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Buchcover James Patterson mit Gabrielle Charbonnet: Witch & Wizard – Verlorene Welt

Rezension von Max Diehm

Eines Nachts werden die Geschwister Wisty und Whit in ihrem Elternhaus von bewaffneten Truppen gefangen genommen. Von einem Tag auf den anderen werden die zwei Teenager zu Feinden des autokratischen Regimes erklärt, das Demokratie und Freiheit mit Füßen tritt und jedem, der nicht den Normen der propagierten Ideologie entspricht – vor allem Kindern und Jugendlichen – mit massiver Gewalt begegnet. Wisty und Whit wissen nicht, dass sie in Wahrheit Hexe und Zauberer sind...

BuchtitelWitch & Wizard – Verlorene Welt
AutorJames Patterson mit Gabrielle Charbonnet (übersetzt von Ulrich Thiele)
GenreFantasy
Lesealter12+
Umfang335 Seiten und Anhang
EditionHardcover 2014 (1. Auflage)
VerlagLoewe Verlag GmbH, Bindlach
ISBN978-3-7855-7894-0
Preis14,95 € (D); 15,40 € (A)

Eines Nachts werden die Geschwister Wisty und Whit in ihrem Elternhaus von bewaffneten Truppen gefangen genommen. Von einem Tag auf den anderen werden die zwei Teenager zu Feinden des autokratischen Regimes erklärt, das Demokratie und Freiheit mit Füßen tritt und jedem, der nicht den Normen der propagierten Ideologie entspricht – vor allem Kindern und Jugendlichen – mit  massiver Gewalt begegnet. Wisty und Whit wissen nicht, dass sie in Wahrheit Hexe und Zauberer sind. Durch ihre magischen Kräfte stellen die Geschwister eine Bedrohung für die „Neue Ordnung“ und deren Anführer „Den Einen, Der Der Einzige Ist“ dar. Im Gefängnis werden die beiden Jugendlichen einer unmenschlichen Behandlung durch die grausame Oberin und den sadistischen „Besucher“ ausgesetzt. Wisty und Whit nutzen ihre neu entdeckten Zauberkräfte, die sie mit der Zeit zu kontrollieren lernen, um den Fängen der Unterdrücker zu entkommen. Unterstützung erhalten sie von Whits Freundin Celia, die vom Regime ermordet wurde und nun als „Halblicht“ zwischen dem Diesseits und dem „Schattenland“ umherwandert.  Zusammen mit einigen jugendlichen Widerstandskämpfern machen sie sich daran, in waghalsigen Abenteuern weitere eingesperrte Kinder aus dem Gefängnis des Terrorregimes zu befreien. Nach einem vorläufigen Sieg gegen zahlreiche Handlanger der Diktatur begeben sich die Geschwister mit Hilfe neuer Verbündeter auf die Suche nach ihren verschwundenen Eltern.

Wir waren im normalen Leben schlafen gegangen und in einem totalitären Staat aufgewacht.
Als Erstes fielen mir die unzähligen Flaggen auf, die über uns flatterten, alle mit zwei großen schwarzen Druckbuchstaben: N. O.
NO. Wie passend. Fast schon poetisch. NO.
Wir befanden uns vor einem riesigen Gebäude ohne Fenster, das von einem Maschendrahtzaun mit gerolltem Stacheldraht an der Oberkante geschützt wurde. Auf dem Marmorblock über der Stahltür stand in großen, gravierten Lettern:
BESSERUNGSANSTALT DER NEUEN ORDNUNG.
Mit einem Karren öffnete sich die Tür des Lieferwagens – und ich begriff, dass ich so schnell niemanden über den Haufen rennen würde. Zehn weitere Wachen, diesmal in schwarzen Uniformen, joggten aus dem Hauseingang und positionierten sich zusammen mit den Fahrern im Halbkreis um das Heck des Wagens.
»Okay. Lasst sie nicht aus den Augen«, hörte ich einen sagen. »Ihr wisst schon, sie …«
»Ja, wissen wir«, nölte einer der Fahrer. »Ich hab ein paar hübsche Brandwunden als Erinnerung.«
Als wir von den hirnamputierten Sturmtruppen aus dem Wagen gezogen und durch das hohe, stacheldrahtgekrönte Tor geschleift wurden, versuchte ich gar nicht erst, mich zu wehren.
Mit meinen 1,85 Meter und 86 Kilo bin ich echt kein halbes Hemd. Doch die Typen behandelten mich wie einen Sack Popcorn. Wisty und ich bemühten uns, auf den Füßen zu bleiben, aber so wie die Kerle an uns zerrten, konnten wir das vergessen.
»Wir können selber laufen!« schrie Wisty. »Wir sind nicht bewusstlos!«
»Das lässt sich ändern«, meinte ein Schlägertyp.
»Hört mal«, sagte ich. »Das ist alles ein Missver…«
Meint Protest endete in einem Quieken – der Typ neben mir hatte mit dem Schlagstock ausgeholt. Sie schoben uns die Betonstufen hinauf, durch die schwere Stahltür und in einen hell erleuchteten Empfangsraum, der an ein Gefängnis erinnerte: ein massiger Wachmann hinter einem Fenster aus Panzerglas, eine Gittertür, noch ein Wachmann mit einem Knüppel im Anschlag.
Ein lautes Summen ertönte und die Gittertür öffnete sich. Die Männer stießen uns hindurch.
»Kommt ihr euch nicht ein bisschen blöd vor?«, versuchte ich es noch mal. »Ein Dutzend ausgewachsene Männer gegen zwei Kids – ist doch irgendwie peinlich! Wie wär’s, wenn ihr – uff!« Der eine Wachmann hatte mir seinen Holzknüppel in die Rippen gerammt.
»Denkt lieber über euer Verhör nach«, meinte der Typ. »Reden oder sterben. Es ist eure Entscheidung, Kiddies.« (Witch & Wizard – Verlorene Welt, S. 50–52)

Der Roman Witch & Wizard – Verlorene Welt spielt in einer dystopischen Zukunft, in der das autokratische System der „Neuen Ordnung“ die Herrschaft über den größten Teil der Welt erlangt hat und diese nun nach den Vorstellungen ihrer Ideologie umgestaltet. Alle unfolgsamen Jugendlichen werden mit massiver Brutalität bekämpft, gefoltert und sogar hingerichtet. Besondere Härte erfahren Menschen, die magische Fähigkeiten besitzen, da diese von der Obrigkeit als Bedrohung angesehen werden. Die Geschwister Wisty und Whit Allgood sind durch eine Prophezeiung dazu bestimmt, dem Widerstand gegen das Unrechtsregime zum Sieg zu verhelfen.

Die Geschichte beginnt mit der bevorstehenden Hinrichtung der gesamten Allgood-Familie, von wo aus die Haupthandlung als Rückblick aus der Sicht der Protagonisten erzählt wird. Durch die Verhaftung der Geschwister beginnen diese, das Unrecht, das sie umgibt, wahrzunehmen und sich dagegen zu wehren. Gleichzeitig entdecken sie ihre magischen Fähigkeiten, die sie – nicht zuletzt aufgrund der Notsituation – zu trainieren und beherrschen versuchen. So entwickeln sich die Protagonisten während ihrer Haft, in der sie mit mehreren Gegenspielern konfrontiert werden, zu stärkeren Magiern und selbstbewussteren Gegnern des Unrechtsstaats. Der Hauptgegner der Helden ist „Der Eine, Der Der Einzige Ist“, der unheimliche und selbst magisch begabte Machthaber, der mehrfach auftaucht. Jedoch kommt es noch nicht zum Kampf. Stattdessen müssen die Protagonisten zunächst kleinere Gegner überwinden, an denen sie wachsen und ihre Fähigkeiten zu entwickeln lernen. Die Geschwister treten gegen grausame Vertreter der „Neuen Ordnung“ an, wie „Den Einen, Der Richtet“, die Oberin – seine unbarmherzige Schwester – sowie den „Besucher“, einen sadistischen Aufseher.

Unterstützung erfahren Wisty und Whit von weiteren jugendlichen Widerstandskämpfern wie der entschlossenen Margo, der besonnenen Janine und dem hilfsbereiten Sasha. Eine wichtige Rolle spielt Whits ermordete Freundin Celia, die als „Halblicht“ den Geschwistern den Weg ins „Schattenland“ weist und ihnen so die Flucht aus dem Gefängnis ermöglicht. Auch verschafft sie ihnen einen tieferen Einblick in die verschiedenen Dimensionen der Welt und das Verhältnis zwischen „Oberwelt“ und „Unterwelt“. Zudem stellt sie für Whit einen besonderen Bezugspunkt dar und ist oft Teil seiner Gedanken und Träume. Die Sehnsucht Whits nach Celia und die Liebesgeschichte der beiden sind ein weiterer Aspekt der Handlung, der an die Lebenswirklichkeit der Leser anknüpft.

Mit den Figuren Jonathan und Byron Swain finden sich in der Geschichte auch zweifelhafte Charaktere, deren wahre Gesinnung und Beziehung zu den Protagonisten unklar ist und sich im Laufe der Erzählung ändert. Jonathan, der ursprünglich den Verbündeten der Helden angehörte, stellt sich gegen Ende des Romans als Verräter heraus, der zu den Handlangern des Regimes überläuft. Byron hingegen wird zu Beginn als Feind der Geschwister etabliert, wird jedoch am Ende geläutert und fungiert von nun an als deren Begleiter und Helfer. Somit erfüllen die beiden Charaktere Eigenschaften des Archetypus „Gestaltwandler“, einer zweifelhaften Figur, die vor allem deshalb eingeführt wird, um die Spannung zu steigern.

Da es sich bei Witch & Wizard – Verlorene Welt um den Beginn einer Buchreihe handelt, lassen sich viele, aber noch nicht alle Stationen einer typischen Heldengeschichte erkennen. Die Binnenerzählung beginnt in der „Gewohnten Welt“ der Protagonisten, die durch die Verhaftung zerstört wird. Obwohl die Geschwister mit ihrer Gefangenschaft und dem Aufkeimen der magischen Fähigkeiten  gezwungen sind, dem „Ruf des Abenteuers“ zu folgen, weigern sie sich zunächst, an ihre eigenen Kräfte zu glauben. Durch den Druck der Feinde und die Ermutigung durch die Verbündete Celia gewinnen die beiden jedoch an Selbstvertrauen. Das „Überschreiten der Schwelle“ findet in wörtlichen Sinne statt: Mit Celias Hilfe treten die Geschwister in das Schattenland ein und entkommen so der Gefangenschaft durch das Regime. Neue Verbündete finden sie in den jugendlichen Widerstandskämpfern, die sich in einem verlassenen Kaufhaus einquartiert haben. Mit ihnen bestehen sie die „entscheidende Prüfung“ des ersten Bandes, die Befreiung der Gefangenen aus dem Oberwelt-Gefängnis und den Kampf gegen „Den Einen, Der Richtet“. Nach diesem ersten Erfolg begeben sich die Protagonisten auf die Suche nach ihren verschwundenen Eltern, womit die Reise der Helden fortgeführt wird.

Trotz des ernsten Themas und der teilweise schonungslosen Darstellung der Brutalität einer Diktatur ist die Geschichte in einer unterhaltsamen Sprache verfasst, die beispielsweise auch Raum für lustige Dialoge lässt. Die Sätze sind einfach gehalten und ermöglichen auch eher ungeübten Lesern, der Geschichte ohne Schwierigkeiten zu folgen. Auch sind die Kapitel mit ihren meist zwei bis vier Seiten knapp gehalten. Für ältere Leser mit einem breiteren kulturellen Vorwissen finden sich in der Geschichte zahlreiche Anspielungen auf reale Künstler, Museen und Bücher – wie die Rolling Stones, das Guggenheim Museum oder Der Fänger im Roggen – die auf amüsante Weise ausgeschmückt werden.

Das Cover ist mit seinem einfachen schwarzen Hintergrund und dem großen flammenden „W“, dem zwei Gesichter entspringen, ansprechend und geheimnisvoll gestaltet.

Fazit: Eine spannende und unterhaltsame Heldengeschichte, die fantastische Elemente und die Auseinandersetzung mit der Brutalität und Willkür eines autokratischen Unrechtsstaates miteinander verbindet

Witch & Wizard – Verlorene Welt ist ein spannender und unterhaltsamer Lesestoff für Jugendliche ab 12 Jahren, wobei die wechselnden Ich-Erzähler Jungen und Mädchen gleichermaßen zur Identifikation einladen. Durch die ernste Thematik und die zahlreichen kulturellen Anspielungen ist der Roman auch für ältere Jugendliche interessant. Er ist sowohl für die private Lektüre als auch für die Behandlung im Unterricht geeignet. Hier würde sich eine Einheit zu den politischen und gesellschaftlichen Aspekten der Geschichte anbieten.