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Buchcover Monica M. Vaughan: K.I. Freundschaft vorprogrammiert

Rezension von Eva Maus

Danny ist 12 Jahre alt und ein nerdiger Einzelgänger; Eric ist angesagt und markenbewusst. Ihre Freundschaft ist weder wahrscheinlich – noch vorprogrammiert. Weil die Lesenden (anders als Danny und sogar Eric selbst) wissen, dass  Eric ein Roboter ist, bietet dieses tolle Buch jede Menge Komik, Tragik, Spannung und Stoff zum Nachdenken: Wie verändert ihre Freundschaft die beiden, wann entdecken sie das Geheimnis und werden sie sich gegen Erics Schöpfer behaupten können?

BuchtitelK.I. Freundschaft vorprogrammiert
AutorMonica M. Vaughan
GenreScience Fiction
Lesealter12+
Umfang336
Verlagdtv junior
ISBN978-3-423-76264-9
Preis14,95

Der 12jährige Danny ist ein ‚Loser‘ und hat weder viel Geld noch Freunde oder ein Social Media-Profil. Seine Zeit verbringt er mit Spielen und Basteleien am Computer. Als er den gleichaltrigen Eric kennenlernt, erwartet er zunächst nicht viel, denn Eric hängt mit den angesagtesten Jungen in der Schule herum, sammelt online Follower und trägt nur teure Marken-Klamotten. Doch gegen alle Wahrscheinlichkeit freunden sich die beiden an. Was die Jungen zunächst nicht wissen: Eric ist ein Roboter – genau wie seine Eltern – und darauf programmiert, Werbung für bestimmte Produkte zu machen. Die Freundschaft mit Danny ist allerdings nicht programmiert und verändert die K.I. stark. So finden die beiden mit Hilfe von Dannys technikbegabtem Cousin heraus, dass Eric kein Mensch ist und dass es bereits tausende von Werbe-K.I.s gibt, die unbemerkt von der Öffentlichkeit Stimmung für bestimmte Marken machen. Doch die Konfrontation mit der Werbeagentur, der die K.I.s gehören, führt dazu, dass Eric ausgeschaltet wird. Danny kann lediglich den Seelen-Chip seines Freundes retten und schließlich Erics Aufzeichnungen – ergänzt durch eigene Erinnerungen – veröffentlichen.

Leseprobe:

Meine Freunde freuten sich richtig über das Süßigkeitensammeln. Ich freute mich auch, weil Freunde sich über die gleichen Dinge freuen sollten. Manchmal finde ich nicht das Gleiche gut wie sie, aber ich will nicht, dass sie das merken, deshalb tue ich einfach so. Manchmal liege ich falsch, aber dann lerne ich daraus und kann es beim nächsten Mal besser machen. Wie in der Locke Road Nr. 42. Die Frau, die uns aufmachte, war angezogen wie eine Ärztin, aber mit Blutflecken auf ihrem weißen Kittel und im Gesicht. Sie erklärte uns, dass Süßigkeiten unsere Zähne kaputt machen würden, und bot uns Äpfel an. Jeder nahm einen. Im Davongehen tat ich total begeistert, so wie Harry bei dem Haus davor, da bemerkte ich, dass Luke, Harry und Tyler alle ganz finster schauten.
„Das meinst du ironisch, oder?“, frage Harry.
„Ironisch bedeutet, dass man etwas sagt, aber das Gegenteil davon meint.
„Klar, natürlich“, bestätigte ich schnell.
Harry, Tyler und Luke nickten.
„Echt lahm“, sagte Tyler und warf den Apfel auf den Gehweg. Während wir zum nächsten Haus gingen, dachte ich darüber nach, was passiert war, und kam zu dem Schluss, dass man sich offenbar nur über Süßigkeiten freuen sollte. (S.50 f.)

Außergewöhnlich ist K.I. Freundschaft vorprogrammiert vor allem durch Eric als unzuverlässigen Erzähler. Ganz am Anfang des Buches klärt Danny die Lesenden darüber auf, dass Eric ein Roboter war und dass er dessen Aufzeichnungen veröffentlicht und durch eigene Erinnerungen ergänzt. Dem Wechsel zwischen Dannys und Erics Perspektive lässt sich dabei gut folgen und die sehr unterschiedlichen Erzählweisen lockern den Text auf. Gerade die Kapitel aus Erics Sicht machen in ihrer Naivität und Sachlichkeit Freude, weil ihnen eine ganz eigene Komik innewohnt. Die Angabe des jeweiligen Datums und Erzählers am Anfang jeden Kapitels helfen zudem bei der Orientierung im – abgesehen von Prolog - chronologisch erzählten Geschehen.

Weil Eric anfangs selbst annimmt, er sei ein Mensch, versteht er viele Begebenheiten nicht, bei denen die Lesenden zumindest ahnen, was vor sich geht: wöchentliche Zahnarztbesuche mit Wissenslücken zum Beispiel (Wartung des Roboters) oder sehr großzügige Geschenk-Pakete von Onkel Martin (Lieferung zu bewerbender Produkte). Durch Dannys Ankündigung, dass Eric am Ende der Handlung ‚stirbt‘, baut sich bereits am Anfang des Buches Spannung auf, die die Handlung bis zum Schluss trägt – unterstützt durch einen etwas blassen Showdown auf den letzten Seiten.

Gleichzeitig beobachtet man Eric dabei, wie er versucht, das Verhalten der Menschen zu verstehen und sich anzupassen. Das hat teilweise sehr witzige Folgen wie bei der Übernachtungsparty, für die er im Internet nach dem korrekten Verhalten recherchiert und dann seine Freunde mit einem mitgebrachten Nagellack-Sortiment überrascht. Andererseits werden – ganz ohne wertenden Kommentar – dadurch auch typische Regeln des Zusammenlebens von Heranwachsenden als logisch schwer nachzuvollziehbar enttarnt. Positiv fällt auf, dass der Wert von teuren Marken-Produkten, einem beliebten Social-Media-Auftritt oder den ‚richtigen‘ Freunden nicht als völlig unwichtig dargestellt, sondern lediglich in einen kritischen Kontext gestellt werden. Gleichzeitig lernt Eric, wie wichtig menschliche Beziehungen sind und dass zum Beispiel selbstgebastelte Geschenke einen größeren Wert haben können als gekaufte. Eric und Danny profitieren so gleichermaßen von ihrer Freundschaft und auch die Lesenden bekommen die Möglichkeit, von außen auf scheinbar selbstverständliche Werte und Normen zu blicken und sie zu überdenken, ohne dass diese Gesellschaftskritik die Handlung bestimmen würde.

Mit Danny und Eric gibt es zwei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen sympathische Protagonisten und mindestens mit Danny können sich sicherlich sehr viele Jungen identifizieren. Er ist ein Außenseiter und wird gemobbt, aber er hat auch viele Stärken und entwickelt sich zu einer selbstbestimmten und aktiven Figur. Obwohl es um Freundschaft und auch um Gefühle geht, treibt Monica M. Vaughan die äußere Handlung so zügig voran, dass nie der Eindruck entsteht, der Roman würde psychologisieren. Zudem fasziniert, dass die Handlung in einer sehr nahen Zukunft spielt, in der man die aktuelle Lebensrealität wiedererkennt, aber in der unbemerkt K.I.s leben. Nur das Cover wurde leider unglücklich gewählt, erinnert an qualitativ eher schwächere TV-Unterhaltung und wird dem Inhalt des Buches in keinster Weise gerecht.

Insgesamt gelingt Manica M. Vaughan in K.I. Freundschaft vorprogrammiert eine beeindruckende Balance zwischen Spannung, Komik und Gesellschaftskritik und damit ein Buch, das Science Fiction-Fans genauso süchtig machen wird wie Leser*innen von realistischer Literatur – und vielleicht sogar Lesemuffel.

Weil K.I. Freundchaft vorprogrammiert Gesellschaftskritik transportiert und ebenso als spannende Unterhaltung funktioniert, kann der Titel sowohl als Privatlektüre und freie Lektüre im schulischen Kontext als auch als begleitete (Klassen-)Lektüre genutzt werden.
Für Ersteres bietet das Buch den Vorteil, dass es von der ersten Seite an spannend ist und so viele Themen aufgegriffen werden, so dass sehr viele Schüler*innen Zugang zu der Handlung finden können.
Als Klassenlektüre oder in anderen Formaten des begleiteten Lesens eignet der Roman sich, weil alle angeschnittenen Themen (Hierarchien unter Schüler*innen durch Social Media, Marken-Produkte und die Zugehörigkeit zur ‚richtigen‘ Peer-Group/ Freundschaft/ Familie/  K.I. als Chance, Gefahr oder eigene Persönlichkeit/ Zukunftsvisionen/ …) und auch die interessante Erzählperspektive, die durch den Wissensvorsprung der Lesenden gegenüber dem Ich-Erzähler Eric entsteht, eine Vielzahl an Möglichkeiten für didaktische Aufarbeitung und Anschlusskommunikation bieten, ohne viel Vorwissen vorauszusetzen.