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Buchcover Piers Torday: Die grosse Wildnis

Rezension von Eva Maus

Die rote Pest wütet und fast alle Tiere sind an dem gefährlichen Virus gestorben. Die Menschen haben sich in riesige Städte zurückgezogen, umgeben von Quarantäne-Zonen, in denen ‚Keuler‘ auch die letzten noch lebenden Tiere jagen, um den Virus endgültig auszurotten. Da auch die meisten Insekten ausgestorben sind, gibt es weder Obst noch Getreide zu essen. Das Großunternehmen Facto ernährt die Menschen mit dem künstlichen Formul-A...

BuchtitelDie grosse Wildnis
AutorPiers Torday; mit Illustrationen von Thomas Flintham (aus dem Englischen übersetzt von Petra Koob-Pawis)
GenreAbenteuer
Lesealter12+
Umfang384 Seiten
Edition1
VerlagCbj
ISBN978-3570157961
Preis16,99 €

Die rote Pest wütet und fast alle Tiere sind an dem gefährlichen Virus gestorben. Die Menschen haben sich in riesige Städte zurückgezogen, umgeben von Quarantäne-Zonen, in denen ‚Keuler‘ auch die letzten noch lebenden Tiere jagen, um den Virus endgültig auszurotten. Da auch die meisten Insekten ausgestorben sind, gibt es weder Obst noch Getreide zu essen. Das Großunternehmen Facto ernährt die Menschen mit dem künstlichen Formul-A.
Kester kennt nur diese Welt. Er ist 12 Jahre alt und seit sechs Jahren verbringt er sein Leben im trostlosen und strengen Mentorium, einem Facto-Heim für aufsässige Kinder. Warum er dort hingehört und wieso sein Vater dies zulässt, versteht er nicht.
Die Eintönigkeit endet schlagartig, als Kester, der seit dem Tod seiner Mutter keinen Laut mehr von sich gegeben hat, bemerkt, dass er in Gedanken mit Tieren kommunizieren kann. Spinnen und Kakerlaken nehmen Kontakt mit ihm auf und befreien ihn schließlich aus der Gefangenschaft. Mit der Hilfe von hundert Tauben, holen ihn die letzten, verbliebenden Tiere in ihr Versteck. Sie erhoffen sich Hilfe von dem einzigen Menschen, mit dem sie kommunizieren können. Denn trotz der Abgeschiedenheit ihres Verstecks, hat auch sie die rote Pest erreicht. Der heimwehkranke Kester verspricht den Tieren, sein Vater, ein Tierarzt, habe ein Gegenmittel. So begleitet ihn eine kleine, stetig wachsende Gemeinschaft durch die Quarantäne-Zonen bis zu Kesters Vater in die große Stadt – bedroht durch den gefährlichen Virus, brutale Keuler und die ungezähmte Natur. Kester wächst dabei langsam in seine Rolle als Retter hinein. Trotzdem ist er sich unsicher, ob er und seine Freunde eine Chance haben – weiß er doch nicht einmal, auf welcher Seite sein Vater steht und ob er tatsächlich ein Gegenmittel besitzt.

*Also*, sagt der Hirsch, und sein Tonfall ist jetzt sanfter. *Wo liegt denn deine berühmte Stadt?*
Wieder einmal weiß ich keine Antwort auf seine Frage. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo wir überhaupt sind. Aber diesmal werde ich nicht den Fehler begehen wie im Ring des Waldes und einfach drauflosraten. Ich rufe mir ins Gedächtnis, wo wir gewohnt haben und was Pa mir beigebracht hat – bevor man mich von zu Hause wegholte.
*Ganz am Rand der Landkarte, im Süden. Denke ich jedenfalls.*
*Könnt ihr uns nach Süden führen, Vögel?*, fragt der Hirsch die Tauben.
Ich bezweifle, dass das so einfach funktioniert.
Aber sie gurren: *Das können wir!*, und schon steigen sie in die Höhe und fliegen übers Moor. Das heißt, die Grauen Tauben fliegen übers Moor. Nicht so die Weiße Taube, die sich in die Luft schwingt und stattdessen in den Wald zurückflattert.
Sie bemerkt ihren Fehler, legt mitten in der Luft eine Kehrtwende hin und jagt aufgeregt hinter den anderen her. Dabei grummelt sie leise vor sich hin. *Wenn ihr Norden sagt, fliege ich nach Norden, wenn ihr Süden sagt, fliege ich…*
*…nach Norden?*, schlägt der Hirsch vor, als der kleine Vogel über seinen Kopf hinwegsaust.
Ich vergrabe meine Finger tief in seinem Nackenfell, und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, trottet er los. Einfach so.
Die Tauben scheinen instinktiv zu wissen, wo es langgeht, und der Hirsch wittert nur noch ein letztes Mal in der Luft, bevor er hinterhertrabt.
Es ist ungewohnt, die Welt vom Rücken eines Hirschs zu betrachten. Die Landschaft ist sanft und unendlich, vor uns erstreckt sich meilenweit offenes Gelände. Der Hirsch jagt jetzt im Galopp dahin. Die Tauben fliegen hoch über uns und verschwinden gelegentlich hinter einer fernen Hügelkuppe.
(S.111f.)

Die grosse Wildnis ist ein sehr spannendes, zum Teil aber auch verstörendes Meisterwerk der Kinderliteratur, das (nicht nur) durch seine starken Bilder und seine beeindruckende Sprache überzeugt. Man darf gespannt sein auf den zweiten Band der Reihe!

Kesters Reise aus dem gefängnisartigen Heim und durch die verlassenen Quarantäne-Zonen stürzt den 12jährigen und die ihn begleitenden Tiere in zahlreiche Abenteuer. Die Flucht durch einen engen Abwasserkanal, der Angriff eines Wolfrudels, reißende Wasserströme, Hunger, blutrünstige Keuler und die stetige Angst vor dem tödlichen Virus halten Kester, seine Freunde und den Leser fast pausenlos in Atem. Jedes Haus, jedes Tier und jeder Mensch können sich als Bedrohung entpuppen. Kester muss Mut und Entschlusskraft, Durchhaltevermögen und Vertrauen zu seinen Begleitern entwickeln. Dabei bleibt er ein Junge, der Ängste und Zweifel kennt und dessen größter Wunsch es ist, seinen Vater wieder zu sehen. Eine Identifikation mit ihm, der immer das richtige tun will, Verantwortung übernimmt und doch auch immer ein wenig in seinen eigenen Bedürfnissen gefangen bleibt, bietet sich dabei nicht nur an, weil er die Geschichte als Ich-Erzähler schildert. Neben ihm gehören ein willensstarker, imposanter Hirsch, ein vorlauter, junger Wolf, eine tanzende Maus, der General (ein Kakerlak), ein streitlustiges Mädchen, eine diva-hafte Katze und ein Schwarm grauer Tauben zu der ungewöhnlichen Gemeinschaft. Besonders lustig und philosophisch ist dabei die einzige weiße Taube im Schwarm, die – Außenseiter wie Kester selbst – stets das Gegenteil ihrer Schwestern tut und ihre Worte völlig verdreht wiederholt.

Neben dem spannenden Abenteuern und den sympathischen (zumeist tierischen) Figuren bietet der Roman auch viel Stoff zum Nachdenken: Die gezeichnete Zukunft wird bestimmt durch das Monopol des Großkonzerns Facto, der – so erfährt der Leser am Schluss – die Bekämpfung der roten Pest zugunsten des Gewinns, den es mit seinem Nahrungsmittelersatz Formul-A erzielt, verhindert. So werden neben dem Umgang mit der Natur und den Tieren auch wirtschaftliche Themen aufgegriffen. Der Tod und die Trauer haben ebenfalls einen prominenten Platz in Die grosse Wildnis.
Viele Kapitel wirken dabei auch als ästhetische und eindrückliche Bilder. Als Kester mit seinen Freunden durch den Wald gehen muss, in den sich die kranken Tiere zum Sterben zurückziehen und in diesem riesigen Tierfriedhof das Lied der Trauer anstimmt, das immer mehr Sterbende anlockt, strotzt der Roman vor Poesie, die einfach und unpathetisch daherkommt. Das Bild dieser über hundert totkranken Tiere, die schließlich gemeinsam mit Kester durch die Straßen in die Riesen-Metropole Premia marschieren, in der sich alle Menschen angsterfüllt in ihren Häusern verkriechen, ist eindrücklich wie auch metaphorisch.

Der Roman ist in 6 Abschnitte unterteilt, die nach dem jeweiligen Handlungsort benannt sind. Alle Abschnitte bestehen aus kurzen Kapiteln, die jeweils mit der schattenrissartigen Darstellung eines Tieres geschmückt sind. In diesem Illustrationsstil ist auch das schöne Cover gestaltet. Schriftgröße und Sprache sind einer jungen Leserschaft angemessen gewählt. Trotzdem fällt die Bestimmung eines geeigneten Lesealters sehr schwer. Zwar ist das Buch brillant geschrieben, aber es zeichnet eine bedrückende Dystopie, der nicht jeder 10jährige gewachsen sein dürfte. Während ältere Leser auch auf einer zweiten Ebene und im Genuss der Ästhetik Freude finden können, ist die spannende und abenteuerreiche Handlung selbst vor allem von Hoffnungslosigkeit und Beklemmung geprägt. Obwohl Kester am Ende des ersten Bandes die Tiere tatsächlich zu seinem Vater bringen kann und dieser sogar ein Heilmittel findet, kostet der Weg dorthin viele, wertvolle Tierleben und die Bedrohung taucht in den letzten Sätzen des Buch wieder übermächtig auf.

Die grosse Wildnis beginnt zügig mit der Schilderung der fremden Welt aus Sicht des Protagonisten Kester und kann früh Neugier und damit Lesemotivation generieren. Die Kombination aus klassischem, spannendem und actionreichen Abenteuerroman und nachdenklichem  Anspruch eröffnet zahlreiche Möglichkeiten zur Beschäftigung mit der Lektüre. Für Vielleserverfahren im Rahmen der Leseanimation ist es in jedem Fall sehr geeignet.
Entgegen die Altersempfehlung des Verlags (ab 10 Jahre) und der kindliche Aufmachung des Buches sowie des relativ junge Alters des Protagonisten ist eine gemeinsame Lektüre im Unterricht evtl. aber eher mit älteren Schülern in der Sekundarstufe I sinnvoll. So können alle Ebenen des Buches erarbeitet werden und das beklemmende Szenario stellt kein Problem dar.