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Buchempfehlungen

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Buchcover Daniel Höra: Kopf runter, durchhalten

Rezension von Sandra Flatscher

„Was gehen uns die Nazis an?“, denken sich Hans und seine Freunde nach der sogenannten Machtübernahme am 30. Januar 1933 in Berlin. Sehr viel, wie Hans bald entdecken muss: In der Schule wird ein Nationalsozialist neuer Rektor, Hans‘ Pfadfindergruppe wird aufgelöst, sein bester Freund wird überzeugter Hitlerjunge. Und plötzlich kann die Gewalt, die sich vorher nur zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten abgespielt hat, jeden treffen. Doch dann ist da auch Ursula mit den blonden Zöpfen, bei der Hans weiche Knie bekommt und die so sehr für Hitler schwärmt…

Ein spannendes Buch, das auf unaufgeregte und doch nicht minder packende Art und Weise die ersten Monate des Nationalsozialismus in Deutschland schildert, dabei auch das Verführerische dieser Ideologie nicht ausspart und dennoch aufzeigt, dass auch ein Jugendlicher schon nach kurzer Zeit zu einem klaren Urteil darüber kommen kann.

BuchtitelKopf runter, durchhalten
AutorDaniel Höra
GenreGegenwart & Zeitgeschichte
Lesealter12+
Umfang109
VerlagCarlsen Clips
ISBN978-3-551-31789-6
Preis4,99

„Kopf runter, durchhalten!“ ist die launige Parole von Hans‘ Vater, wenn er sich im Scherz bei einer Kissenschlacht wegduckt. Doch daraus wird bitterer Ernst: Als am 30. Januar 1933 Hitler an die Macht kommt, können Hans und seine Familie sich nicht vorstellen, dass die Regierung der Nationalsozialisten von Dauer sein soll. Doch schon in den nächsten Wochen und Monaten müssen sie erleben, dass ihre von bürgerlichen Werten geprägte Welt auf den Kopf gestellt wird. Hans ist abgestoßen von der Brutalität der Nazis, die ihre Verachtung für Juden und Kommunisten offen zur Schau stellen, und gleichzeitig fasziniert von der Begeisterung, mit der seine heimliche Flamme Ursula die neue Bewegung und ihre Ideen unterstützt. Niemand scheint stark genug, dieser Bewegung etwas entgegen zu setzen: Hans‘ Vater verliert seine gehobene Stellung in der Firma, jüdische Lehrer und Mitschüler verschwinden von der Schule, Hans‘ Onkel, ein Sozialdemokrat, muss aus Deutschland flüchten. Als die SA gewaltsam Hans‘ Pfadfindergruppe auflöst, erkennt er, dass an diesem Regime nichts gut sein kann und dass er nur eine Möglichkeit hat, möglichst unbeschadet durchzukommen: „Kopf runter, durchhalten!“

Leseprobe:

Es ist Sonntag früh und Hans trifft sich mit seiner Gruppe im Vereinshaus.

Doch diesmal sind sie nur sechs Mann.

„Nanu, wo sind denn alle?“, fragt Hans.

„Wir sind komplett“, sagt Peter. „Die anderen sind ausgetreten.“

„Was?“, fragt Hans entsetzt.

„Und Otto ist jetzt bei der HJ“, fügt Albrecht hinzu.

„Niemals“, sagt Hans überzeugt.

„Na, dann fahr mal in den roten Wedding, da wo Otto wohnt. Überall Hakenkreuzfahnen.“

Das kann und will Hans nicht glauben.

„Doch, genau da. Hitler hat ja fast alle Kommunisten einsperren lassen. Ich weiß von meinem Vater, dass die übrig gebliebenen schnell in die Nazi-Partei eingetreten sind, damit sie keine Schwierigkeiten kriegen. Und Ottos Vater eben auch. Die haben doch alle Schiss.“

„Und jetzt?“, fragt Hans in die Runde.

Mit „Kopf runter, durchhalten!“ legt David Höra ein Jugendbuch vor, das knapp und unsentimental die ersten Monate nach der sogenannten Machtergreifung Hitlers in Berlin schildert.

Zusammen mit der Hauptfigur Hans, seinen Freunden und seiner Familie kann der Leser die herausragenden Wegmarken dieser ersten Monate miterleben: Der Fackelzug am Abend des 30. Januars, Reichstagsbrand, Aprilboykott, der 1. Mai, die Bücherverbrennung. Schnell wird deutlich, dass das eigentlich politische Geschehen, nämlich die Einsetzung einer neuen Regierung, auch vor anderen Lebensbereichen nicht haltmacht und sogar in die Privatsphäre jedes einzelnen eindringt. David Höra gelingt es meisterlich, trotz der schlichten Sprache das Gefühl des „Nicht-mehr-sicher-Seins“, der zunehmenden Ausweglosigkeit darzustellen, als Hans merkt, dass der Nationalsozialismus in jeden Winkel seines Lebens einzudringen droht. Keine Institution, weder Schule, noch die Pfadfinder und auch nicht die Familie, bleibt verschont. Immer wieder wird ganz deutlich die Brutalität des neuen Regimes aufgezeigt, das den Andersdenkenden keinen Spielraum mehr zugesteht.

Trotz dieser Brutalität hatte der Nationalsozialismus auch faszinierende, verführerische Seiten, und David Höra ist klug genug, diese nicht auszublenden. Anhand der Figuren von Hans‘ bestem Freund Heini und der attraktiven Ursula wird aufgezeigt, worin die Faszination für Jugendliche bestand: Kameradschaft; neue Ideen, wonach endlich auch die Jungen mitbestimmen sollten; die Chance für Angehörige unterer Schichten nach oben zu kommen.

David Höra schildert anschaulich, wie sehr Hans anfangs hin und her gerissen ist zwischen der Erkenntnis, dass der Nationalsozialismus Böses hervorbringt, und eben dieser Faszination, die vor allem durch Ursula verkörpert wird und der er gefallen will. Die Leserinnen und Leser können mitverfolgen, wie Hans schließlich zu einem klaren Urteil über den Nationalsozialismus kommt – und resigniert feststellt: „Nichts wird gut werden. Nie mehr.“

Abgerundet wird dieses gelungene Buch durch ein Glossar, das kurz und bündig die wichtigsten Namen und Begriffe für all jene erklärt, die den Nationalsozialismus noch nicht in der Schule durchgenommen haben.

Aufgrund des kurzen Textes, der einfachen Sprache und des angehängten Glossars kann

dieses Buch grundsätzlich jeder Leserin und jedem Leser empfohlen werden, der mehr über die Zeit des Nationalsozialismus erfahren möchte. Jugendliche können sich gut in die

verschiedenen Figuren hineinversetzen und sich überlegen, wie sie sich in dieser Situation

verhalten hätten.

„Kopf runter, durchhalten!“ kann daher als Privatlektüre, für Schul- und Klassenbibliotheken und für Bücherkisten empfohlen werden.

Die Thematik fordert m.E. allerdings dazu heraus, darüber zu diskutieren, sich weiter zu

informieren und auch nachzufragen. Daher dürfte der Einsatz als Klassenlektüre am

gewinnbringendsten sein, wofür das Buch mit seinem geringen Umfang und der schlichten

Sprache geradezu prädestiniert ist. Hier wäre sowohl der Einsatz im Deutsch-Unterricht

(Charakterisieren von Figuren) als auch im Geschichts-Unterricht

(Thema Nationalsozialismus) oder auch fächerübergreifend denkbar.