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Buchcover John Corey Whaley: Das Zweite Leben Des Travis Coates

Rezension von Meike Both

Travis Coates ist ein medizinisches Wunder. Er ist gestorben und doch lebt er. Sein Kopf wurde eingefroren und fünf Jahre nach seinem Tod auf den gesunden Körper eines Anderen transplantiert. Absurd. Das denkt er. Das denken seine Freunde. Das denken auch viele Fremde um ihn herum. Doch für ihn ist vor allem absurd, dass er immer noch 16 ist, seine Freunde aber schon 21...

BuchtitelDas zweite Leben des Travis Coates
AutorJohn Corey Whales
GenreComing of Age
Lesealter12+
Umfang304 Seiten
Edition2014
VerlagCarl Hanser
ISBN978-3-4462474413
Preis15,90 €

Travis Coates ist ein medizinisches Wunder. Er ist gestorben und doch lebt er. Sein Kopf wurde eingefroren und fünf Jahre nach seinem Tod auf den gesunden Körper eines Anderen transplantiert. Absurd. Das denkt er. Das denken seine Freunde. Das denken auch viele Fremde um ihn herum. Doch für ihn ist vor allem absurd, dass er immer noch 16 ist, seine Freunde aber schon 21. Sie gehen aufs College und haben ein ganz neues Leben. Ohne ihn. Und auch seine Eltern verheimlichen ihm etwas. Aber was? Schafft Travis es, wieder ein Teil des Lebens seines besten Freundes zu sein? Oder wieder mit seiner großen Liebe zusammen zu kommen, die inzwischen mit einem anderen Mann verlobt ist? Und wie soll man mit der Vergangenheit abschließen, wenn man sich an einen Großteil davon gar nicht erinnern kann - weil man eingefroren war? Travis muss sich in dieser neuen Welt zurechtfinden, erfahren, was er alles verpasst hat und neu anfangen.

Am Mittwoch meiner ersten Woche wieder in der Schule trafen wir uns mit Dr. Saranson im Krankenhaus hier am Ort. Er war an diesem Morgen extra mit dem Flugzeug aus Denver gekommen, um mich zu untersuchen und wohl nachzuschauen, ob alles noch fest an seinem Platz saß. Er machte diesen Witz übrigens bei dem Termin, und ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich ziemlich lachen musste. Ich bin ein großer Fan von schlechten Witzen, das habt ihr bestimmt schon gemerkt.
„Travis, deine Gesundheit könnte nicht besser sein“, stellte er fest. „Ich war etwas besorgt, dass Jeremys Körper nach der ganzen Prozedur geschwächt wäre, das gebe ich zu, aber du warst wohl die beste Behandlung dagegen. Dein Kopf zumindest. Was macht der Appetit?“
„Er ist nicht satt zu kriegen. Whole Foods hat keine besseren Kunden als uns“, sagte meine Mutter.
„Das ist gut. Sehr gut. Und was macht die Schule?“
„Ist okay. Komisch, aber okay.“
„Er hat schon einen neuen Freund“, sagte mein Vater.
„Hey, das ging ja schnell. Überrascht mich aber auch nicht. Pass auf, dass sie nicht nur deinen Ruhm wollen.“  Er lachte in sich hinein und schaute auf sein Klemmbrett.
Irgendwann bat er meine Eltern, uns fünf Minuten allein zu lassen, und wir sprachen noch ein wenig über Jeremy Pratt. Als es so weit war, hatte Jeremy auch fast keine Angst vor dem Sterben, berichtete er, genau wie ich. Das traurigste an Jeremys Geschichte war in meinen Augen nicht, dass er starb, sondern wie er zum ersten Mal von seiner Krankheit erfuhr. Eigentlich hatte er Profi-Skateboarder werden wollen. Doch eines Tages fiel er beim Skaten mit seinen Freunden immer wieder hin, verlor bei den einfachsten Tricks das Gleichgewicht, sogar bei denen, die er seit Jahren konnte. Dazu kamen Kopfschmerzen, Stimmungswechsel und schließlich Übelkeit und Erbrechen. Es heißt, man habe gute Chancen, einen Hirntumor zu überleben, wenn er entfernt werden kann. Geht das nicht, endet man meistens wie Jeremy Pratt. Nur dass man nachher nicht an mir dranhängt.
(S. 76f)

Der Ich-Erzähler in seiner Welt
Charakteristisch für Travis ist, dass er sich nicht nur anders fühlt als alle anderen, sondern eben auch anders ist. Er ist erst der zweite Mensch, der die Transplantation seines Kopfes auf den Körper eines anderen Menschen überlebt hat. Für viele Menschen ist er nicht nur ein medizinisches Wunder. Sie sehen ihn sogar als ein religiöses oder spirituelles Wunder. Dies führt zu erheblichem Interesse an seiner Person, zu Interview-Anfragen, Fanpost, aber auch Hassbriefen. Bis kurz vor Ende der Erzählung weigert Travis sich, sich mit seinem Einfluss auf andere Menschen auseinander zu setzen. Auch als er sich schließlich durchringt, sich damit zu beschäftigen, ist er schnell überfordert. Er legt die Briefe wieder weg und kann sich nicht vorstellen, sich jemals damit so auseinander setzen zu können, wie die Leute, die ihm geschrieben haben, es seiner Meinung nach verdient haben. Der Einzige, bei dem sich Travis verstanden fühlt, ist Lawrence, der erste Mensch, bei dem die Transplantation des Kopfes geglückt ist. Zu ihm sucht er nach einigem Zögern Kontakt und er entwickelt sich zu Travis‘ Vertrauensperson.
Travis verschließt sich allen Veränderungen. Diese haben aber, bedingt durch seine fünfjährige Abwesenheit, bereits in einschneidendem Maße stattgefunden. Doch er versucht, sein altes Leben wiederherzustellen. Das wird vor allem dadurch deutlich, dass er bis zum Schluss an der nicht mehr existierenden Beziehung zu seiner ersten großen Liebe festhält. Travis weigert sich, sich einzugestehen, dass sie mit einem anderen Mann glücklich sein könnte. Er weigert sich lange, auch die Gefühle seiner Freunde und Familie hinsichtlich seines Todes und seiner Rückkehr von den Toten anzuerkennen, sie ihnen zuzugestehen. Seiner Meinung nach sollte alles so weiter gehen wie vor seinem Tod. Entsprechend rebelliert er in ausgeprägter Weise gegen jede Form der Veränderung, die er nicht selber gewählt hat. Denn Veränderung durch eine neue Freundschaft oder den Kontakt zum ersten Patienten mit neuem Körper wählt er sehr bewusst. Dabei erwartet er von seinem Umfeld selbstverständlich, diese Entscheidungen so zu akzeptieren und nicht zu hinterfragen.
Sein Kommunikationsverhalten ist von seinem Artikulationsstil her typisch für pubertierende Jugendliche. Er redet sehr viel und gerne, hat einen sehr trockenen, teils sogar makabren Humor und in Gesprächen mit seinen Freunden geht es meistens um Mädchen. Es fällt jedoch auf, dass sich ansonsten eigentlich alles um ihn selbst dreht. Über seine Freunde erfährt man äußerst wenig, abgesehen von grundlegenden Dingen wie Collegebesuchen oder der Verlobung mit einem anderen Mann. Selbst die ihm verheimlichte Trennung seiner Eltern nimmt er verhältnismäßig gefasst, aber eben sehr ich-bezogen auf. Die Gefühle der Anderen scheinen ihm dabei nicht egal zu sein. Ihre Existenz scheint ihm vielmehr überhaupt nicht bewusst zu sein.

Verstehen durch Erzählen
Travis mentale Ausgangslage erscheint auf den ersten Blick sehr stabil, wenn man bedenkt, dass er einen ganz neuen Körper erhalten hat und welche Veränderungen dies und seine fünfjährige Abwesenheit mit sich bringen. Im Laufe des Buches wird jedoch immer deutlicher, dass Travis diese Gelassenheit und Stabilität nur nach außen vortäuscht. Innerlich ist er mit seinem neuen Körper, mit dem Verlust seines besten Freundes und seiner Freundin und all den Veränderungen, die sein neues Leben für ihn bereithält, vollkommen überfordert. Dies ist auch der Grund, warum er fast schon zwanghaft versucht, Veränderungen zu vermeiden und sein altes Leben wieder herzustellen. Dieser Zwang wird jedoch nur ein einziges Mal nach außen sichtbar, als Travis im Spielcasino eine Panikattacke erleidet. Dabei nimmt er die Hilfe seiner Freunde nur sehr widerstrebend an.
Diese Überforderung mit seinen Gefühlen und deren dadurch bedingte Ignoranz führen dazu, dass Travis‘ Selbstwahrnehmung für den Leser anfangs häufig nur schwer nachvollziehbar ist. Erst im Laufe der Geschichte werden die Tiefe seiner Problematik und damit auch seine Selbstwahrnehmung deutlich und so auch authentischer. Sein Wunsch nach Normalität, Stabilität und Konstanz wird immer greifbarer und ist wohl für jeden Jugendlichen nachvollziehbar. Mit fortschreitender Zeit zurück im Leben erlangt Travis allmählich eine gewisse Einsicht in die Tatsache, dass auch seine Umgebung nicht unberührt von seinem Tod und seiner „Auferstehung“ geblieben ist, dass auch sie Probleme haben, mit ihren Gefühlen zurecht zu kommen. Nach und nach gesteht er auch sich selbst seine Ängste ein. Dieser Prozess ist zum Ende des Buches allerdings bei weitem nicht abgeschlossen und lässt auch zwischendurch immer wieder einige Fragen offen.

Formale Aspekte
Das Cover der deutschen Ausgabe zeigt auf den ersten Blick einen Jugendlichen auf seinem Skateboard. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass er durch den Namen des Autors und den Titel des Buches in drei Teile geteilt wird und vier Hände hat. Außerdem findet sich auch das Skateboard als tatsächliches Element des Buches, aber auch als Metapher für Travis‘ neues Leben im Buch wieder. Somit enthält das Cover bereits einige Hinweise auf das Buch, ist aber gleichzeitig für jugendliche Leser sehr ansprechend gehalten – geschrieben aus der Sicht von Travis, hält es sich weitestgehend an eine recht einfache Jugendsprache.
Die Schriftgröße sowie die Länge der Kapitel sind sehr leserfreundlich. Die letzten Worte eines Kapitels stellen stets die Überschrift des neuen Kapitels dar. Es wird ein Bogen zwischen den einzelnen Kapiteln gespannt, der dieses Buch von anderen Büchern unterscheidet und es noch interessanter macht.

Zusammenfassende Bewertung/ Fazit

Ein Roman, der durch sein konfliktträchtiges Thema zum Weiterdenken und zur Auseinandersetzung mit dem Leben nach dem Tod, aber auch mit den Herausforderungen des Erwachsenwerdens anregt. Durch die Überlegungen des Arztes Sergio Canavero, eine solche Transplantation in naher Zukunft tatsächlich durchzuführen, gewinnt dieser Coming-of-Age-Roman, der sich eigentlich auf erfrischend neue Art und Weise mit den Veränderungen der Pubertät beschäftigt, unerwartet an Aktualität und Brisanz. Dieses Buch ist daher äußerst lesenswert.

-Geeignet für diverse Unterrichtsprojekte mit älteren Schülern, die bereit sind, abstrakt zu denken
-Fünf Fragen an den Autor:  www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-zweite-leben-des-travis-coates/978-3-446-24741-3/
-Die englische Homepage des Autors enthält weiterführende Informationen zum Autor und seinen Büchern: johncoreywhaley.com/untitled/
-Informationen zur geplanten Kopftransplantation von Sergio Canavero findet man u.a. hier:
surgicalneurologyint.com/surgicalint_articles/heaven-the-head-anastomosis-venture-project-outline-for-the-first-human-head-transplantation-with-spinal-linkage-gemini/ und hier:
www.welt.de/vermischtes/article137912632/2017-soll-der-erste-Kopf-transplantiert-werden.html.