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Buchcover Graham Gaarder: Im Schatten der Wächter

Rezension von Ina Brendel-Perpina

Durch den Überfall auf seinen Vater, der diesen arbeitsunfähig macht, muss der 14jährige Elliot umziehen und eine Schule zu besuchen, in der er unter den brutalen Schikanen seiner Mitschüler leidet. Beim Versuch eines Neuanfangs am Holminster Gymnasium fürchtet er vor allem, wieder in die Opferrolle zu geraten. Doch die Wächter, eine die anderen Schüler terrorisierende Gruppe, haben ihn als Nachfolger auserwählt. Und so erfindet Elliot eine neue Identität und wird selbst zum Täter...

BuchtitelIm Schatten der Wächter
AutorGraham Gaarder
GenreGegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter14+
Umfang199 Seiten
Edition2004
VerlagFreies Geistesleben
ISBN3-7725-2251-3
Preis14,90 € (Taschenbuch 6,95 €)

Durch den Überfall auf seinen Vater, der diesen arbeitsunfähig macht, muss der 14jährige Elliot umziehen und eine Schule zu besuchen, in der er unter den brutalen Schikanen seiner Mitschüler leidet. Beim Versuch eines Neuanfangs am Holminster Gymnasium fürchtet er vor allem, wieder in die Opferrolle zu geraten. Doch die Wächter, eine die anderen Schüler terrorisierende Gruppe, haben ihn als Nachfolger auserwählt. Und so erfindet Elliot eine neue Identität und wird selbst zum Täter. Dabei entsteht für ihn ein ausweichlicher innerer Kampf zwischen Anpassung und Widerstand. Die Erinnerungen an die eigenen Demütigungen bestätigen ihn in seiner Rolle, doch die Freundschaft mit Ben und seine beginnende Liebesbeziehung mit Louise erinnern ihn immer mehr an die Notwendigkeit, sich dem Unrecht entgegen zu stellen. Am Ende wagt er es, eine Entscheidung zu treffen und begibt sich ins Direktorat.

Am Freitagnachmittag stand Oliver wieder am Schultor wartete auf ihn. Er brauchte nichts zu sagen. Stumm folgte ihm Elliot in den Wald.
Diesmal blieb Richard auf der Mauer sitzen, sodass Elliot seinen Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzuschauen. «Dein Benehmen am Montag hat uns beeindruckt, Elliot. Du warst sehr cool. Unsere Erwartungen in dich wurden weit übertroffen.»
Elliot gefror zu Eis. Diese Worte konnten sich nur auf einzige Sache beziehen - auf die Ereignisse im Umkleideraum. Woher wussten sie davon?
«Wir haben dich ... bemerkt, Elliot. Du bist nicht - wie soll ich es ausdrücken? - du bist nicht nur ein Gesicht in der Masse. » Elliots Kehle zog sich zusammen, bis er das Gefühl langsam zu ersticken.
Wenn du auf die falsche Art und Weise auffällst, bist du tot.
«Du überragst die anderen, Elliot. Aber nicht, weil es in deiner Natur liegt - das wäre nichts Besonderes. Wenn du es willst, bist du nur einer von ihnen; die anderen akzeptieren dich. Das ist eine sehr nützliche Fähigkeit. Aber wenn du dich von  ihnen abheben willst, tust du das einfach. Du kannst das. Und die Leute akzeptieren auch das, selbst wenn es ihnen nicht auffällt. Uns ist es allerdings aufgefallen. »
Wie? Wer?, dachte er voller Panik.
Richard lachte. «Nein, nicht wir selbst, Elliot. Wir besitzen nicht diese tierische Gier, die einen dazu bringt, Leuten hinterherzulaufen.» Er rückte seine Manschette zurecht. «Nein, das überlassen wir anderen. Du würdest nicht glauben, wie wild die Leute darauf sind. Du müsstest sie dir mal anhören: immer in Eile, immer beschäftigt, immer mit dem neusten Klatsch im Gepäck. Alles, was sie von sich geben, ist: <Wir sehen uns … bis später ... vielleicht morgen.>»
Diesmal war es Elliot nicht möglich, den Krampf in seinen Kiefermuskeln zu verbergen.
Richard lachte wieder. «Verrate nicht, dass du Bescheid weißt - du würdest ihn seiner einzigen Existenzgrundlage.» Er schwieg einen Moment. «Würde dir eine solche Aufgabe zusagen, Elliot? Könntest du dir vorstellen, andere für uns zu beobachten und uns über jede ihrer Bewegungen Bericht erstatten? Wer ihre Freunde sind, was für Noten sie bekommen - übrigens, das war eine gute Leistung, die du in deinem letzten Geschichtsaufsatz abgeliefert hast. Der alte Higgins ist sehr geizig und vergibt nur selten eine 2+ -, was für Deodorant sie benutzen, was für schmutzige kleine Geheimnisse sie haben ... »
Die Bemerkung über seinen Geschichtsaufsatz warf Elliot um. Oliver war nicht in diesem Kurs. Wer sonst noch beobachtete ihn? Zehn Schüler? Hundert?
(S.78-79)

Ein dem Roman vorangestelltes Zitat aus G. Orwell, 1984, antizipiert den Zusammenhang von Überwachung und Macht, welche die Wächter als Dogma ihrer Geisteshaltung und Handlungen setzen. Der Prolog des Romans bedient sich einer zeitlichen Rückblende auf Elliots extreme physische Qualen, die ihm von seinen ehemaligen Mitschülern zugefügt worden sind. In 18 Kapiteln folgt seine Geschichte am Holminster Gymnasium. Neben der Schule als einem Ort des Terrors der Schwächeren spielt Elliots familiäres Umfeld eine wichtige Rolle, um seine Verführbarkeit erklärbar zu machen. Der Vater, einst ein lebenslustiger Mann voller Unternehmungsgeist, ist drei Jahre zuvor Opfer eines Überfalls geworden und vegetiert nun teilnahmslos vor sich hin. Da die Mutter mit der Pflege des Vaters überfordert ist, verhindert dies eine entsprechend aufmerksame mütterliche Zuwendung, bis sie am Ende, immer noch unwissend, dem Sohn ihre bedingungslose Unterstützung versichern kann. Das aus den Fugen geratene Familienleben spiegelt sich in den schulischen Übergriffen. Wie der Vater Opfer eines Übergriffs geworden ist, wird Elliot nach dem Umzug in seiner neuen Schule zum wehrlosen Opfer stigmatisiert. Opfer zu sein entwickelt sich zum zentralen Motiv. Geprägt von den traumatisierenden Erinnerungen sieht der Protagonist keine andere Wahl als sich den Wächtern anzuschließen. Dies tut er einzig aus existenzieller Angst, nicht aus Überzeugung, denn das Bewusstsein des Unrechts und der klare Blick auf die Brüchigkeit einer scheinbaren Ordnung gehen ihm nie verloren. Dadurch muss er ein Doppelleben führen, in dem er nach außen seine Solidarität mit den Wächtern demonstriert, deren Handeln aber grundsätzlich in Frage stellt. Während einzelne Lehrer das Vorgehen scheinbar nicht wahrnehmen, suchen der Schulleiter und eine Lehrerin Zugang zu Elliot, den er jedoch geschickt abwehrt, um seine Schutzrolle aufrecht zu erhalten. Die aus dem inneren Konflikt entstehende Spannung wird durch seine Freundschaft mit dem gemobbten Ben gesteigert, da diese nur heimlich möglich ist, aber in wahrer Zuneigung gründet. Auch die Liebe zu Louise droht durch die Manipulation durch den Anführer der Wächter zu scheitern, leitet ihn jedoch schließlich zum Handeln an.

Die starke emotionale und schockierende Wirkung der Geschichte um Mechanismen der Verführbarkeit entsteht aus der Drastik der brutalen Schilderungen, die mit der subtilen Intriganz des Auftretens der Wächter, die ihre Legitimität aus der Tradition heraus begründen, kontrastiert. Das Thema der tolerierten Gewalt in öffentlichen Erziehungsinstitutionen verweist auf die Perversion scheinbarer Ordnungsstrukturen und spiegelt gesamtgesellschaftliche Missstände. Wiederholt wird in der Geschichte auf G. Orwells Roman 1984 explizit Bezug genommen. Das einleitende Zitat – „Der Zweck der Verfolgung ist die Verfolgung. Der Zweck der Folter ist die Folter. Der Zweck der Macht ist die Macht. Fangen Sie nun an, mich zu verstehen?" – entwickelt sich zu einem weiteren Leitmotiv. Intertextuell raffiniert baut Gardner dabei unterschiedliche Interpretationen ein, indem die Wächter und Louise zueinander in Opposition stehende Deutungen und Handlungsanweisungen der Konstellation Macht und Abhängigkeit entwerfen.

Die 18 Kapitel schildern chronologisch Elliots Entwicklung, die Angst vor Ausgrenzung und gewaltsamen Übergriffen, die notwendige Anpassung als Mitläufer und Täter, die Kontinuität seines Konflikts bis hin zur Fähigkeit, eine ethisch autonome Entscheidung zu treffen. Vereinzelte Rückblenden auf die traumatisierenden Erlebnisse seiner Vergangenheit rufen immer wieder in Erinnerung, dass Elliots Handeln als ein in seiner Sozialisation begründeter Zwang zu verstehen ist, und sie zeigen, wie unvorstellbar es für den Jungen ist, der eigenen Angst und damit der Verschlagenheit des Systems der Wächter entgegenzutreten.

Erzählt wird die Geschichte konsequent aus Elliots Perspektive, wobei die Wiedergabe seiner Gedanken in direkter Rede erfolgt und durch Kursivdruck hervorgehoben wird. Die Identifikation des Lesers und die Wirkung der Betroffenheit, erfährt durch das Erzählen in der Er-Form eine Brechung, die Distanz und Reflexion ermöglichen. Gardner bedient sich einer schlichten, aber eindrücklich poetischen Sprache, die vor allem in der zumeist knappen Syntax große Ausdruckskraft findet.

Fazit: Körperliche Gewalt unter Jugendlichen ist vor allem für männliche Leser ein interessantes Thema. Die Geschichte über eine extreme Herausforderung, die den Protagonisten zu zerbrechen droht, ihn aber letztlich siegen lässt, beeindruckt durch ihre existenzielle Erfahrungsdimension und verschafft geübten Lesern ein eindringliches Leseerlebnis.

„Im Schatten der Wächter“ wurde mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis der Jugendjury 2005 ausgezeichnet. Die jugendlichen Leser bewerten den Roman in ihrer Jurybegründunge folgendermaßen: „temporeich, kühl, spannend, dicht, fesselnd und schonungslos offen erzählt.“ (www.jugendliteratur.org/archiv/2005/jugendjury_02.htm)


Das hochaktuelle Thema Mobbing und Gewalt bietet in einer literarisch anspruchsvollen Darstellung zahlreiche Reflexions- und Diskussionsansätze; als Klassenlektüre erscheint der Roman sehr geeignet.


Hinweise auf den Medienverbund: G. Gaarder: Im Schatten der Wächter. Gelesen von Andreas Pietschmann. Ungekürzte Lesung. Hörbuch Hamburg 2007.


Lehrerhandreichung: Elinor Matt: Schüler- und Lehrerband zu Im Schatten der Wächter. Krapp & Gutknecht.