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Buchempfehlungen

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Buchcover William Sutcliffe: Wir sehen alles

Rezension von Alexei Medvedev

Eine geteilte Stadt. Ein hybrider Drohnenkrieg. Zwei Gegner. Ein perfektes Game-Szenario. Doch es geht nicht um ein Computerspiel. Es geschieht hier und jetzt auf den zerbombten Straßen von London und seiner Außenbezirke.
Der Drohnenpilot Alan hat den Auftrag, #K622 zu beseitigen. Lex‘ Ziel ist, dies zu verhindern. Denn #K622 ist sein Dad…

BuchtitelWir sehen alles
AutorWilliam Sutcliffe
GenreComing of Age
Lesealter14+
Umfang288
VerlagRowohlt Taschenbuch Verlag, rotfuchs
ISBN978-3-499-21831-6
Preis15,00

Wir befinden uns mitten im Krieg im zerstörten und geteilten London. Im Zentrum des Romans stehen zwei Protagonisten: ein 16-jähriger Junge namens Lex, der im Krieg aufgewachsen ist und sämtliche Überlebensstrategien beherrscht. Auf der anderen Seite steht Alan, der ein paar Jahre älter ist. Selbst seine Mutter hält Alan für einen Loser, der außer Computerspielen nichts kann. Doch genau dieses Hobby verschafft ihm einen hartumkämpften Platz im Trainingsprogramm beim Militär. So wird Alan Soldat und Drohnenpilot: Als passionierter Gamer ist er prädestiniert für diese Tätigkeit. Vielleicht wären sich Lex und Alan nie begegnet, aber es gibt einen Dritten, der beide verbindet: Lex‘ Vater. Er ist Mitglied einer Widerstandsgruppe, die im Untergrund agiert und vom Militär beobachtet wird. Alans Aufgabe ist, das Objekt mit der Nummer #K622 zu observieren. Für Alan ist #K622 ein namenloses Objekt, für Lex ist es sein Vater. Der Roman hat kein Happy End: Alan erfüllt zwar seinen Auftrag, kommt aber vors Kriegsgericht. Doch das Leben geht weiter. Auch Lex lebt weiter, im Kopf von Zoe, seiner Freundin von damals und im Namen von Zoes Tochter Alexa...

Eine Leseprobe kann hier eingesehen werden.

Der Roman von William Sutcliffe „Wir sehen alles“ ist eine Mischung aus Dystopie, Blockbuster und Coming-of-Age-Roman. Trotz dieser auf den ersten Blick „realitätsfernen“ Genrezugehörigkeit offenbart der Roman von den ersten Seiten an auch einen herstellbaren Bezug auf die heutige Realität. Unbemannte Killerdrohnen, digitale bzw. hybride Kriege, Sperrzonen und geteilte Städte bzw. Länder sind seit Jahren Teil unseres Zeitgeschehens. Auch das Romansetting lässt sich gut lokalisieren: Durch die Ruinen und zerbombten Straßenzüge dringen die uns vertrauten Bilder des London „von damals“ hindurch. Das macht den Romanschauplatz gut erkennbar und zugleich doch nicht wiedererkennbar. Das Leben der Menschen in der Pufferzone ist von Angst und Unsicherheit geprägt. Die heranwachsende Generation kennt nichts anderes als das Leben im Krieg. Aus diesem Grund kann man dieses Buch auch als Antikriegsroman der neuen Generation bezeichnen, der Brücken schlägt zur Antikriegsliteratur, die nach dem Ersten oder dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist.
Ohne Schwarz-Weiß-Malerei zu betreiben, schafft es Sutcliffe gekonnt, sofort eine klare Konfliktlinie zu ziehen: zwei Welten, zwei Fronten, zwei Ideologien, die sich bekämpfen. Nur die eine Seite hat mehr Macht und befindet sich in ständiger Offensive. Die andere Seite, das sind die Gejagten, die ums Überleben kämpfen und nur im Hintergrund agieren können. Auf der Figurenebene beobachten wir eine gewisse Doppeloptik. Im Zentrum des Romans stehen zwei junge Protagonisten – Alan und Lex. Auf den ersten Blick: zwei junge Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie müssen schwierige Situationen in ihrem Leben meistern und folgeträchtige Entscheidungen treffen. Die Perspektive wechselt von Kapitel zu Kapitel. Und irgendwann beim genauen Betrachten entsteht eine menschliche Parallelität: Beide stehen am Anfang ihres erwachsenen Lebens, beide haben Familien, beide versuchen, ihre Liebe zu finden, beide haben Ängste und Träume, kennen Verluste und Enttäuschungen, aber auch schöne Momente im Leben.
Doch hier hat der ältere Alan etwas Vorsprung: Er arbeitet auf der Seite der Jäger und kann jederzeit Lex und seine Familie im Visier haben. Und dennoch ist der Konflikt nicht so eindimensional. Beide Figuren sind auf ihre Art und Weise Sympathieträger.
Etwas kritisch zu sehen  ist das Finale des Romans, wo Zoe,  Lex‘ Freundin während der Haupthandlung des Romans, auf den letzten zehn Seiten im Zeitraffer eine neue Familie gründet, zwei Kinder bekommt, 16 Jahre später das Ende der Sperrzone erlebt und am selben Tag an den Ort ihrer Liebe zurückkehrt, um die Spuren jener Nacht, in der sie zum ersten Mal miteinander Sex hatten, in der immer noch leerstehenden Wohnung wiederzufinden. Das Ganze ist zu weit nach vorne ausgeholt und klingt zu melodramatisch, schmälert allerdings nicht den Gesamteindruck nach der Lektüre. Sprachlich ist der Roman klar strukturiert und sehr gut auf die Zielgruppe zugeschnitten.
Das Wertvollste an diesem Roman: Sutcliffe verzichtet auf das in solchen gameähnlichen Settings häufige Täter-Opfer- bzw. Jäger-und-seine-Beute-Schemata und verleiht dem Roman eine ethisch-philosophische Tiefe. Er spricht Themen wie Ethik der Kriegsführung, individuelle Verantwortung, Konflikt zwischen Pflicht und eigenem Gewissen. Ein empfehlenswertes Buch auch für Erwachsene, die Kriege anzetteln!

Dank seiner gesellschafts- und – ganz konkret – kriegskritischen Ausrichtung eignet sich der Roman gut als Klassenlektüre sowohl für den Deutschunterricht als auch möglicherweise für den Projektunterricht in den Fächern Ethik/Politik/Gesellschaftskunde. Der Roman setzt sich am Beispiel der beiden Protagonisten mit den Themen Ethik der Kriegsführung, individuelle Verantwortung, Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen auseinander, die in der globalisierten Welt, in der Welt von lokal geführten Kriegen, aber auch für jede/n Einzelne/n von uns aktuell sind. Somit ist der Roman ein wertvolles Beispiel moderner Antikriegsliteratur für Jugendliche, die Zugänge zu diesem Thema über andere Themen wie Gaming bekommen können.