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Buchcover Herbert Günther: Zeit der großen Worte

Rezension von T.A. Wegberg

Der Krieg ist ausgebrochen. Pauls Vater und sein Bruder Max melden sich freiwillig als Soldaten und ziehen voller Begeisterung an die Front. Der 14-jährige Paul bleibt mit der Mutter und der kleinen Schwester zurück und erlebt die zunehmende Bedrängnis der Zivilbevölkerung: Nahrungsmittel werden knapp, die Not wird immer größer. Auch die Feldpostbriefe stimmen zunehmend nachdenklich. Max berichtet von schrecklichen Erlebnissen, die er kaum verkraften kann...

BuchtitelZeit der großen Worte
AutorHerbert Günther
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang314 Seiten
VerlagGerstenberg
ISBN978-3-8369-5757-1
Preis14,95 €

Der Krieg ist ausgebrochen. Pauls Vater und sein Bruder Max melden sich freiwillig als Soldaten und ziehen voller Begeisterung an die Front. Der 14-jährige Paul bleibt mit der Mutter und der kleinen Schwester zurück und erlebt die zunehmende Bedrängnis der Zivilbevölkerung: Nahrungsmittel werden knapp, die Not wird immer größer. Auch die Feldpostbriefe stimmen zunehmend nachdenklich. Max berichtet von schrecklichen Erlebnissen, die er kaum verkraften kann.

Doch auch Paul hat es nicht leicht. Seine aufkeimende Liebe zu Ida muss geheim bleiben, sein plötzlich erwachtes Interesse an Büchern stößt auf wenig Verständnis, und als das Geschäft der Mutter keine Umsätze mehr bringt und das Haus verkauft werden muss, zieht die Familie zu Verwandten aufs Land. Der Vater fällt. Max wird schwer verletzt und wird in ein Krankenhaus verlegt, aber er kann nicht mehr sprechen. Schließlich stirbt auch er.

Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse ist es nicht einfach, erwachsen zu werden. Aber Paul steht zu seiner Überzeugung, dass der Krieg sinnlos ist, und er steht zu seiner Ida.

Alles ging erst einmal irgendwie weiter, aber hinter allem stand die Ungewissheit wie ein dunkles Tor, hinter dem das Unglück lauerte. Weihnachten und Neujahr wurden so traurig wie nie zuvor. Der Schnee wich Regen und Matsch. Weder der Vater noch Max hatten in ihren Briefen etwas von Heimaturlaub geschrieben. Einen Tag vor Heiligabend kamen Onkel Karl und Tante Lina vorbei. Tante Lina erzählte, dass Idas Mutter im Sterben liege. Onkel Karl lud uns ein, Weihnachten mit ihnen zu verbringen, aber Mutter schüttelte den Kopf. Insgeheim hoffte sie, dass Vater oder Max überraschend doch kommen würden.

Gertrud behängte die kleine verwachsene Fichte, die wir beide für zwanzig Pfennig auf dem Weihnachtsmarkt erstanden hatten, mit viel Lametta, damit man ihre Jämmerlichkeit nicht so sah. Statt Gänsebraten wie früher gab es Leipziger Kriegswurst, ein fade schmeckendes Gemisch aus Rinderblut und in Bouillon getunkten Kartoffelwürfeln mit Majoran, Pfeffer und Gelatine. Das teuerste Geschenk, das ich bekam, war von Frau Linde. Ein Buch natürlich. Buddenbrooks. Verfall einer Familie. Ich legte es zur Seite und hatte keine Lust, es zu lesen.

Weder der Vater noch Max kamen, und auch Silvester brachte keine Wunder, nur die vage Hoffnung, von der die Leute sprechen: dass 1916 den Sieg und den Frieden bringen würde

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Zeit der großen Worte von Herbert Günther beschreibt die Zeit des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines Jungen, der bei Kriegsausbruch 14 Jahre alt ist. Erst vor kurzem ist die Familie aus dem Dorf in die Stadt gezogen und betreibt hier ein gut laufendes Lebensmittelgeschäft. Als Pauls Vater und sein Bruder Max sich freiwillig an die Front melden, wird der Alltag schwieriger. Die beiden Männer fehlen und die Sorge um sie wächst mit jeder neuen Nachricht, denn ihre anfängliche Begeisterung, dem Vaterland dienen zu können, schwindet. Max’ Feldpostbriefe werden immer düsterer und bedrückender.
Mit der 15-jährigen Ida holt die Mutter sich ein wenig Unterstützung ins Haus. Das Mädchen ist in allen praktischen Angelegenheiten geschickt, sie kann kochen, putzen und sich um die kleine Gertrud kümmern. Paul bewundert sie – und verliebt sich in sie.
Zur gleichen Zeit lernt er Helene Linde kennen, eine ältere Buchhändlerin, die sein Interesse für Literatur weckt. Ihre Buchgeschenke eröffnen Paul eine neue Welt und lassen ihn erkennen, dass das Leben weit über den Horizont seiner Kleinstadt hinausreicht.
Je länger der Krieg andauert, desto schwieriger werden die Lebensumstände. Nahrungsmittel werden immer knapper, das Geschäft der Mutter läuft schlecht, sie muss eine Hypothek aufnehmen und das Haus schließlich aufgeben, weil sie die Raten nicht mehr bezahlen kann. Der Vater wird an der Front tödlich verwundet. Auch Max erleidet schwere Verletzungen und kommt in ein heimatnahes Krankenhaus, doch er hat einen Arm verloren und kann nicht mehr sprechen – niemand kann einschätzen, wie viel er überhaupt noch von seiner Umgebung wahrnimmt. Schließlich stirbt auch er.

Verstehen durch Erzählen
Zeit der großen Worte erstreckt sich über den gesamten Zeitraum des Ersten Weltkrieges, also über vier Jahre. Das Buch ist in einer schlichten, der damaligen Zeit angemessenen Sprache geschrieben und auch für historisch weniger vorgebildete Leser gut zu verstehen, da die Ereignisse aus der Sicht des Ich-Erzählers, des 14-jährigen Paul, beschrieben werden. Die Darstellung beschränkt sich also auf seine Wahrnehmung der Entbehrungen, welche die Zivilbevölkerung erleiden musste, sowie auf die Schilderungen des Vaters und vor allem des älteren Bruders von der Front.
Gerade Max findet sehr deutliche Worte für seine Ablehnung des Krieges – vielleicht ein wenig unrealistisch für die damalige Zeit, aber sicherlich dem pädagogischen Anspruch des Buches gemäß. Er warnt den jüngeren Bruder vor dem Kriegswahnsinn, bezeichnet ihn als „Menschenschlachthaus“ und schildert drastisch die blutigen Erlebnisse: „Am Ende gibt es nur zwei Möglichkeiten: schießen oder erschossen werden.“
Herbert Günther hat das Thema „Alltag im Ersten Weltkrieg“ erschöpfend und anschaulich behandelt. Er schildert viele Details, von der Kleidung über die „Kochkiste“ bis hin zum Schulalltag, aus denen der Leser sich ein authentisches Bild dieser Epoche zusammensetzen kann. Leider kommt das Innenleben des Ich-Erzählers dabei zu kurz. Paul bleibt seltsam farblos, man findet keinen Zugang zu ihm, weil er fast nie über seine Gefühle spricht und trotz der gewählten Erzählperspektive eher von außen betrachtet wird. Das erschwert eine Identifizierung mit dem Helden des Romans. Ich hatte den Eindruck, dass der Autor – Jahrgang 1947 – nur wenig Zugang zur Innenwelt eines 14-Jährigen besitzt und seinen Schwerpunkt eher auf die Schilderung der äußeren Umstände gelegt hat.

Fazit
Zeit der großen Worte ist vermutlich kein Buch, das sich Jugendliche unters Kopfkissen legen und immer wieder lesen, weil sie sich darin wiederfinden. Als detailreiches Lesebuch über die Zeit des Ersten Weltkriegs jedoch ist es sehr gut geeignet und erschließt einen Zeitabschnitt der deutschen Geschichte, den man als junger Leser sonst kaum so ausführlich und unterhaltsam präsentiert bekommt.