Hütte vor der Wüste. Das Leben dort ist karg und lieblos. Als einer von wenigen Reisenden, die in diese einsame Gegend kommen, wird auch der fremde Angel hereingebeten und bewirtet. Doch Angel ist ein Mörder auf der Flucht. Er schneidet Paolos Mutter und seinem Vater die Kehle durch. Als der Junge nach Hause kommt, bringt es der Mörder aber nicht fertig, auch das Kind zu töten und so bleiben sie zu zweit in der einsamen Hütte. Angel fasst bald zum ersten Mal Vertrauen zu einem Menschen und wird für Paolo zum Vater...

BuchtitelDer Mörder weinte
AutorAnne-Laure Bondoux
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang173 Seiten
VerlagCarlsen (dt.); Bayard (frz.)
ISBN987-3-551-58309-3
Preis14,90 €

Paolo lebt allein mit seinen Eltern in Chile, in der letzten Hütte vor der Wüste. Das Leben dort ist karg und lieblos. Als einer von wenigen Reisenden, die in diese einsame Gegend kommen, wird auch der fremde Angel hereingebeten und bewirtet. Doch Angel ist ein Mörder auf der Flucht. Er schneidet Paolos Mutter und seinem Vater die Kehle durch. Als der Junge nach Hause kommt, bringt es der Mörder aber nicht fertig, auch das Kind zu töten und so bleiben sie zu zweit in der einsamen Hütte. Angel fasst bald zum ersten Mal Vertrauen zu einem Menschen und wird für Paolo zum Vater.
Nach einem Jahr stößt Luis zu ihnen. Seine reiche Familie erwartet von ihm, dass er auf Weltreisen geht. Er aber möchte nicht weg aus Chile und so baut er sich eine Hütte neben dem Haus von Angel und Paolo. Bald gewinnt auch er die Zuneigung des Jungen und bringt ihm das Lesen bei. Angel, der den Fremden von Anfang an am liebsten getötet hätte, muss nun um Paolo konkurrieren. Noch komplizierter wird es, als die alten Ziegen sterben und Luis, Angel und Paolo in die Stadt müssen, um neue Tiere von Luis Geld zu kaufen. Paolo sieht zum ersten Mal seit seiner Mutter Frauen, Luis verliebt sich und beschließt, doch noch auf Weltreise zu gehen und Angel überfällt sein altes Misstrauen gegen alle Menschen und es dauert nicht lange bis die Polizei nach ihm sucht.

Die Leseprobe zu "Der Mörder weinte" von Anne-Laure Bondoux finden Sie unter dem folgenden Link:
www.carlsen.de/hardcover/der-morder-weinte/30292#Inhalt

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Der Mörder weinte ist ein einfühlsames, sehr trauriges und doch schönes Buch, dass eine beeindruckende Balance schafft zwischen schnellem Erzähltempo und tiefer Melancholie.
Nicht nur Paolo, der zu Beginn der Handlung seine Eltern verliert, findet in diesem Buch zu einer erwachsenen Identität, auch seine beiden Ersatzväter, Luis und Angel, sind noch auf dem Weg dorthin. In der lebensfeindlichen Umgebung und der völligen Einsamkeit der chilenischen Wüste finden die beiden Männer eine Wahlheimat, in der Luis sich vor seiner Familie und der geplanten Weltreise und Angel vor der Polizei verstecken kann. Angel, der Mörder, findet hier zudem einen Ort, an dem er sein Misstrauen gegenüber den Menschen zumindest vorübergehend vergisst.
Paolo dagegen erfährt durch den Mörder seiner Eltern mehr Liebe als diese ihm je geben konnten. Dieser Konflikt zwischen seinem alten Leben und der Zuneigung zum Mörder seiner Eltern wird manchmal angekratzt, aber nie ausführlich besprochen. Schließlich ist es aber Angels Liebe, die ihn vor einem verzweifelten Selbstmord bewahrt.
Insgesamt wechseln die drei Protagonisten nur wenige Worte, machen auf diese Weise aber permanent die Erfahrung der Normabgrenzung. Obwohl Anne-Laure Bondoux auch ihre Innensicht darstellt, erhascht der Leser nur Bruchstücke und kurze Momentaufnahmen und hat dabei doch das Gefühl, fast mehr die jeweiligen Gefühle zu verstehen als die Figuren selbst. Angel muss immer wieder gegen seine alten Handlungsmuster ankämpfen und weint oft angesichts des Zwiespalts zwischen Liebe und Hass. Das symbolische Messer liegt jahrelang griffbereit in der Schublade und doch bringt er nach Paolos Eltern niemanden mehr um. Seine rücksichts- und morallose Lebensart, die er bereits als Kind gelernt hatte, überwindet er durch seine Liebe zu Paolo nach und nach bis er schließlich völlig selbstlos den Jungen bei einem alten, gebildeten und liebesvollen Holzfäller zurücklassen will, weil er meint, dass es Paolo dort besser hat. Als Abschiedsgeschenk bekommt der Junge sein einstiges Mordwerkzeug - das Messer.

Verstehen durch Erzählen
Nach dem Vertrauensbruch durch Luis, der doch noch den Mut zu seiner Weltreise aufbringt, finden Angel und Paolo in der Hütte des Holzfällers einen Moment des Glückes. Doch auch dieser Moment ist flüchtig und als die Polizei irrtümlich den Holzfäller erschießt, den Mörder, der inzwischen dem Leser wie Paolo ans Herz gewachsen ist, ergreift und zum Tode verurteilt und Paolo in eine Pflegefamilie bringt, ist er vorbei. Das Glück und die Liebe scheinen weit entfernt. Paolo wird als Erwachsener in der verlassenen Hütte seiner Eltern wohnen. Die Welt verheißt nicht mehr viel und doch hat es Paolo besser als es seine Eltern hatten – mit Luis Postkarten aus allen Kontinenten, der Bibliothek, den Teppichen und sauberen Vorhängen. Mit seiner Tochter beginnt die Geschichte neu…
Anne-Laure Bondoux schildert das Schicksal sehr vielschichtiger Figuren über Jahre auf wenigen Seiten und trotzdem hat der Leser das Gefühl, ganz in den Bann dieses kargen Lebens gezogen zu werden und Innen- wie Außenleben zu verstehen. Die kurzen Kapitel und die zumeist kurzen und einfachen Sätze kommen jungen Lesern entgegen. Gleichzeitig entfaltet diese einfache Erzählweise Bilder und Stimmungen, die ganz und gar nicht oberflächlich sind. Wie auch auf dem Cover greifen hier Einfachheit und Schönheit harmonisch ineinander und lassen den Leser nicht mehr los.

Der Mörder weinte eignet sich hervorragend als Unterrichtslektüre, da das Buch leicht und schnell zu lesen ist, auch Spannung bereit hält, aber dennoch prall gefüllt ist mit diskussionswürden Fragen: (Kann man den Mörder mögen? Können sich Menschen grundlegend ändern? Wie ist die Todesstrafe zu bewerten, die Angel ereilt? Handelt Luis richtig, als er auf Weltreise geht? Wie hätte sich Paolo nach dem Tod seiner Eltern verhalten sollen? Ist sein Leben als Erwachsener in der einsamen Hütte nachzuvollziehen? Endet das Buch glücklich oder traurig? etc.)
Zudem bieten sich Metaphern, Symbole und Bilder zur Interpretation an (der gezähmte Fuchs, der doch wieder wild wird, das Messer, Landschaftsbeschreibungen etc.) ohne dass sie das Buch auch nur ansatzweise pädagogisch oder stilistisch bemüht aufladen würden.
So kann der Roman, der auch eine lohnende Anschaffung für eine Schulbibliothek ist, auf verschiedenen Ebenen gelesen werden und ist damit eine geeignete Lektüre für Leser fast jeder Niveaustufe.