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Buchcover Matthew Quick: Happy Birthday, Leonard Peacock

Rezension von T.A. Wegberg

An seinem achtzehnten Geburtstag nimmt Leonard eine Waffe mit zur Schule, um Asher Beal und danach sich selbst zu erschießen. Zuvor will er jedoch noch einige Geschenke verteilen: an seinen alten Nachbarn Walt, an seinen Mitschüler Baback, an seinen Deutschlehrer Herrn Silverman und an Lauren, in die er sich vor einiger Zeit verliebt hat...

BuchtitelHappy Birthday, Leonard Peacock
AutorMatthew Quick
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang314 Seiten
Verlagdtv
ISBN978-3423740067
Preis13,95 €

An seinem achtzehnten Geburtstag nimmt Leonard eine Waffe mit zur Schule, um Asher Beal und danach sich selbst zu erschießen. Zuvor will er jedoch noch einige Geschenke verteilen: an seinen alten Nachbarn Walt, an seinen Mitschüler Baback, an seinen Deutschlehrer Herrn Silverman und an Lauren, in die er sich vor einiger Zeit verliebt hat.
Der Roman beschreibt nicht nur diesen Tag im Leben von Leonard Peacock, sondern schildert in Rückblenden auch seine Erlebnisse mit den Personen, die von ihm beschenkt werden sollen, sowie andere einschneidende Ereignisse seines bisherigen Lebens. Zudem enthält das Buch sogenannte Briefe aus der Zukunft, die Leonard auf Anregung seines Lehrers verfasst hat und in denen er seine Heimatstadt Philadelphia nach einem Atomkrieg beschreibt.
Sowohl der geplante Mord als auch der Selbstmord misslingen. Leonard ist verwirrt und verzweifelt. Herr Silverman nimmt sich seiner an und benachrichtigt Leonards Mutter, die in New York lebt. Ein seichtes Happy-End erwächst daraus nicht, wohl aber die Erkenntnis, dass Leonard alleine zurechtkommen muss und dem Gefängnis seiner emotionalen Bedürftigkeit nur entkommt, wenn er erwachsen wird.

Ich denke daran, dass sich in einer ihrer vielen Computerdateien bestimmt auch ein Hinweis auf meinen Geburtstag befindet, aber sie hat es mit so vielen Schülern zu tun, dass ich ihr unmöglich böse sein kann, dass sie ihn vergessen hat.
In der Grundschule kannten die Lehrer jeden Geburtstag ihrer Schüler, irgendwie war das netter. Es gab Muffins oder Brownies oder zumindest Kekse und alle haben aus vollem Hals gesungen, sodass man sich wirklich wie eine wichtige Person und ein Teil der Gemeinschaft vorkam, auch wenn man seine Mitschüler gehasst hat. Die Grundschullehrer machten das aus einem ganz bestimmten Grund. Es war nicht nur zum Spaß. Es war wichtig.
Und ich frage mich, welcher Moment der richtige ist, um damit anzufangen, die Geburtstage einzelner Schüler zu vernachlässigen. Wann legen wir selbst keinen Wert mehr darauf, unsere Umgebung wissen zu lassen, dass wir altern, uns verändern und dem Tod näher rücken? So was sagt einem ja niemand. Als hätten sich immer alle an deinen Geburtstag erinnert und plötzlich weißt du gar nicht mehr, wann jemand das letzte Mal „Happy Birthday“ für dich gesungen hat oder wann das eigentlich aufgehört hat. Ich meine, daran sollte man sich doch eigentlich erinnern. Aber das genaue Jahr weiß ich wirklich nicht mehr. Irgendwann ist mir das einfach aus den Händen geglitten und ich hab’s nicht mal bemerkt, was mich traurig macht.

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Happy Birthday, Leonard Peacock von Matthew Quick ist ein anrührender Roman über das Erwachsenwerden und über die Einsamkeit, geschrieben aus der Perspektive eines Achtzehnjährigen, der sich viele Gedanken über die Welt macht, sie aber mit niemandem teilen kann.
Leonard muss seinen Alltag praktisch alleine bewältigen, denn sein Vater ist ein unzuverlässiger Trinker und Spieler, der die Familie verlassen hat, und seiner Mutter geht die Karriere als Modedesignerin vor – sie ist dafür sogar nach New York gezogen und hat Leonard allein zurückgelassen. So hat Leonard sich ersatzweise andere Erwachsene gesucht: den alten Walt im Haus nebenan, der den ganzen Tag Filme mit Humphrey Bogart anschaut, oder seinen Deutschlehrer Herrn Silverman, der die Klasse zu selbstständigem Denken ermuntert und vom Holocaust erzählt. Aber auch mit ihnen kann er bestimmte Ängste und Sorgen nicht besprechen.
Bei Gleichaltrigen findet Leonard keinen Anschluss. Er ist zu wenig angepasst, zu sonderlich, vielleicht auch zu klug. Nicht mal der isolierte Iraner Barack, den Leonard vor den Pöbeleien der Mitschüler schützt, ist an seiner Freundschaft interessiert. Und auch bei Lauren, die für eine religiöse Sekte Flugblätter verteilt und dauernd über Jesus spricht, kann Leonard nicht landen. Das Leben der Erwachsenen beobachtet er mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu. An manchen Tagen mischt er sich mit Anzug und Aktentasche unter die Berufspendler, um ihre Gewohnheiten zu studieren wie ein Anthropologe, macht dabei aber eher abschreckende Erfahrungen. Er kann sich nicht vorstellen, irgendwann einer von ihnen zu sein.
Leonards Einsamkeit, verbunden mit einer quälenden Erinnerung an seinen ehemaligen besten Freund Asher Beal, bringt ihn schließlich zu der Entscheidung, sein Leben zu beenden und vorher noch Asher zu erschießen. Sorgfältig trifft Leonard alle Vorbereitungen. Doch sein Plan scheitert. Herr Silverman rettet ihn aus seiner Verzweiflung und benachrichtigt Leonards Mutter. In der Begegnung mit ihr wird sehr deutlich, wie bedürftig Leonard ist – und wie wenig sie ihm geben kann. Leonard muss sich selbst helfen, er muss erwachsen werden.
Manchmal gleitet der Roman ein bisschen ins Klischeehafte ab: so etwa, als sich herausstellt, dass der verständnisvolle Herr Silverman in einer homosexuellen Beziehung lebt, oder bei der Schilderung von Asher Beal, der nach einem Missbrauchserlebnis in seiner Kindheit selbst zum Täter wird. Auch die karrierebesessene, egozentrische Mutter ist etwas eindimensional angelegt. Dagegen ist Leonards verzweifelter Wunsch, von ihr als Kind wahrgenommen und behandelt zu werden, sehr anrührend beschrieben und in einer kleinen Szene meisterlich illustriert: Er wünscht sich, dass sie ihm Bananenpfannkuchen macht „wie früher“, und sie erklärt sich einverstanden – aber am Ende kauft er alle Zutaten ein, bereitet die Pfannkuchen selbst zu und ißt sie alleine, während Linda geschäftliche Telefonate führt.

Verstehen durch Erzählen
Der Roman gibt sprachlich sehr gut die schnodderigen, gleichermaßen klugen wie verletzlichen Gedankengänge seines Protagonisten wieder. Eine Besonderheit sind die zahlreichen Fußnoten, die – ähnlich wie in einer wissenschaftlichen Abhandlung – oft zusätzliche Informationen liefern, manchmal aber auch sehr persönliche Stellungnahmen enthalten. Insgesamt wird Leonard psychologisch schlüssig dargestellt, seine Einsamkeit, seine Defizite und seine Verzweiflung sind nachvollziehbar und einleuchtend.
Die „Briefe aus der Zukunft“, die Leonard sich auf Herrn Silvermans Anraten selbst schreibt, fand ich etwas irritierend und deplatziert. Die darin geschilderte Realität ist eine bedrückende Dystopie und hat aus meiner Sicht nichts Ermutigendes. Zudem fällt diese Sciencefiction-Welt ganz aus dem Rahmen des Romans, als handele es sich dabei um Fragmente eines anderen literarischen Textes. Die Funktion der Briefe ist mir nicht klargeworden.

Fazit
Insgesamt schildert Happy Birthday, Leonard Peacock einfühlsam die Erlebniswelt eines Jugendlichen, der zu kritisch und zu nachdenklich ist, um sich unter Gleichaltrigen wohl zu fühlen, und der an den Ansprüchen des Erwachsenwerdens zu scheitern droht, weil seiner Emotionalität zu wenig Raum gelassen wird. Das klassische Dilemma der Pubertät also, der Spagat zwischen Kindheit und Reife, mit einem liebenswerten Protagonisten – sehr lesenswert.