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Buchcover Bart Moeyaert: Hinter der Milchstrasse

Rezension von Katharina Nennstiel

Oskar, der Ich-Erzähler von Moeyaerts Roman, trifft sich jeden Tag mit seinem großen Bruder Bossie und seiner Kinderfreundin Geesje auf einer Mauer an der Milchstrasse, welche die drei mit viel Phantasie zu ihrem Clubhaus erkoren haben. Hier beobachten sie den Innenhof eines Schrottplatzes, der ALTEISEN KG, träumen von einer besseren Ausstattung für ihr Clubhaus und erfinden Namen und Geschichten für Passanten...

BuchtitelHinter der Milchstrasse
AutorBart Moeyaert
GenreComing of Age
Lesealter12+
Umfang150 S. (niederl.); 151 S. (dt.)
VerlagCarl Hanser Verlag
ISBN978-9045111926 (niederl..); 978-3446243057 (dt.)
Preis(niederl.); 14,90 € (dt.)

Oskar, der Ich-Erzähler von Moeyaerts Roman, trifft sich jeden Tag mit seinem großen Bruder Bossie und seiner Kinderfreundin Geesje auf einer Mauer an der Milchstrasse, welche die drei mit viel Phantasie zu ihrem Clubhaus erkoren haben. Hier beobachten sie den Innenhof eines Schrottplatzes, der ALTEISEN KG, träumen von einer besseren Ausstattung für ihr Clubhaus und erfinden Namen und Geschichten für Passanten: So auch über eine ältere Dame, die sie Nancy Sinatra getauft haben und welche stets Stiefel trägt und mit ihrem Dackel Jeckyll jeden Morgen über die Milchstrasse Gassi geht. Als Oskar, Bossie und Geesje eines Tages auf die Idee kommen, eine Wette abzuschließen, ob Nancy Jeckyll überlebt oder anders herum, verändert sich ihr gemeinsames Leben fundamental. Plötzlich scheinen die alte Dame und auch ihr Dackel verschwunden und die Jugendlichen begeben sich auf die Suche nach den beiden. Diese Suche lockt sie aus ihrem Clubhaus in unbekannte Umgebung, genauso wie aus ihren Phantasiegeschichten in die Realität: Es zeigen sich die Probleme, die jeder einzelnen von ihnen mit sich herumträgt. Ob Geesjes todkranke Tante, Oskars Mutter, die nach Italien durchgebrannt ist oder Bossie, der sich in Calista verguckt, die Wirklichkeit scheint die drei Freunde auseinander zu bringen. Die drei gehen für kurze Zeit getrennte Wege, machen eigene Erfahrungen und können letzten Endes das Rätsel um Nancy und Jeckyll zwar nicht lösen, finden aber wieder zueinander.

Als die Turmuhr am nächsten Tag sechsmal schlug, warteten wir wieder auf Nancy und Jeckyll. Auf Zehenspitzen schlichen wir zum äußersten Dachrand des Lagers. Geesje schlug vor, sie zu rufen. >> Jeckyll! Nancy! << Was nützte es schon – es waren nicht ihre richtigen Namen. Jeckyll und Nancy kamen nicht. Wir sagten uns, das sei nur Zufall. Morgen würden sie wieder vorbeikommen. Wir zählen die Möglichkeiten auf. Nancy und ihr Dackel waren in Urlaub gefahren. Nancy war krank, deshalb konnte sie Jeckyll nicht ausführen. Jeckyll war krank, deshalb konnte er nicht ausgeführt werden. Sie hatten ihre Gewohnheiten verändert. Sie nahmen ab jetzt einen anderen Weg. Sie wussten nicht mehr, wie sie zur Milchstrasse kommen konnten. Sie waren umgezogen. Jeckyll hatte eine neue Grünanlage gefunden, um die er herumlaufen wollte. Bossie stieß Geesje an und sagte, es gebe also zwei Gewinner. >> Warum zwei? <<, sagte Geesje. >> Weil beide tot sind <<, sagte Bossie. >> Sie sind gleichzeitig gestorben.<< Er hob die Faust hoch, um zu jubeln, aber ich stopfte ihm den Mund. >> Halt dich zurück <<, sagte ich. >> Ja <<, sagte Geesje. >> Man darf den Tod nicht direkt auslachen.<< Wir kletterten die Mauer hinunter und folgten der Straße bis zur Ecke, um die wir Nancy und Jeckyll immer hatten verschwinden sehen. Dort kam Geesje plötzlich auf die Idee, einen Mann zu fragen, der zufällig die Sandstraße entlangkam, ob er eine alte Frau und ihren Hund kenne. >> Eine alte Frau und ihren Hund?<<, sagte der Mann. >> Ja <<, sagte Geesje. >> Einen alten Hund und eine alte Frau mit roten Stiefeln. Wissen Sie, wo sie herkommen?<<                                                                            (S.21-22)

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Oskar bekommt Werte und Normen vor allem von seinem großen Bruder Bossie vermittelt, da die Mutter der beiden die Familie im Stich gelassen hat und der Vater seine Söhne zwar nie ohne Frühstück aus dem Haus gehen lässt, aber ansonsten nicht viel an deren Leben teil hat. So erfährt Oskar zunächst eine „passive“ Normabgrenzung, indem sich sein Bruder von ihm ab- und sich Calista, einem Mädchen, das die beiden zufällig kennen gelernt haben, zuwendet. Gezwungenermaßen fängt Oskar an, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und lernt über die Besitzer von der ALTEISEN KG Phyllis und ihre Mutter kennen, die ein ganz anderes Lebenskonzept außerhalb der Stadt führen. Oskar gerät in eine Verweigerungs-Haltung gegenüber allen seinen Bezugspersonen und versucht seine größte Sorge mit sich allein auszumachen. Er leidet sehr darunter, dass seine Mutter die Familie verlassen hat, um  „ihr Herz und ihren Kopf aufzuräumen“  (S.82). Die Briefe, die sie selten an Oskar und Bossie schreibt, scheinen die Situation für Oskar nur noch komplizierter zu machen und alte Wunden wieder aufzureißen. Heimlich fängt er an zu weinen, als er den Satz „Seid ihr stark?“ (S.131) erneut liest. Nicht nur die Trennung von seiner Mutter belastet ihn sehr, Oskar macht sich auch Gedanken über den Tod von Geesjes Tante und möchte für seine Freundin da sein. Oskar kämpft mit sich selber, ob er seine Probleme mit seinem Vater teilen soll, hadert jedoch, weil er das Gefühl hat, dass „nichts was [er] erzählen wollte, ...wichtig genug [war].“ (S.80) Schließlich traut er sich doch und zeigt altersuntypische Solidaritäts-Bemühungen mit seinem Vater. So schafft es Oskar mehr und mehr seinen persönlichen, alternativen Lebensentwurf zu erschaffen, heraus zu finden, dass ihm seine Freundschaft mit Geesje genauso wichtig ist, wie die Beziehung zu Bossie. Gleichzeitig lernt Oskar jedoch auch, selbstbewusst zu sein, seine eigenen Entscheidungen zu treffen und sich gegen andere Meinungen durchzusetzen. So schafft es Oskar sich gegen Bossie und Calista durchzusetzen, als diese Karren vom Schrottplatz klauen, indem er sich kurzerhand das Geld von Calista wiederholt und den Besitzern der ALTEISEN KG zurück bringt. Oskar redet nicht viel, sondern setzt seine Gedanken lieber in die Tat um. Das spiegelt sich in seinem Kommunikations-Verhalten wieder, da er zwar auf den ersten Blick nicht verschlossen oder wortkarg wirkt, aber schnell klar wird, dass er seine innersten Gedanken und Gefühle nicht verbalisiert, sondern für sich behält. Oskar zeigt ein typisches Verhalten für Jugendlich zu Beginn der Pubertät. (Sein Alter wird im Roman nicht erwähnt, lässt sich aber daraus schätzen, dass er zur Schule geht, aber noch so klein ist, dass er an der Supermarktkasse kurz hochgehoben werden muss, um zu bezahlen). Alle pubertären Abgrenzungsprozesse sind bei ihm noch in den Kinderschuhen.

Verstehen durch Erzählen

Dementsprechend kindlich ist auch seine mentale Ausgangslage zu Beginn des Romans. Oskar identifiziert sich stark mit seinem großen Bruder, verbringt den ganzen Tag mit ihm und genießt die Geschichten, die Bossie ihm zum Einschlafen erzählt. Durch den Prozess der Ablösung im Verlaufe der Geschichte wird Oskar reifer und gelang zu mehr Unabhängigkeit und Selbstvertrauen. Der Prozess des Erzählens, indem er Einblick in seine Gedankenwelt gewährt, zeigt offen all seine Unsicherheiten und Verarbeitungsversuche. Wie im wahren Leben, gelingt es ihm jedoch nicht immer eine Lösung für alle Probleme zu finden und die Erzählstruktur verdeutlich dies durch zahlreiche poetische Leerstellen. Die Unsicherheiten prägen auch seine Selbstwahrnehmung. Oskar ist oft unsicher ob das was er denkt richtig ist und grübelt darüber nach. Im Verlaufe des Romans schafft er es, über seinen Schatten zu springen und in mehreren Situationen zu sich selbst und seiner Meinung zu stehen. Das spiegelt sein erreichtes Verständnisniveau bereits wieder, welches aber gegen Ende noch einmal erweitert wird. Oskar schafft es, die alterstypischen, eher egoistischen Gedankengänge zu reflektieren und seine Bedürfnisse, über seine Mutter zu sprechen zurück zu halten, um sich um Geesje zu kümmern. Ihm gelingt die für einen Jugendlichen große empathische Leistung, einzusehen, dass der vorübergehende, wenn auch zeitlich unbestimmte, Verlust seiner Mutter nicht mit dem Verlust von Geesjes Tante zu vergleichen ist, das „ ihre Tante ... nie mehr zurückkommen [würde]“.

Formale Aspekte
Das Cover zeigt Oskar, Bossie und Geesje, wie sie auf der Mauer in ihrem Clubhaus sitzen und auf die Milchstrasse schauen. Die Mauer liegt halb in der Sonne und halb im Schatten, so wie die ganze Geschichte auch von Sonnen- und Schattenseiten geprägt ist. Schriftgröße und vor allem die Kapitellänge sind sehr leserfreundlich, da pro Kapitel nie mehr als sechs Seiten zu bewältigen sind. Auch die sprachliche Komplexität und die Verständlichkeit der deutschen Übersetzung sind für Leser ab 12 Jahren problemlos zu meistern.

Zusammenfassende Bewertung und Fazit:

Bart Moeyaert findet eine Sprache, um Liebe und Verlust in kindlicher Logik darzustellen und thematisiert dies immer wieder an verschiedenen Stellen in seinem Roman. Durch die verschiedenen Charaktere gelingt es ihm verschiedene Erfahrungen mit diesen Gefühlen darzustellen, die fürs Erwachsenwerden unerlässlich sind. Oskar, Bossie und Geesje haben alle unterschiedliche Herangehensweisen, um Probleme zu bewältigen und von dieser Vielfalt kann der Leser profitieren. Oskar, als Ich-Erzähler, ermöglicht es ernste Themen in jugendlicher Sprache zu verarbeiten und somit bietet „Hinter der Milchstrasse“ jungen Lesern die Möglichkeit erste literarische Erfahrungen mit Liebe und Verlust zu machen. Moeyaert zeigt, wie leicht man sich in der Phantasie verlieren kann, wie schmerzhaft der Aufprall in der Realität ist und welche Gratwanderung dazwischen liegt.