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Buchcover Sarah Crossan: Wer ist Edward Moon?

Rezension von Tanja Hattermann

Der 17-jährige Joe Moon macht sich auf den Weg nach Texas, um seinem zum Tode verurteilten Bruder Ed beizustehen. Doch wird er von Ed endlich Antworten auf all seine Fragen erhalten? Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn das Hinrichtungsdatum rückt unaufhaltsam näher…
Spannende und zutiefst bewegende Lektüre über Familienbande, Schuld und Gerechtigkeit, die zur Auseinandersetzung mit existenziellen Themen herausfordert.  Dank des originellen Erzählstils entfaltet dieser Roman einen regelrechten Lesesog und ist daher auch für weniger geübte Leser zu empfehlen.

BuchtitelWer ist Edward Moon?
AutorSarah Crossan
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang357
VerlagMixtvision
ISBN978-3-95854-140-5
Preis17,00

Wer ist Edward Moon?
Diese Frage stellt sich der 17-jährige Joe täglich, seit er von New York nach Texas gereist ist, um in der Nähe seines kurz vor der Hinrichtung stehenden Bruders zu sein und endlich der ganzen Wahrheit über die Hintergründe des Todesurteils auf die Spur zu kommen.
Rückblickend erfährt man alles über die sozial schwierigen Verhältnissen, in denen der Halbwaise Joe aufgewachsen ist: Eine labile alleinerziehende Mutter, die sich kaum um ihn kümmern kann, eine Kindheit voller Entbehrungen. Doch die drei Geschwister bilden ein eingeschworenes Team und der fürsorgliche ältere Bruder Ed ist für Joe jahrelang zugleich Freund und Vater-Ersatz. Als Ed des Mordes an einem Polizisten bezichtigt und auf der Grundlage eines falschen Geständnisses zum Tode verurteilt wird, verschwindet die Mutter endgültig aus dem Leben ihrer Kinder. Die tiefgläubige Tante Karen übernimmt das Regiment und lässt nur sporadischen Briefkontakt mit dem inhaftierten Bruder zu.
Nun allerdings, da der Hinrichtungstermin feststeht, setzt sich Joe über die strikten Regeln der Tante hinweg und kommt der Bitte seines Bruders nach, ihn im Gefängnis zu besuchen. Zunächst auf sich allein gestellt schlägt Joe sich in der Tristesse der texanischen Kleinstadt unbeirrt durch: Er mietet eine schäbige Wohnung, besorgt sich einen Job und lernt das Mädchen Nell kennen, in das er sich verliebt.
Die täglichen Besuche bei Ed im Todestrakt sind überschattet von Joes inneren Konflikten und der Suche nach Gewissheit: Ist der einst so vertraute Bruder tatsächlich ein Mörder? Sitzt Ed verdientermaßen in der Todeszelle? Schließlich konfrontiert Joe den Bruder direkt mit der Schuldfrage, woraufhin Ed sich zunächst enttäuscht zurückzieht, sich dann jedoch in Briefen und Gesprächen öffnet. Auch die Beziehung zu Nell wird auf eine harte Probe gestellt, als Joe erfährt, dass sie die Tochter des Gefängnisdirektors ist, der letztlich Mitverantwortung für die Vollstreckung des Todesurteils trägt. Wenige Tage vor dem Hinrichtungsdatum reist neben Schwester Angela überraschenderweise auch Tante Karen an und die Familie steht in den schweren Stunden des Abschieds zusammen.

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Sarah Crossans gesellschaftskritischer Coming-of-Age-Roman besticht durch die Kombination aus brisanter Thematik, sprachlicher Virtuosität und einem ganzen Tableau starker Figuren.
Bereits auf den ersten Seiten des Romans wird spannungsgeladene Atmosphäre mittels einer Rückblende erzeugt: Joe erinnert sich an Eds ersten Anruf nach dessen Verhaftung. Mit wenigen Strichen und enormem Gespür für Zwischentöne skizziert die Autorin in dieser ersten Szene das Bild einer zerrütteten Familie in der Krise. Die beklemmende Stimmung wie auch die emotionale Distanz der Mutter ist förmlich mit Händen zu greifen.
Durch die konsequente Erzählperspektive des 17-jährigen Joe wird der Leser geradewegs in die schwelenden familiären Konflikte hineinkatapultiert und der Protagonist zu einer lebendigen, nahbaren Figur. Joe ist ein sympathischer, facettenreicher Charakter mit hohem Identifikationspotenzial. So tritt er rational und verantwortungsbewusst auf und demonstriert durch sein couragiertes Handeln Stärke. Zugleich durchlebt Joe im fernen Texas angesichts der ausweglosen Lage im letzten Berufungsverfahren jedoch auch Momente der Verzweiflung, Ohnmacht und Überforderung, in denen er die tatkräftige Unterstützung seiner älteren Schwester Angela herbeisehnt. In solchen Situationen versucht Joe, der passionierte Leichtathlet, im wahrsten Sinn des Wortes vor seinen Problemen davonzulaufen. Trotz aller Tragik blitzen in seinem Leben hin und wieder Funken der Hoffnung und des Glücks auf; so lernt Joe durch die Beziehung zu Nell neben Akzeptanz und Trost auch die heilsame Kraft der Liebe auf neue Art kennen.
Die Erzählkonstruktion überzeugt durch den rasanten Wechsel zwischen Joes Alltag in Texas und den assoziativen Erinnerungen an seine Kindheitserlebnisse mit Ed, dadurch entwickelt der Roman eine ganz eigene Dynamik. Besonders feinfühlig erzählt ist die über Wochen andauernde behutsame Annäherung der Brüder im Besuchsraum des Todestraktes. Joe ist hin- und hergerissen zwischen bedingungsloser Bruderliebe und vom Druck der Öffentlichkeit verstärkten Zweifeln an Eds Glaubwürdigkeit. In dieser emotionalen Ausnahmesituation beweist er Beharrlichkeit und gibt sich nicht eher zufrieden, bis Ed ihm die Wahrheit endlich ins Gesicht sagt. Nicht nur diese ergreifende Szene, sondern der gesamte Roman regt den Leser zur kritisch-reflektierten Auseinandersetzung mit den großen universellen Fragen des menschlichen Miteinanders an: Liebe, Schuld, Moral, Gerechtigkeit, Vergebung. Dabei werden die angesprochenen Themen zwar vor dem Hintergrund der persönlichen Betroffenheit des Ich-Erzählers ausgelotet, doch aufgrund diverser Leerstellen im Text wird der Leser dazu aufgefordert, sich eine eigene Meinung zu bilden.
Besonders positiv hervorzuheben ist, dass auch die ambivalent gezeichneten Nebenfiguren (z.B. Tante Karen, Nell) durchweg als Charaktere überzeugen und das Beziehungsgeflecht der texanischen Kleinstadtbewohner sehr authentisch wirkt.
Ein weiterer Pluspunkt dieses Jugendromans liegt in dem unkonventionell poetischen Erzählstil begründet. Freie Rhythmen schaffen in Verbindung mit glaubhafter Jugendsprache und dialogstarken Szenen (z.B. zwischen Joe und Nell) eine dichte Erzählatmosphäre. Auch Eds Briefe aus dem Gefängnis entfalten durch die eingängige Rhythmik der Sprache einen besonderen Sound, der gut mit den Gedanken und Gefühlen des zum Tode Verurteilten korrespondiert. Aufgrund der besonderen typografischen Gestaltung ist die Textmenge überschaubar; teilweise sind die Kapitel extrem kurz und bestehen nur aus Überschrift und wenigen - oftmals umso gehaltvolleren - Versen auf einer ansonsten weißen Seite. Diese äußere Form könnte auch ungeübteren Lesern den Einstieg in die Romanlektüre erleichtern.

Aufgrund der thematischen Schwerpunktsetzung und der Verquickung mit moralischen Fragen (u.a. Schuld, Gerechtigkeit, Vergebung) eignet sich der Roman als Klassenlektüre, auch im Rahmen eines fächerübergreifenden Unterrichtsprojekts (Deutsch, Englisch, Ethik, Rechts- bzw. Sozialkunde). Erste Anknüpfungspunkte könnten hier die Empfehlungen der Autorin bieten: So verweist Sarah Crossan in ihren Anmerkungen auf den Film Fourteen Days in May über das Schicksal des zum Tode verurteilen Edward Earl Johnson als Inspirationsquelle für das fiktive Konstrukt ihres Romans. Des Weiteren gibt sie konkrete Hinweise zur vertiefenden inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem US-amerikanischen Justizsystem.
Die besondere Form des Versromans bietet zudem vielfältiges Potenzial für das literarische Lernen. Auch die innere Entwicklung des Protagonisten sowie die eindringlichen sprachlichen Bilder könnten in diesem Kontext fokussiert werden. Als Einstieg wäre ein Vergleich der Covergestaltungen (Moonrise, englische Originalfassung vs. deutsche Hardcoverausgabe) lohnenswert, zumal die beiden Buchtitel und Illustrationen ganz unterschiedliche Assoziationen wecken.
Im schulischen Kontext empfiehlt sich das Werk darüber hinaus für den Einsatz in freien Leseformaten und Vielleseverfahren.
Als Freizeitlektüre verspricht dieser Pageturner sowohl versierten als auch weniger erfahrenen Lesern ein emotional berührendes und nachhaltig wirkendes Leküreerlebnis.